11.04.2018

Zum Mittagstisch im Benediktinerkloster Nütschau

Vom Beten und Schweigen

Am „Tag der offenen Klöster“ am 21. April gewähren auch die Benediktiner des Klosters Nütschau Einblicke in ihren Alltag. Doch nur selten sind Außenstehende am Mittagstisch der Mönche zu Gast – dabei ist das ein besonderes Erlebnis.

 

 

Bruder Lucas im Refektorium des Benediktinerklosters Nütschau
Bruder Lukas im Refektorium, dem Speisesaal der Mönche, die sich nur ungern beim Essen fotografieren lassen würden.  Foto: Marco Heinen

 Vorneweg: Zum Nachtisch gibt es einen Quark mit frischen Nüssen und zwei Pralinen oben drauf! Doch der Reihe nach. Erst ertönt der Gong. Das lichtdurchflutete Refektorium mit dem großen Kreuz an der Wand füllt sich schnell mit Männern in schwarzem Habit. Die Mönche, die sich eben noch in der Klosterkapelle zu einer Mittagsandacht versammelt haben, streben zur u-förmigen Tafel des Speisesaals. Jeder hat einen bestimmten Platz und bleibt hinter seinem Stuhl stehen. Da der Bruder Prior, quasi der Leiter des Klosters, auf einer Äbte-Konferenz ist, hätte eigentlich der Bruder Subprior den Vorsitz. Doch der ist diesmal Tischleser, worüber noch zu reden sein wird. Stattdessen übernimmt es der Hebdomadar – der Gottesdienstleiter dieser Woche – den Tischsegen zu sprechen. Anschließend werden noch zwölf Verse aus der Bibel gelesen. Im Moment ist das Buch Deuteronomium des Alten Testaments dran. Danach trägt einer der Brüder die Vorsuppe auf.

Was sich zunächst nach schwerer Kost und einem Bericht aus einer fremden Welt anhört, ist tägliches Ritual der Benediktiner im Kloster Nütschau bei Bad Oldesloe. Nur selten haben Gäste Gelegenheit, mit an dieser Tafel zu speisen, die sich im geschützten Bereich des Klosters, in der sogenannten Klausur befindet. 

Wurde die Mittagsandacht soeben noch mit rund 40 Gästen gefeiert, ist es jetzt Zeit für die innere Einkehr. „Wir schweigen beim Essen, während der Tischleser etwas vorliest. Wir probieren, im ständigen Gebet zu bleiben“, sagt Bruder Lukas Boving (41), einer der Jüngsten. Er sagt es am Vormittag, denn das Schweigen beim Mittag stört man nicht ohne Not. Tischleser ist in dieser Woche Bruder Willibrord. Er sitzt an einem separaten Tisch und liest aus „Flamme sein – Hans Scholl und die Weiße Rose“ von Robert M. Zoske. Weil der Vorleser via Mikrofon verstärkt wird und Bruder Willibrord sehr gut intoniert, ist es fast so, als habe jemand eine Hörbuch-CD eingelegt. Nur das Klappern der Gabeln auf den Tellern stört.

Das Gestühl zwingt zur aufrechten Haltung

Zweiter Gang. Das Gestühl zwingt zu einer sehr aufrechten Haltung, und ein gewisses Tempo beim Auftragen der Speisen gebietet eine konzentrierte Nahrungsaufnahme. Dreimal wöchentlich ist das Essen vegetarisch. Als Hauptgang gibt es Reis mit Scheiben von Kürbis und Sellerie sowie gebratene Champignons, dazu eine helle Soße und Salat. Getrunken wird Wasser und hausgemachter Apfelsaft. Leichte Kost, auch im Vergleich zur Lesung aus der Hans-Scholl-Biografie. Die beendet der Tafel-Vorsitzende nach dem Nachtisch mit einem kleinen Glöckchen. Noch ein gesungener Dank und zügig lehrt sich das Refektorium wieder. Bis 14 Uhr ist nun Mittagspause. Die Brüder verschwinden in ihren Zimmern. Es sind Orte des Rückzugs, die privat bleiben, selbst wenn am „Tag der offenen Klöster“, am Samstag, 21. April auch Teile der Klausur für Besucher geöffnet werden. 

Jeder Tag beginnt bei den Benediktiner-Mönchen um 6 Uhr mit dem Läuten der Glocken. Eine halbe Stunde später beten sie in der Klosterkapelle direkt hintereinander das Nachtgebet, die Vigil, und das Morgenlob, die Laudes. Dann gibt es Frühstück und anschließend geht jeder seiner Arbeit nach. Da das Kloster Nütschau als Gästekloster bis zu 30 000 Übernachtungsgäste pro Jahr zählt, die vor allem auch spirituelle Impulse suchen, sind die Brüder alle mehr oder weniger intensiv in deren Betreuung eingebunden. Der Weggemeinschaft gehören derzeit 18 Männer im Alter zwischen 41 und 88 Jahren an sowie ein Postulant (28), der noch kein halbes Jahr im Kloster lebt. „Wir gehören damit zu den zehn größten benediktinischen Männerklöstern“, sagt Bruder Lukas. 

Nach der Mittagspause gehen die Brüder wieder ihren Aufgaben nach bis um 17.15 Uhr zur täglichen Eucharistiefeier geläutet wird, die „Quelle und Höhepunkt des Tages ist“, wie es der frühere Werbekaufmann ausdrückt. Nach Abendbrot und einer Stunde mit Tagesschau und gemeinsamen Beisammensein endet der Tag schließlich mit der Komplet. Die wurde in den vergangenen Jahren nur ein einziges Mal verschoben: beim Endspiel der Fußball-WM in Brasilien 2014, bei der Deutschland den Titel holte.

Große Sehnsucht nach Spiritualität

Was es heißt, in einem Kloster zu leben, darüber können sich Besucher beim „Tag der offenen Klös-ter“ informieren. „Es gibt eine große Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität, nach Stille und Ruhe im Alltag. Das kann man nicht an einem Tag ermöglichen, aber wir wollen neugierig machen auf einen Ort zum Wiederkommen“, so Bruder Lukas. Beim ers-ten Tag der offenen Klöster hatten rund 1000 Menschen die Gelegenheit genutzt. Am 21. April geht es um 9 Uhr los. Ab 10 Uhr werden stündlich Klosterführungen und Workshops angeboten und es besteht die Möglichkeit, mit den Mönchen über das Klosterleben und die Berufung zu sprechen. Die dem Kloster eng verbundenen Schwestern von der Gemeinschaft Jesu bieten überdies Schnupperkurse für Meditation und Exerzitien an. Auch eine Lobpreis-Stunde mit der Jugendreferentin des Klosters ist geplant. Der Nachmittag endet nach dem Gottesdienst, der um 17.30 Uhr beginnt. www.tag-der-offenen-kloester.de

Text u. Foto: Marco Heinen