22.04.2015

Die ökumenische „Woche für das Leben“ wurde in Hamburg eröffnet

In Würde leben und sterben

Mit einem Gottesdienst und einer Diskussion haben Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche die „Woche für das Leben“ eröffnet. Das Thema „Sterben in Würde“ führte die Bischöfe auch an einen Ort, an dem Menschen ihre letzten Stunden verbringen. 

Nach der Eröffnung der „Woche für das Leben“ geben die Bischöfe Bedford-Strohm und Marx den Segen. Foto:kna

Noch vor einer halben Stunde haben sie zur Eröffnung der „Woche für das Leben“ auf dem Podium diskutiert. Jetzt stehen die beiden obersten Geistlichen ihrer Kirchen zusammen mit Erzbischof Stefan Heße und Bischöfin Kirsten Fehrs vor der versammelten Mannschaft der Palliativstation im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Seit 2012 versorgt das Team aus Ärzten, Pflegern, Therapeuten, Geistlichen und Ehrenamtlichen hier Körper und Seelen Sterbenskranker. Neun Tage bleiben die Patienten im Schnitt. Dann sind sie entweder gestorben oder soweit eingestellt, dass sie die Station zum Sterben zu Hause oder in einem Hospiz verlassen können.

Kardinal Marx ist es, der die Frage stellt: Sie, die Geistlichen, verträten ja die These, dass jemand, der so umfassend palliativ versorgt werde, eine Selbsttötung in der letzten Lebensphase nicht mehr ins Kalkül ziehe. „Stimmt das, können Sie das aus der Praxis bestätigen?“, will er wissen.

Auch sie höre manchmal den Satz „Ich möchte nicht mehr leben“, erläutert Oberärztin Karin Oechsle. Frage man aber nach, relativierten die Betroffenen zumeist ihre Aussage: „Ich möchte so nicht mehr leben“. Die Patienten belasten manchmal nicht bewältigte Familienprobleme, sie sorgen sich um den Partner oder hätten nicht aushaltbare Schmerzen. Alle diese Probleme versuche das Palliativ-Team zu lösen. Meis-tens gelinge das. Und dann sei vom Wunsch nach Sterbehilfe oft auch nichts mehr übrig.

Im Gottesdienst hatte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm eine ausreichende Finanzierung der Pflege und der Palliativbegleitung angemahnt. Die liebevolle Begleitung eines Sterbenden könne niemals von Kosten-Nutzen-Abwägungen abhängig gemacht werden. Im UKE rennt er damit offene Türen ein.

Zwar stehe Hamburg mit seiner palliativen Versorgung relativ gut da, erfahren die Besucher. Allerdings reichten die stationären und ambulanten Plätze nicht. Auch die Zahl von fünf Seelsorge-Mitarbeitern relativiere sich angesichts einer Patientenzahl von jährlich etwa 90 000.

Auf Nachfrage von Erzbischof Heße, wie die Versorgung in den konfessionellen Kliniken und Altenheimen aussehe, bekommen die Geistlichen auch einen Denkanstoß für ihr eigenes Haus. Längst nicht alle Krankenhäuser der Kirchen hätten eine Palliativstation. Und in den Heimen von Caritas und Diakonie sei so etwas erst recht eine Seltenheit. „Da müsste sich doch etwas ändern lassen“, sagt Marx spontan und verspricht, in der Bischofskonferenz demnächst einen Anstoß zu geben.

Beim kurzen Gang über die Station bekommen die Bischöfe Kirsten Fehrs, Stefan Heße, Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm zuerst nur leere Räume zu sehen. Plötzlich ist Marx verschwunden. Er hat ein belegtes Zimmer entdeckt und setzt sich an das Bett des Sterbenskranken. Wo er herkomme und was er gemacht habe im Leben, will Marx wissen. Auf die Frage nach der Zukunftsaussicht senkt der Patient stumm den Daumen. Dann geht die Tür des Zimmers zu, doch der Kardinal bleibt noch längere Zeit. Seinen Segen habe der Patient – obwohl nicht katholisch – am Ende doch bekommen, erzählt Marx später. Er habe ausdrücklich danach gefragt zum Schluss des Gesprächs. Seelsorge am Lebensende – ein ganz wichtiger Teil des Bemühens, Menschen die Angst vor dem Sterben zu nehmen.

Text und Foto: kna