24.01.2018

Warten lohnt sich

Noch einmal geht es weihnachtlich zu im Kirchenjahr. 40 Tage nach Weihnachten feiern wir die „Darstellung des Herrn“. Dahinter steht die Geschichte von einer alten Frau und einem alten Mann, die warten und sehen konnten.

Simeons Loblied, Gemälde von Aert de Gelder
Simeons Loblied, Gemälde von Aert de Gelder

40 Tage nach der Geburt Jesu reisen Maria, Josef und das Kind zum Jerusalemer Tempel. Hier zeigt sich zum dritten Mal das Kind als der Heiland. Was diesmal anders ist: Die Hirten und die Magier waren vom Messias überrascht. Simeon und Hanna haben auf ihn gewartet. Damit stehen sie uns näher als die anderen Weihnachtsfiguren. 

Gestalten wie Simeon und Hanna finden wir in jeder Kirche. Es sind die Leute, die immer da sind, die nicht locker lassen im Gebet, die nicht schon weggegangen sind und nicht weggehen werden, und die man deshalb zwangsläufig antrifft. 

Hanna und Simeon, eine Frau und ein Mann. Auch das ist kein Zufall. Im weiteren Verlauf der Jesus-Erzählung wird ein vergleichbares, namentlich genanntes Paar nicht mehr auftreten. Während die Hirten die kleinen Leute repräsentieren und die Weisen die Heidenvölker, so stehen Hanna und Simeon für die Frauen und Männer des Volkes Gottes. In ihnen steckt die ganze Geschichte, die das geheiligte Volk mit Gott erlebt hat;
angefangen mit Adam und Eva, gefolgt von Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka und so weiter. 

Diese alle haben als junge Menschen die Bühne betreten. Simeon und Hanna sind alt. Bei Simeon kann man nur vermuten, dass er am Ende des Lebens steht. Er sagt ja: „Nun kann ich in Frieden scheiden…“ Bei Hanna erfahren wir: Sie ist 84 Jahre, für ihre Zeit unvorstellbar alt. Simeon und Hanna bringen nicht nur das Erbe Israels mit, sondern auch ihre eigene Lebensgeschichte.

Der Evangelist Lukas verrät sogar – und nur in dieser Geschichte –biografische Einzelheiten. Hanna wurde nach siebenjähriger Ehe Witwe. Sie hat also mindestens 60 Jahre im Elend gelebt. Eine solche Frau hat nur die Hoffnung auf Gott. Von Simeon erfahren wir, dass er an ein Versprechen glaubte: „Er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.“ Aber langsam wird es eng. Mit jedem Tag schwindet die Chance, den Heiland noch zu erleben. Er wartet und wartet. 

Hanna und Simeon haben ein Auge für das Heil

Simeon und Hanna sind dem Ende nahe. Aber sie bleiben wach und aufmerksam. Die Erfahrungen ihres langen Lebens haben sie gelehrt, wie man das Wichtige vom Unwichtigen unterscheidet. Sie lassen sich nicht davon beeindrucken, ob etwas groß oder klein daherkommt. Und das, was am Tag der „Erscheinung“ hereinkommt, ist sehr klein. Zu sehen ist ein sechs Wochen altes Kind, mehr nicht. 

In dieser kleinen Weihnachtsgeschichte treten keine Engel auf, die das Geschehen erklären. Hanna und Simeon erkennen selbst, was geschehen ist. Sie wissen, was dieses Kind bedeutet. Sie sehen das Heil, das Gott ihnen schenkt, weil sie ein Auge dafür haben. Und am Ende wird alles ganz leicht und selbstverständlich. Simeon nimmt das Kind in seine Arme. Das Heil, das Gott ihm zu schauen versprochen hat, kann er nun nicht nur sehen. Er hält es in den Händen. 

„Du hast es gut, Simeon!“, sagt Schwester Rosa Maria Dick, Generaloberin der Barmherzigen Schwestern, in einer Meditation über den Alten vom Tempel:

Du hast es gut, greiser Simeon
Du hast Jesus in den Händen
Nein, nicht nur in den Händen
auch in deinem Inneren!

Was habe ich
in den Händen
im Herzen
in meinem Inneren?

Eine Sehnsucht
erfahrenes Heil
geschenktes Erbarmen
Menschgewordener Gott!

Ja, auch ich habe es in der Hand
Dich neu aufzunehmen
In diesem neuen Jahr 
Und in meinem Leben. 

Text: Andreas Hüser