20.06.2018

Ein „Denkmal des Glaubens“ in Hamburg

Von der Hinterhofkirche zum Dom: Vor 125 Jahren hat Bischof Höting aus Osnabrück die katholische Kirche St. Marien im Stadtteil St. Georg geweiht. Es war der erste katholische Pfarrkirchenbau in der Hansestadt nach der Reformation.

Blick 1949 durch eine Bombenlücke von der Langen Reihe auf St. Marien
Blick von der Langen Reihe durch eine Bombenlücke auf St. Marien in Hamburg-St. Georg.  Foto: Archiv Erzbistum Hamburg

An einen repräsentativen Platz war nicht zu denken. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich die Hamburger Katholiken mehrmals an den Senat gewandt. Ihre Bitte: Die Stadtoberen mögen ihnen, wie anderen Konfessionen auch, ein Grundstück für den Bau einer Kirche kostenlos zur Verfügung stellen. Immerhin gab es 1878 bereits 22 000 Katholiken in Hamburg, die sich im Kleinen Michel oder in einer viel zu kleinen Kapelle versammelten. Doch der Senat lehnte alle Gesuche ab, weil er ein Erstarken der Katholischen Kirche in der Hansestadt fürchtete.

Also musste Plan B her, ein Hinterhof, umschlossen von Gebäuden. St. Marien, der erste katholische Pfarrkirchenneubau nach der Reformation in Hamburg, konnte schließlich im recht großen Garten des katholischen Waisenhauses im Stadtteil St. Georg errichtet und am 28. Juni 1893 durch den Osnabrücker Bischof Bernhard Höting geweiht werden.

Das Jubiläum „125 Jahre St. Marien“ wird vom 28. Juni bis zum 1. Juli mit einem abwechslungsreichen Programm begangen. Höhepunkte sind das Pontifikalamt mit Erzbischof Dr. Stefan Heße am 28. Juni um 18.15 Uhr im Dom, das Aufstellen von vier Stelen der Lübecker Märtyrer Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und Karl Friedrich Stellbrink auf dem Domherrenfriedhof im Anschluss sowie ein festliches Orgelkonzert am 30. Juni um 20 Uhr mit Philippe Lefebvre, Titularorganist an der Kathedrale Notre-
Dame in Paris.

Zurück zur Geschichte: Während der Senat mauerte, engagierte sich der katholische Reichstagsabgeordnete Ludwig Windthorst (1812 bis 1891) besonders für das Projekt. Der führende Repräsentant der Zentrumspartei ermunterte die Hamburger Katholiken, sich nicht mit einer kleinen Lösung zufrieden zu geben. Mit zeittypischem Pathos schrieb er: „Hamburg ist das Tor Deutschlands zur Welt. Die Deutschen, welche in die Welt hinausgehen, hier sprechen sie das letzte Gebet auf deutschem Boden. Es muss ein Tempel gebaut werden katholischen Glaubens, der allen Nationen imponiert. Die Kirche muss Marienkirche heißen – Stella Maris.“

Viele Menschen begeisterten sich für die Idee. Beim ersten katholischen Crowdfunding-Projekt in Hamburg kamen 495 895 Mark zusammen, ein Betrag, der für die zunächst bescheidene Innenausstattung ausreichend war. 1889 fiel die endgültige Entscheidung für die Errichtung der St. Marien-Kirche. Bischof Höting sprach sich für eine Kirche im „ruhig und gemessen wirkenden romanischen Stil“ aus. „Offenbar wollte er einerseits einen eigenen Akzent setzen, gleichzeitig aber auch historische Kontinuität betonen“, schreibt der Hamburger Diakon Tobias Riedel, der anlässlich des Jubiläums eine Geschichtsausstellung für den St. Marien-Dom konzipiert hat.

Den Auftrag zur Erstellung der Baupläne für das neue Gotteshaus bekam der Architekt Arnold Güldenpfennig, der seit 1856 als Dombaumeister in Paderborn tätig war und bereits viele katholische Kirchen entworfen hatte. Die Hamburger sollte so wie die Bremer Kirche mit Doppeltürmen gestaltet werden, „wohl in Anspielung an den heiligen Ansgar, der nach seiner Flucht aus Hamburg Erzbischof des Doppelbistums Hamburg-Bremen wurde“, so Diakon Riedel. Ende Mai 1890 starteten die Bauarbeiten, am 15. August, dem Fest Mariä Aufnahme in den Himmel, erfolgte die Grundsteinlegung mit Bischof Höting. 1891 konnte Richtfest gefeiert werden. Aufgrund des Ausbruchs der Cholera konnte die Kirche erst im Frühsommer 1893 fertiggestellt werden.

Bei der Kirchenweihe durch Bischof Höting waren natürlich auch Delegierte des Hamburger Senats und der Bürgerschaft dabei. Das Ereignis betraf schließlich nicht nur die Katholiken der Hansestadt, sondern die gesamte Elbmetropole. Pfarrer Harling nannte die Kirche, man hatte sich für einen „ruhig und gemessen wirkenden romanischen Stil“ entschieden, „ein Denkmal des Glaubens an den einen und dreieinigen Gott“. Mehr als 2 000 Gläubige sollen am Gottesdienst teilgenommen haben.

Die beiden Weltkriege hinterließen Spuren im Leben der Gemeinde. Die Buntglasfenster im Chorraum waren bei den Bombenangriffen auf Hamburg 1943 zerstört und nach Kriegsende durch Fenster im Stil gotischer Glasmalerei ersetzt worden. Die vier Bronzeglocken von 1901 mussten zu Beginn des Ersten Weltkrieges für die Rüstungsproduktion abgegeben werden. Auch den vier Nachfolgern aus Bronze erging es nicht besser. Zum Glück wurden zwei Glocken nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem sogenannten „Hamburger Glockenfriedhof“ im Hafen entdeckt und zurückgegeben.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die im Laufe ihrer 125-jährigen Geschichte mehrmals um- und ausgebaute Marienkirche leicht beschädigt. Die Spuren des Bombardements sind jedoch bis heute sichtbar: Durch die Hitze der Brände angrenzender Gebäude hatte sich die Teerpappe, mit der die Kirche gedeckt war, verflüssigt. Sie war an der Fassade heruntergetropft. „Diese Teerspuren kann man vom Statiogang aus bis heute deutlich sehen. Ein eindrückliches Mahnmal gegen den Wahnsinn des Krieges“, berichtet Tobias Riedel. Nach Kriegsende lag St. Georg in Trümmern, nur die Türme von St. Marien ragten gen Himmel. Man verzichtete darauf, die Häuser südwestlich der Kirche wieder aufzubauen. So entstand der heutige Domplatz. Erstmals lag St. Marien nicht mehr im Hinterhof.

Ludwig Windthorst hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Vision von der Gründung eines neuen Erzbistums Hamburg formuliert. Etwa 100 Jahre später war es so weit: Aus der Hamburger Pfarrkirche St. Marien wurde der St. Marien-Dom. Was hätten wohl die Politiker, die vor 125 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung standen, zu dieser Entwicklung gesagt?

Text: Norbert Wiaterek