12.04.2017

Glaube, muss aus dem Herzen kommen.

Wo finde ich Gott?

Wie erfahre ich Gott? Mein christlicher Glaube, was ist das eigentlich? Zwei Menschen sprechen darüber: Eine junge Frau aus Bad Segeberg, die vor einem Jahr Abitur gemacht hat, und ein Mönch, Benediktiner aus dem Kloster Nütschau.

Das Schloss von Kloster Nütschau in der Abenddämmerung

Sie beide glauben an Gott. Gott kann man nicht sehen. Wo haben Sie ihn gefunden?

Laura: Ich erlebe Gott in Gefühlen. In der Liebe, vor allem, wenn es eine so intensive Liebe ist, dass ich innerlich hüpfe und diese Liebe herausschreien möchte. Dann merke ich, dass Gott oder der Heilige Geist mir dieses Gefühl schenken. Ich weiß: Irgendwie ist er jetzt da. 

Br. Lukas: Ich entdecke Christus in Begegnung. In Begegnung mit Menschen, mit Gruppen, im Konvent, in der Begegnung mit der Heiligen Schrift. Da begegne ich Gott. Aber was Laura sagt, kann ich sofort unterschreiben. In der Liebe ist Gott anwesend. Wo geliebt wird, geht’s nur mit Gott. Aber manchmal ist’s auch sehr trocken. Manchmal muss ich die Wüste durchschreiten, in der ich Gott nicht spüre. Aber dann kommt er irgendwann wieder. 

Kann man Christus auch in Menschen entdecken, die einem nicht sympathisch sind? 

Br. Lukas: Das ist schwieriger. Benedikt schreibt, wir sollen jeden Gast aufnehmen wie Christus. Bei den vielen Gästen, die zu uns kommen, ist das schon eine Herausforderung. Und gelingt auch nicht immer. Aber wenn wir den Anspruch herunterschrauben, lägen wir schon falsch. 

Laura: Das geht mir genauso. Ich merke, dass es mich total stört, wenn ich jemanden nicht mag. Ich bemühe mich, jeden gleich zu behandeln. Es gelingt nur nicht immer. 

Br. Lukas: Das ist auch eine Frage der Einübung, eine Aufgabe, die man sein Leben lang hat. 

Merken Sie, dass sich etwas im Glauben entwickelt? 

Laura: Es verändert sich sehr viel. Ich habe meinen festen Glauben noch gar nicht gefunden, weil sich nach jedem Gespräch etwas ändert. Manchmal gibt es so etwas wie 180-Grad-Wenden. Aber das Grundvertrauen habe ich schon, seit ich Kind bin. Das ist immer gleich geblieben. 

Br. Lukas: Wo hast du denn deinen Glauben her? 

Laura: Von meiner Familie, meinen Eltern. Die haben sich sogar in der Kirche kennengelernt. Meine Großeltern sind auch in der Kirche aktiv. Ich bin in meiner Gemeinde aufgewachsen – und gern geblieben. Ich mag die Gemeinschaft, am liebsten würde ich nach der Messe noch da bleiben und mit anderen reden. Ich merke, wenn ich in eine andere Gemeinde komme, ist das anders. Es ist nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen. 

Br. Lukas: Glaube als Heimat, das ist auch etwas Schönes. 

Der Glaube ist Heimat, aber er bleibt nicht, wie er ist. Geht das auch einem Benediktinerbruder so? 

Br. Lukas: Auch im Leben eines Mönchs gibt es Schwankungen im Glauben. Man muss das einfach aushalten. Wenn ich auf dem „heiligen Berg“ bin, muss ich Kraft speichern für die Zeit, in der ich wieder in die Wüste komme. Es ist wichtig, dass man auch als Mönch Zweifel zulässt und nicht wegschiebt. Auch das Scheitern muss ich zulassen – etwa wenn ich einen Gast nicht aufnehme wie Christus. Man muss da barmherzig sein, auch mit sich selber. 

