27.03.2019

Es sieht finster aus

Der Sonntag Laetare ist der Lichtblick in der Mitte der Fastenzeit. Das österliche Licht darf schon durchscheinen, obwohl es noch gar nicht da ist. Das ist mehr als ein dramaturgischer Effekt. Er führt uns ins Geheimnis unseres Lebens

Bruder Ansgar Stukenborg bei der Arbeit mit den Ikonen
Bruder Ansgar Stukenborg lässt die Ikonen sprechen: Alles strebt vom Dunkel ins Licht.  Foto: Kathrin Erbe

Es sieht düster aus. Was soll nur werden? Es gibt Grund genug, Angst zu haben vor dem, was kommt. Die Menschen sind dabei, die Erde zu zerstören. Die Kluft zwischen reichen und armen Ländern wird zu immer größeren Spannungen führen. Die alten Gespenster wie Nationalismus, Antisemitismus, Fremdenhass kommen wieder aus ihren Löchern gekrochen.

Dabei reden wir noch nicht von den Aussichten für das eigene Leben. Sicher ist es eine Frage des Naturells , wie sehr ich mich von der Angst vor Unfällen, Krankheiten, herunterfallenden Ziegelsteinen und der Pleite meines Arbeitgebers beherrschen lasse. Aber es ist auch eine Frage des Glaubens. 

Der christliche Glaube sagt nicht, dass alles in meinem Leben gut wird. Er gibt keine Tipps, wie ich mich gut durchmogle; oder wie ich mich durch Gleichmut gegen das Unglück immunisiere. Die späten Schriften der Bibel verkünden ohne Kompromiss: Was uns erwartet, ist die Katastrophe, die Verfolgung, die Feuerprobe vor dem letzten Gericht. Sieht so unsere Zukunft aus? 

Wer einmal mit Wasserfarben gemalt hat, weiß: Du musst erst mit den hellen Farben anfangen, die dunkleren Farben darüber malen. Andersherum geht es nicht. Wer einmal eine Ikone gemalt – eigentlich sagt man: „geschrieben“ hat, weiß: Da ist es ganz anders. Der Ikonenmaler fängt mit der dunklen Farbe an und malt die helleren darüber. Das ist nicht nur eine Maltechnik. Genauso wenig, wie die Ikone nur eine Sorte Malerei ist. 

Die dunkle Farbe lässt die helle Farbe leuchten

„Alle Schritte des Malens sind Meditation“, sagt der Benediktinerpater Ansgar Stukenborg, der sein klösterliches Arbeitsleben dem Ikonenschreiben und der Theologie der Ikone gewidmet hat. „In der Ikone“, sagt Bruder Ansgar, „bekommen die helleren Farben ihre Leuchtkraft gerade durch die dunkleren, die darunter liegen. Ein eigenes Geheimnis, das auch etwas mit dem Lebensgeheimnis zu tun hat, mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung.“ 

Denn auch das Leben hat das Dunkle und das Helle. Und wer hat nicht schon erlebt, dass die hellsten Lebensmomente genau dann aufstrahlen, wenn eine dunkle Erfahrung vorangegangen ist? Wer sich Gott zuwendet, schaut aus der Finsternis auf das kommende Licht. Sein Leben hat wie die Ikone einen goldenen Grund. 

Bruder Ansgar: „Wir wissen nicht, was der morgige Tag bringt. Aber unsere Wege sind Wege mit Gott. Sie enden nicht in Finsternis, sondern im Licht seiner Gegenwart.“ Denn im Licht ist unsere Zukunft und unser innerster Grund. Auch davon spricht die Ikone. Der erste Schritt ihrer Produktion ist das Auftragen des goldenen Grundes, auf dem alle anderen Striche aufsetzen.

In einem früher oft gesungenen Volkslied heißt es: „Ungewiss ist alle Wiederkehr. Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.“ Dürfen wir so singen? Muss nicht heitere, österliche Gelassenheit unseren Blick auf die Zukunft prägen? 

Ich glaube, das wäre ein falscher Anspruch. Unsere Zukunft ist nicht die Finsternis. Aber auch das „schwere Herz“ hat sein Recht. Wir müssen es nicht verbergen oder leicht-lügen; am wenigsten vor Gott, der dieses Herz kennt. Aber es darf damit nicht getan sein. So wie auch das Abendlied mit der finsteren Zukunft anfängt, aber der Refrain endet anders: „Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, auf Wiedersehn!“

Text: Andreas Hüser