09.01.2019

E-Mails können Leben retten

Junge Frauen und Männer helfen in schwierigen Situationen: Mit Hilfe des Internets beraten sie Gleichaltrige in Krisen und oft auch mit Suizidgedanken. Die „[U25] Online-Suizidprävention“ von „In Via“ Hamburg gibt es seit 2013.

Jugendlicher blickt von Autobahnbrücke auf vorbeifahrende Fahrzeuge
Ein Jugendlicher steht auf einer Autobahnbrücke und blickt auf die Fahrzeuge. Suizid ist bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache.  Foto: Falk Orth/epd

Liebeskummer, Mobbing, Gewalterfahrungen, Essstörungen, Scheidung der Eltern, Einsamkeit: Es gibt viele Probleme, die Jugendliche belasten. Nicht wenige sehen in einer Krise nur einen Ausweg, den Selbstmord. „Suizid ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei jungen Leuten. Jedes Jahr sterben 600 Jugendliche durch einen Suizid“, weiß Nina von Ohlen vom Caritas-Fachverband „In Via“ Hamburg.

Auf Augenhöhe mit den Hilfesuchenden

Jugendliche und junge Erwachsene bis zu einem Alter von 25 Jahren, die nicht mehr weiter wissen, können ihre Sorgen und Probleme per E-Mail mitteilen – über das Online-Beratungsportal [U25] des Vereins „In Via“. Schnell, kostenfrei, anonym. Das Besondere an diesem niedrigschwelligen Angebot: Am anderen Computer sitzen ebenfalls junge Menschen. Sie sprechen die gleiche Sprache, ticken ähnlich und wurden zuvor gut ausgebildet.

Peer-Berater nennen sich die 16- bis 25-Jährigen. Das Wort „Peer“ kommt aus dem Englischen und bedeutet ebenbürtig, gleichaltrig. „Peer-Berater sind auf Augenhöhe mit den Hilfesuchenden, die sie kontaktieren“, betont Projektleiterin Nina von Ohlen. „Wichtig: Wir begleiten verantwortungsvoll, sind aber keine Therapeuten oder Psychologen und ersetzen diese auch nicht. Wir lesen die Mails und können den Ratsuchenden dann Gelegenheit geben, über andere Wege nachzudenken als über den Suizid, können auch auf weitergehende Beratungsangebote und -stellen verweisen.“

Entwickelt wurde [U25] als Online-Beratungssystem für Jugendliche und junge Erwachsene vom „Arbeitskreis Leben“ in Freiburg/Breisgau. Inzwischen gibt es Standorte in neun weiteren deutschen Städten. In Hamburg startete „In Via“ im September 2013 mit [U25]. Hier wurden bislang 38 Peer-Beraterinnen und -Berater ausgebildet: Schüler, Azubis, Studenten.

In Hamburg sitzen aktuell 23 Ehrenamtliche an den Computern. „Pro Jahr können sie zwischen 130 und 150 Klienten beraten und kontinuierlich begleiten“, berichtet Diplom-Pädagogin von Ohlen. Mehr als 2 000 E-Mails werden jährlich geschrieben. Oft beinhalten sie nur zwei bis drei Sätze, manchmal aber auch mehrere eng beschriebene Seiten.

Jeder Hilferuf wird ernst genommen

Jeder [U25]-Hilferuf, egal aus welchem Bundesland, wird ernst genommen. In Erst-Mails werden zunächst nur das Alter, das Geschlecht, das Bundesland und der frei gewählte Benutzername mitgeteilt. Sie erhalten spätes­tens nach 48 Stunden eine erste Rückmeldung und einen Berater. Folge-Mails werden innerhalb einer Woche beantwortet. Wenn der Wunsch besteht, kann dies der Beginn einer monate- oder jahrelangen Begleitung sein. Erfolge seien nicht messbar. „Jeder, der sich bei uns meldet und mit uns im Gespräch bleibt, ist ein Erfolg“, meint von Ohlen. „Wenn der Mail-Kontakt endet oder abbricht, hoffen wir, dass unsere Hilfe nicht mehr benötigt wird oder dass sich der Mail-Schreiber professionelle Hilfe geholt hat.“

Eine facettenreiche Herzensarbeit

„Sprechen kann eine Hemmschwelle sein. E-Mails zu schreiben fällt oftmals leichter“, weiß Cosima, die nur ihren Beraternamen nennen möchte. „Die Prob-leme, die mitgeteilt werden, reichen von Mobbing bis zu Missbrauch und Gewalt. Und manchmal sind auch nur die Eltern doof. Was für den einen eine Krise ist, kann für den anderen Peanuts sein. Das subjektive Empfinden zählt.“ Sannah bezeichnet die ehrenamtliche Tätigkeit als „Herzensarbeit, vielfältig und facettenreich“. Man müsse authentisch sein und dürfe die Konflikte nicht zu sehr an sich ranlassen. Anki betont: „Dies ist keine Belastung, weil die Distanz gewahrt bleibt, wir regelmäßig und gut betreut werden und nicht unvorbereitet anfangen.“

 

Projektleiterin Nina von Ohlen im Gespräch mit Peer-Beraterin Paula
Projektleiterin Nina von Ohlen (li.) im Gespräch mit Peer-Beraterin Paula.  
Foto: Norbert Wiaterek

Begleitung auch nach der Ausbildung

Die Ausbildung der Krisenberater dauert sechs Monate. Danach gibt es alle 14 Tage Supervisionen. Die hauptamtlich tätige Projektleiterin begleitet die Kontakte zwischen den Hilfesuchenden und den Beratern. Sie liest die E-Mails, gibt Ratschläge, kommentiert. Alle zwei Wochen findet ein Teamtreffen mit den Peer-Beratern statt. Die meisten kommen aus Hamburg, manche aus dem Umland, etwa aus Lübeck.

Im Februar 2018 hatten zwölf engagierte junge Frauen, darunter neun aus der Pfarrei St. Marien Bergedorf, ihre Abschlusszertifikate erhalten. Ausgebildet wurden sie über das Qualifizierungsprogramm des Erzbistums für Ehrenamtliche. Beim aktuellen Lehrgang sind 14 zukünftige „Lebensretter“ aus Hamburg, darunter auch ein halbes Dutzend Männer, dabei. „Die Ausbildung stärkt und macht fit für die Beratungen. Jeder ist in der Lage, jemandem die Hand zu reichen und zu zeigen: Es gibt einen Ausweg. Jeder kann helfen“, betont von Ohlen. „Natürlich unterliegt alles, was geschrieben und gesagt wird, der Schweigepflicht.“

Das Projekt ist dringend auf weitere Unterstützung angewiesen. Gesucht werden [U25]-Unterstützer. 40 Euro reichen monatlich für die Beratung von zwei suizidgefährdeten Jugendlichen, 120 Euro sichern den Grundbedarf für drei Monate Online-Beratung. Die Ausbildung zum Peer-Berater kostet 700 Euro. Für [U25] in Hamburg werden jährlich 40 000 Euro benötigt.

Text: Norbert Wiaterek




Kontakt:
Nina von Ohlen, In Via Hamburg,
E-Mail:vonohlen@invia-hamburg.de,
Tel. 040 / 51 44 04 65
www.u25-hamburg.de
www.u25-invia-hamburg.de