Woran liegt es nach Ihrer Meinung, dass sich so viele Menschen nicht von der Frohen Botschaft anstecken lassen? 

Laura: Ich glaube, dass Glaube aus dem Herzen kommen muss und nicht aus dem Kopf. Ich bin ein totaler Herzmensch. Deshalb fällt mir der Glaube leicht. Wer nur mit dem Kopf glauben will, da kann der Funke schlecht überspringen. 

Br. Lukas: Ich glaube, bei vielen springt der Funke nicht über, weil sie nicht differenzieren zwischen dem Gefühl im Herzen und der Kirche. Deshalb lassen sie das Gefühl nicht zu. Es ist halt eher angesagt, in einen indischen Ashram zu gehen als in die Kirche. 

Laura: Um zu glauben, muss man ja nicht in die Kirche gehen. 

Br. Lukas: Stimmt. Aber du hast gesagt, dir sei die Gemeinschaft wichtig. Und die hast du eben nur in der Kirche. Als Christ brauchst du die Gemeinschaft, die Versammlung von Glaubenden, die man erleben kann.

Laura: Aber so richtig cool ist das eben nicht.

Br. Lukas: Warum denn nicht? Warum ist Christus nicht cool? 

Laura: Christus ist cool, aber die Kirche nicht. 

Br. Lukas: Warum nicht? Sie macht doch coole Sachen, sie macht doch Festivals oder das Jugendhaus. Ihr seid doch Kirche. Ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem: Warum ist Kirche uncool? 

Laura: Der Gottesdienst läuft immer gleich ab. Da ist wenig Abwechslung. Anders als Jugendliche es kennen. Immer wieder etwas Neues, der Spaß, der Kick. 

Aber Ihnen selbst bedeutet der Gottesdienst etwas, auch so wie er gewöhnlich ist. 

Laura: Der Gottesdienst ist für mich bewusstes Zeit nehmen für Gott, auch in Gemeinschaft mit anderen. Und auch, dass ich für andere beten kann. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch anderswo mit Gott in Kontakt treten kann. 

Br. Lukas: Ich habe gerade in einem Praktikum in der Schule erlebt, wie Jugendliche sich sehnen, über Gott zu sprechen, auch über ihre Zweifel. Das war erstaunlich. Wenn es uns in der Kirche nicht gelingt, einen Platz für Jugend zu schaffen und ihr Gemeinschaft geben, dann haben wir verloren. 

Viele sehnen sich nach einem Halt. Aber was wäre, wenn alles, an das Sie glauben, gar nicht wahr, sondern nur ausgedacht wäre? 

Laura: Diese Frage stelle ich mir ganz häufig. Wenn ich mein ganzes Leben darauf aufbaue, was ist, wenn alles nicht stimmt? Dann hab ich halt Angst, dass mein Leben verwirkt wäre. 

Br. Lukas: Echt? Aber du hast doch auch dann ein gutes Leben gelebt, Gutes getan, dich an Werten orientiert.

Laura: Aber wenn ich mein ganzes Leben auf Jesus ausrichte, vielleicht noch einen kirchlichen Beruf wähle, und dann feststelle: alles Schwachsinn. Was mach’ ich denn dann? 

Br. Lukas: Dann bist du zu einer Erkenntnis gekommen, die richtig wertvoll ist. Und auch der Weg dahin war richtig wertvoll. Du verlierst doch nichts! 

Merkt man im Alltag, dass Sie gläubige Christen sind? 

Br. Lukas: An meinem Ordenskleid sieht man, dass ich ein Christ bin. Aber ob ich ein gläubiger Christ bin, das sieht man nicht. Ob ich von meinem Christsein auch Gebrauch mache. Wenn Leute sehen, wie ich auf andere zugehe, dann spürt man das hoffentlich. Nur so kann ich mit meinem Leben ein Zeugnis geben. Der Habit macht noch keinen Mönch. 

