28.04.2015

Wie andere Konfessionen den Glauben bereichern – Wilm Sanders ist Vorreiter der Ökumene

Zu Gast sein und lernen

Wer Ökumene sagt, meint hierzulande zuerst das Verhältnis evangelisch-katholisch. Die orthodoxe Kirche war lange kaum im Blick. Dass sich das geändert hat, ist auch das Werk des Hamburger Geistlichen Monsignore Wilm Sanders. Am 1. Mai wird er 80 Jahre alt. 

Monsignore Wilm Sanders vor dem St. Marien-Dom in Hamburg. Foto: Hüser

Wilm Sanders wäre ein idealer Schüler für die neue katholische Ansgarschule gewesen. Aber die beiden Jesuitenpatres, die in der Familie Sanders werbend vorstellig wurden, hatten keinen Erfolg. Die Eltern entschieden sich für die Schule um die Ecke, das humanistische Gymnasium Christianeum. Dort liegen die Wurzeln des Ökumenikers Wilm Sanders. „Ich lernte dort Pastorensöhne kennen, besuchte evangelische Bibelstunden und war im evangelischen Pfarrhaus wie zu Hause.“ Einige Freunde wurden Pastoren, ebenso Wilm Sanders selbst, er allerdings in der katholischen Kirche. Wilm Sanders ist als Mann der Ökumene weithin bekannt. Und früher als andere hat er ein Herz für die „zweite“ Richtung der Ökumene entwickelt: die Gemeinschaft mit der orthodoxen Kirche. 

Auch diese Hinwendung hat frühe Wurzeln. „Mein Vater kam im Kaukasus mit orthodoxen Christen in Kontakt. Tolstoj, Dostojewski, die russischen Autoren hat er geliebt. Das hat auf mich abgefärbt.“ Im Theologiestudium in Rom hat Wilm Sanders die Ostkirche näher erleben können. „Ich bin sehr viel bei den Russen, den Äthiopiern, den Armeniern gewesen.“ In Rom waren diese Kirchen alle vertreten. So wie heute in Hamburg: Zwölf orthodoxe Kirchen aus unterschiedlichen Sprachräumen gibt es in der Hansestadt. 

In der ostkirchlichen Karwoche – meist später als der westliche Ostertermin – macht Wilm Sanders die Runde: Fußwaschung bei den Kopten, Karfreitag bei den Syrern, die Verehrung des Grabtuchs Christi bei den Serben, Karsamstagmorgen in der russisch-orthodoxen Gemeinde und die Osternacht in der russischen Exilkirche. 

Die eigenen Wurzeln im Schatz der anderen

Der emeritierte Domkapitular und Pfarrer im Ruhestand ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Freundeskreises „Philoxenia“ (griechisch: Gastfreundschaft). Bei den Philoxenia-Treffen kommen seit 1966 katholische, evangelische und orthodoxe Christen jährlich an vier Orten in Deutschland zusammen. „Von den anderen Kirchen können wir vieles lernen – und daran auch unsere eigenen Wurzeln entdecken“, sagt Wilm Sanders. Zum Beispiel? „Wir haben bei der evangelischen Kirche die Bibel wieder entdeckt.“ Ergebnis war eine Neubewertung der Heiligen Schrift in der katholischen Liturgie. „Den Tisch des Gotteswortes reicher bereiten“,  forderte das Zweite Vatikanum. „Vor dem Konzil waren unsere Predigten ja weitgehend Katechismus-Predigten oder sogar Moralpredigten“, so Wilm Sanders. 

Die Ostkirchen wiederum bringen die Betonung des Heiligen Geistes als eigenen Glaubensschatz mit. „Die Kirchen des Ostens erinnern uns daran, dass alles, was wir tun, vom Geist gewirkt ist, dass alle Sakramente in der Kraft des Heiligen Geistes wirken und wir die Epiklese, die Anrufung des Heiligen Geistes, brauchen.“ Und da ist der Weihrauch, der in keinem orthodoxen Gottesdienst fehlen darf. „Weihrauch hilft dem Gebet, indem er eine Atmosphäre der Ehrfurcht schafft. Eine katholischer riecht anders als eine evangelischer. Aber bei uns wird Weihrauch leider auch nur sehr sparsam eingesetzt.“ 

Weihrauch und Umgang mit Geschiedenen

Lernen könne man von der orthodoxen Kirche auch den Umgang mit Geschiedenen. „Im Grunde ist das Eheverständnis in der orthodoxen Kirche noch strenger als in der katholischen. Die Ehe ist ein Bund, der selbst mit dem Tod eines Partners nicht gelöst wird.“ Aber es habe auch immer eine Praxis der Barmherzigkeit gegeben, wenn eine Ehe unwiderruflich gescheitert ist. Bei ehrlicher Reue und nach einer Bußzeit werden die Partner auch in einer neuen Partnerschaft zur Eucharistie zugelassen. 

Was haben die Jahrzehnte der Ökumene erreicht? Eine organisatorische Einheit der Kirchen ist nach wie vor nicht in Sicht. Die trennenden Hindernisse bleiben. Mit Bedauern registriert der Ökumeniker zum Beispiel, dass Papst Benedikt XVI. den päpstlichen Titel „Patriarch des Abendlandes“ nicht mehr führen wollte. Denn dieser Titel ließ offen, dass es im Osten noch andere Patriarchen gibt. Im Dialog mit der evangelischen Kirche bleibt – trotz vorübergehender theologischer Annäherung – die Frage des kirchlichen Amtes und seine Weitergabe ein Hinderungsgrund. 

Gibt es überhaupt noch Nahziele im ökumenischen Gespräch? „Ein Ziel ist für mich, dass wir uns persönlich besser kennenlernen. Wir haben heute gute Kontakte zwischen den Spitzen der Kirchen. Das ist aber nicht genug. Wir sollten uns viel mehr gegenseitig einladen. In der Gastfreundschaft sind die Orthodoxen zum Beispiel besser als wir. Denen fällt es viel leichter, Gäste in ihre Wohnung einzuladen.“ Andere christliche Kulturen kennenzulernen, das ist nach der Erfahrung von Wilm Sanders am schönsten dort möglich, wo diese Kulturen zu Hause sind. Er selbst hat unzählige Studienreisen geleitet. Die nächste wird eine Philoxenia-Reise zu den Klöstern im makedonischen Griechenland im September sein. (www.freundeskreis-philoxenia.de)

Messe und Matinée

Seinen 80. Geburtstag feiert der Geistliche mit einem Gottesdienst am 3. Mai um 9.30 Uhr im Kleinen Michel. Anschließend Matinée in der Katholischen Akademie mit Pater Bernd Hagenkord, Chef der deutschen Redaktion von Radio Vatikan. Der Jubilar bittet um Unterstützung des Philoxenia-Buchprojekts „Orthodoxie in Deutschland“, Konto Wilm Sanders IBAN: DE98 200 400 000 620 423 400

Text und Foto: Andreas Hüser