18.04.2018

Ausstellung „Zwei Millionen Jahre Migration“ im Archäologischen Museum Hamburg

Der moderne Mensch ist ein Migrant

Seit der Mensch auf zwei Beinen steht, wandert er. Es ist diese Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung „Zwei Millionen Jahre Migration“ im Archäologischen Museum Hamburg zieht. Mobilität, so zeigt sich, ist längst kein modernes Phänomen.

Neandertaler und Homo sapiens
Vom Neandertaler zum Homo sapiens: das Plakat zur Ausstellung.  Foto: Archäologisches Museum Hamburg

Schon am Eingang der Ausstellung muss sich der Besucher entscheiden: Migrant links, Nicht-Migrant rechts. Am Ende des Rundgangs steht er wieder vor dieser Wahl – und entscheidet sich dann vielleicht anders. Denn so viel ist klar: Jeder Mensch ist eigentlich ein Migrant. „Die Geschichte der Menschheit ist gar nicht denkbar ohne Migration, Integration, Assimilation“, sagt Museumsdirektor Rainer-Maria Weiss. 

Forschungsergebnisse aus Archäologie, Geologie, Genetik und Anthropologie belegen es: Entstanden ist der moderne Mensch in Afrika. Wäre er dort geblieben, gäbe es ihn heute nicht in Europa. Menschen wurden vertrieben, sie flüchteten. Aber viel häufiger noch waren Klimawechsel, wirtschaftliche Zwänge, die Suche nach Wasser oder Nahrung ausschlaggebend dafür, dass Menschen ihre Heimat verließen auf der Suche nach Regionen, in denen es ihnen besser ging. „Wir sind alle Nachkommen von Wirtschaftsflüchtlingen“, bringt es Rainer-Maria Weiss auf den Punkt. 

Die Ausstellung konzentriert sich auf die großen Wanderungsbewegungen der Menschheitsgeschichte. Sie beginnt vor zwei Millionen Jahren in Afrika, wo der kleine, gedrungene Homo erectus die Savannen durchstreifte. Über den Vorderen Orient bewegt er sich vor etwa 1,8 Millionen Jahren langsam Richtung Eurasien.

 Vor 200 000 Jahren entsteht im Osten Afrikas der moderne Mensch. Parallel dazu entwickelt sich in Europa der Neandertaler. Vor 100 000 Jahren erfolgte über den gleichen Weg aus Afrika die Auswanderung des modernen Menschen. Vor 7 000 Jahren wanderten Ackerbauern und Viehzüchter aus dem heutigen Anatolien nach Europa ein, wo bisher nur Jäger und Sammler unterwegs waren. Schließlich zogen vor 4 000 Jahren Menschen aus den östlichen Steppen Richtung Westen. „In jedem von uns steckt rund 50 Prozent genetischer Anteil aus Anatolien“, sagt Prof. Weiss. 

Unterschiedliche Lebensweisen, Techniken und Glaubensvorstellungen von Einheimischen und Neuankömmlingen trafen aufeinander. Dass die verschiedenen Gruppen im Kontakt miteinander standen, belegt der Tausch von Keramik, Pfeilspitzen und Geräten. Mit der sesshaften Lebensweise werden die Belege für kriegerische Auseinandersetzungen zahlreicher: „Als der Mensch beginnt, Eigentum zu bilden und seinen Acker einzuzäunen, gibt es auch Streit darum“, erläutert der Museumsdirektor.

Bereits seit 2009 erforschen rund 70 Wissenschaftler – Archäologen, Geographen, Geologen, Geochemiker und Ethnologen – der Universitäten Köln, Bonn und Aachen sowie des „Neanderthal Museums“ in Mettmann die Ausbreitung des modernen Menschen aus Afrika nach Europa. Der Sonderforschungsbereich „Our Way to Europe“ ist derzeit eines der größten Forschungsprojekte zur Ausbreitung des Homo sapiens. Die bisherigen Ergebnisse dieser Forschungen bilden die Basis der aktuellen Ausstellung „Zwei Millionen Jahren Migration“, die das Neanderthal Museum in Mettmann ursprünglich konzipiert hat und die nun erstmals außerhalb Mettmanns zu sehen ist. 

„Dies ist eine Geschichte über uns selbst“, sagt Yvonne Krause (51), die als Archäologin und Museumspädagogin die Ausstellung begleitet. „Der besondere Reiz liegt darin, dass wir immer wieder feststellen können, dass das Wissen, das wir über uns selbst haben, falsch ist.“ Für Yvonne Krause gab es ein besonderes Aha-Erlebnis, als 2010 über die Paläogenetik noch eine neue Menschenart entdeckt wurde. „Bis dahin kannten wir nur den Homo sapiens und den Neandertaler, aber es gibt offensichtlich mehrere Arten des modernen Menschen, die einst nebeneinander gelebt haben.“ Anhand von einem Fingerknochen und von zwei Zähnen konnte 2010 genetisch die Existenz des Denisova-Menschen nachgewiesen werden. Der Homo sapiens, der Neandertaler und der Denisova-Mensch hatten Kontakt miteinander und haben genetische Spuren in den jeweils anderen hinterlassen. Überlebt hat schließlich nur der Homo sapiens. „Wir haben heute genetisch noch zwei Prozent des Neandertalers in uns. Gene, die unser Immunsystem stärken, haben wir von ihm übernommen. Helle Haut und rote Haare deuten ebenso noch auf ihn“, zählt Yvonne Krause auf. Und was macht den modernen Menschen aus Sicht der Wissenschaftlerin aus? „Die Mobilität. Die Innovation, die Neugier auf alles, was hinter der nächsten Ecke ist.“

Text: Monika Sendker