Laura: Ich trage ja auch immer ein Kreuz oder einen Fisch. Und ich erzähle viel, wie ich aktiv bin. Häufig fragen mich Leute. Warum bist du immer so nett? Es stimmt, ich bemühe mich, freundlich zu sein. Das ist Nächstenliebe, das macht einen Christen aus. 

Br. Lukas: Laura hat das Glück, immer positiv zu sein. 

Laura: Ja, meistens fällt mir das zu. 

Ist das eine Gabe, oder ist das gewollt? 

Laura: Eine Mischung aus vielem. Es kommt auch daher, dass ich so viel Glück im Leben hatte. Da ist ein Urvertrauen, das noch nie missbraucht wurde. 

Br. Lukas: Die Freude ist ja eine christliche Haltung. Christus hat uns die Freude aufgetragen. Seid fröhlich und freut euch! Auf euch wartet ein Hochzeitsmahl. Das erste Wunder Jesu war, dass er Wasser in Wein verwandelt hat. Und die Party muss weitergehen. Freut euch weiter! 

Jesus begegnet im Evangelium vielen Menschen. Welcher möchten Sie gern sein? 

Br. Lukas: Ich würde gern einer seiner Jünger sein. Kein besonderer, nur einer, der mitwandert, Jesus nahe sein um dann mit anderen Jüngern ins Gespräch zu kommen. Der seine Worte hört, aber auch die Taten und Wunder. Dann würde ich mit Jesus ins Gespräch kommen, ihn auch fragen, warum er nicht mal Klartext spricht. 

Laura: Wo spricht er denn keinen Klartext? 

Br. Lukas: Ja in den Gleichnissen. Die muss man doch immer erst entschlüsseln. 

Laura: Aber da versteht man es doch besser. Also, ich wäre gerne jemand, der die Wunder Jesu am eigenen Leib erlebt, also geheilt wurde. Die Sicherheit zu haben, wie sich so etwas anfühlt. Und als Frau würde ich gern wissen, wie Jesus Frauen behandelt hat, ob sie für ihn gleichberechtigt waren. Da denke ich an Maria und Marta. Jesus will, dass Maria ihm auch zuhört, und nicht nur Dienstbotin ist.

Br. Lukas: Interessant. Ich glaube, dass Frauen in der Bibel viel mehr Gewicht haben, als wir glauben. Dass Frauen als Erste das Grab entdeckt haben, das ist vielleicht ein wichtiger Hinweis. 

Denken Sie an den Tod? 

Laura: Ja. Es gibt Phasen, wo ich richtig Angst davor habe, dass das Leben vorbei ist. Ich habe keine Angst davor, was danach kommt. Aber das ist nur kurz.
Meistens denke ich: Wenn ich sterb, dann sterb ich halt, dann werde ich Gott kennenlernen. Und ich male mir das Leben danach viel rosiger aus, als es in der Bibel steht. 

Br. Lukas: An den Tod denke ich jeden Tag. Jeden Tag, wenn wir uns im Kloster zur Rekreation treffen, beten wir um einen guten Tod. Benedikt erinnert die Mönche daran, dass sie den unvorhergesehenen Tod immer vor Augen haben und bereit sind. Als mein Bruder vor vier Jahren starb, habe ich erlebt, wie schnell so etwas passieren kann. Allein, weil ich meine Nichten und Neffen ohne Vater aufwachsen sehe, ist das jeden Tag ein Thema für mich. Und trotzdem – bereit für das Sterben bin ich wahrscheinlich nicht. 

Worin bestünde diese Bereitschaft? 

Br. Lukas: Ich glaube, ich muss noch etwas erledigen, bevor ich sterben kann. Aber ich bewundere meine alten Mitbrüder, die sich auf ihren Tod bewusst vorbereiten, ihn zulassen und anfangen, Dinge zu lassen. Bei denen spürt man die ganz klare Hoffnung, dass wir bei Gott aufgehoben sind und auf das ewige Leben zugehen. 

Interview: Andreas Hüser