06.06.2018

Papst-Doku

Was er uns sagen will

Einer der international angesehensten deutschen Regisseure bringt einen außergewöhnlichen Dokumentarfilm in die Kinos: Nächsten Donnerstag startet „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders. Sehenswert.

 

Wim Wenders hält sich nicht lange mit innerkirchlichen Themen auf. Ja, es geht kurz um den sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester und um Homosexualität, ja, es gibt einen nicht mal ganz kurzen Ausschnitt aus jener spektakulären Weihnachtsansprache anno 2014 vor den versammelten Kurienkardinälen über die 15 „geistlichen Krankheiten“. Doch was Franziskus seiner Kirche ins Stammbuch schreibt, interessiert den Filmemacher nur am Rande. 

„Wir wollten keinen Film für Katholiken machen“, stellt Wenders klar. „Das ist ein Film für jeden – denn es geht um uns alle und um Themen, die jeden von uns betreffen.“ In der Tat: Das ist ein Film darüber, was dieser Papst der Menschheit zu sagen hat.

Es gibt sehr viel zu tun – und zwar gemeinsam!

Zum Beispiel sagt er ein klares „Nein zu einer Welt, in der das Geld regiert, anstatt zu dienen“. Er geißelt den zerstörerischen Umgang mit „Mutter Erde“: „Wir alle sind dafür verantwortlich! Niemand kann sagen: Damit habe ich nichts zu tun.“ Arbeitslosigkeit, sagt er, „raubt uns unsere Würde“. Flüchtlinge nennt er „Opfer einer weltweiten Ungerechtigkeit“. Er ruft ohne Wenn und Aber dazu auf, „den Waffenhandel zu stoppen“. Er fordert die Anstrengung aller bei der Bewältigung der globalen Probleme ein: „Wir haben viel zu tun, und wir müssen es gemeinsam tun.“

Gewiss, das sind Appelle, die man – vielleicht nicht in jedem Fall so radikal – von einem Papst erwartet. Und in Sonntagsreden und -predigten auch von vielen anderen serviert bekommt. Aber dieser Franziskus ist einer, um Wim Wenders zu zitieren, „der zu seinem Wort steht, der das lebt, was er predigt“. Deshalb auch der Titel des Films.

In dem praktisch ausschließlich der Papst redet. Wenders hat vier längere Gespräche mit Franziskus geführt; allerdings ist der Interviewer nie im Bild, und welche Fragen er stellt, erfahren die Zuschauer ebensowenig; Franziskus spricht direkt in die Kamera und also geradewegs ins Publikum. Außerdem lieferte das Archiv des vatikanischen Fernsehens Ausschnitte von Begegnungen, Reden, Predigten und Interviews, vor allem während der Reisen des Papstes. 

Äußerst selten bietet der Film Szenen ohne den Papst – im Wesentlichen sind das drei kurze Passagen über den heiligen Franz von Assisi. Sie wirken ein wenig wie Fremdkörper, denn Wenders hat sie in Schwarz-Weiß gedreht, mit einer Handkurbelkamera aus der Stummfilmzeit der 1920er Jahre. Mit dieser eigentümlichen Machart will Wenders die Bedeutung der Namenswahl des Papstes hervorheben, mit der er sich in die Nachfolge jenes Heiligen stellt, den der Film als „Revolutionär“ bezeichnet, „nicht nur der Christenheit, sondern der Menschheit“.

Ein hoher Anspruch. Kann dieser Papst ihn erfüllen? Der Film legt die Antwort nahe: Ja. Dabei missrät er durchaus nicht zu einem eineinhalbstündigen Franziskus-Werbespot. Wenders achtet sehr wohl auf die nötige Distanz zum Star seines Dokumentarfilms. Er lässt die Worte und die Bilder für sich sprechen. Man hört und sieht und erlebt einen Mann, der authentisch ist, ganz gleich, ob er nun ein Kinderkrankenhaus in der Zentralafrikanischen Republik besucht oder vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York auftritt.

Nach dem Kinobesuch: ein Gefühl der Hoffnung?

„Ich wünsche mir“, sagt Wenders, „dass die Zuschauer mit einem Gefühl der Hoffnung und einer Sehnsucht nach einer besseren Welt aus diesem Film gehen.“ Das kann gelingen, die Qualität dafür besitzt der Film. Freilich werden die Zuschauer das Kino wohl auch mit einem sehr realistischen Gedanken verlassen: Die Menschheit hört diesem Papst zu, bewundert ihn, gibt ihm recht – und lässt ihn einen guten Mann sein.

Wäre zu schön, wenn ein Film daran etwas ändern könnte.

von Hubertus Büker

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes. USA 2018. Regie: Wim Wenders. 96 Min. Start: 14. Juni