16.01.2019

Der Vater der Barockorgel

Auch 300 Jahre nach seinem Tod kommen die Menschen, um den Klängen seiner Königinnen zu lauschen. Arp Schnitger hat im 17. Jahrhundert die Orgel-Landschaft des Norddeutschen Raums neu gestaltet und damit Geschichte geschrieben.

Die Barockorgel in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi
Die Barockorgel in der evangelisch-lutherischen Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg.  Foto: Joanna Figgen

Anfang des Jahres 2018 hieß es aus dem Vatikan: Im Petersdom wird ab sofort eine elektronische Orgel erklingen – ohne Pfeifen, dafür mit Lautsprechern. Die weltweite Entrüstung war groß. So sagte damals der Kölner Domorganist Winfried Bönig: „Das ist eine armselige Lösung für so einen Raum wie den Pe­tersdom.“ 

Eine Meinung, die Arp Schnitger wahrscheinlich geteilt hätte. Denn für den bedeutendsten Orgelbauer der Barockzeit war die Pfeifenorgel, auch Königin der Instrumente genannt, das, was für seinen Zeitgenossen Antonio Stradivari die Violine war. Arp Schnitger baute zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert über 100 Orgeln, die die Fachwelt noch bis heute wegen ihrer enormen Klangfülle fasziniert. Nicht nur zwischen Magdeburg, Groningen, Bremen und Hamburg prägte Schnitger die Orgel-Landschaft, sondern er exportierte auch nach Moskau (Russland), London (Großbritannien) und nach Portugal. Den wichtigsten Schritt in seiner Karriere markierte die weltweit größte Pfeifenorgel ihrer Zeit: die Orgel der St. Nikolaikirche in Hamburg.

2019 jährt sich zum 300. Mal der Todestag dieses herausragenden Orgelbauers. Arp Schnitger wurde 1648 als Sohn eines Tischlers in einem Dorf im heutigen Brake (Niedersachsen) geboren. Nach einer überdurchschnittlichen Schulausbildung sowie einer Ausbildung in der Werkstatt seines Vaters zog er mit 18 Jahren nach Glückstadt zu seinem Cousin Berendt Huß, einem Orgelbauer. Fünf Jahre später reisten die Männer nach Stade, das 1759 von einer Brandkatastrophe heimgesucht wurde. Schnitger baute in der Kirche St. Cosmae et Damiani unter Anleitung seine erste Orgel. Noch während der Arbeiten an einem Folgeauftrag in St. Wilhadi starb Huß 1776. Schnitger übernahm nicht nur die Bauleitung, sondern auch die Werkstatt seines Lehrmeisters.

Erste eigene Instrumente in Scharmbeck und Bülkau

In den Folgejahren restaurierte der junge Mann Orgeln in Borstel, Assel und auch Jork im Alten Land. Eigene erste Instrumente schuf er in Scharmbeck und Bülkau. In der Hamburger Nebenkirche St. Johannis, die einst auf dem Rathausmarkt stand, errichtete er eine Orgel, deren Klänge ihn jedoch erst später weltberühmt machten.

1682 wurde Arp Schnitger Bürger der Hansestadt Hamburg und errichtete in Neuenfelde seine Werkstatt. Von nun an setzte Schnitger neue Maßstabe im Orgelbau.

Fortan gehörten extrem tiefe Klänge zum neuen guten Ton. Pfeifen für derartige Klänge baute er auch für die Orgel der alten Hauptkirche St. Nikolai, die jedoch bereits 1842 komplett ausbrannte. In fast fünfjähriger Arbeit schufen Schnitger und seine Gesellen ein wahres Wunderwerk mit 67 Registern und mehr als 4 000 Pfeifen. Die größte und damit auch tiefste Pfeife wog 860 Pfund: das 32-füßige C. 

In den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts schloss sich der Neubau der Orgel in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi an, die noch bis heute im Zentrum Schnitgers weltweitem Ruhm steht. Schnitgers Werkstatt vergrößerte sich rasant und 1691 wagte er den Schritt ins benachbarte Ausland. Der Orgelbauer restaurierte die Orgel der Martinikerk, Groningens Hauptkirche.

Bis heute gilt er als Vater der barocken Königinnen, von denen noch 30 aktiv in Benutzung sind. Selbst Johann Sebastian Bach kam 1720 nach Hamburg, um auf der Schnitger-Orgel für eine Organistenstelle vorzuspielen. Dies jedoch erlebte Arp Schnitger, der ein Jahr zuvor starb, nicht mehr. Am 28. Juli 1719 wurde der barocke Orgelbauer in Hamburg-Neuenfelde, seinem letzten Wohnsitz, begraben. Arp Schnitgers letzte Königinnen werden jedoch auch zukünftig voller Stärke erklingen.

Text u. Foto: Joanna Figgen