27.12.2017

In der Glinder Kirche Zu den heiligen Engeln beten regelmäßig chaldäische, aramäische und melkitische Christen miteinander.

Wo der Weinstock gedeiht

In der Glinder Kirche Zu den heiligen Engeln trifft sich regelmäßig eine syrisch-irakische Gemeinde, die sich den Namen Weinstock gegeben hat. Hier beten chaldäische, aramäische und melkitische Christen miteinander.

In der Glinder Kirche Zu den heiligen Engeln beten regelmäßig chaldäische, aramäische und melkitische Christen miteinander.
Die Weinstock-Gemeinde beim Essen und Klönen im Glinder Gemeindehaus.  Foto: Marco Heinen

Irgendwie ist alles anders in diesem Wortgottesdienst und doch fühlt man sich heimisch: Da sind das Kreuz und die Heilige Schrift, die beim Einzug präsentiert werden, da ist aber auch die lange Litanei, die so ganz ungewohnt klingt. Da ist der Weihrauch, der sich voll entfalten kann (wobei das Weihrauchfass mit erstaunlich viel Schwung geschwenkt wird). Und da ist das Bekreuzigen, das die Gläubigen gefühlt zehnmal häufiger vornehmen als es hierzulande sonst üblich ist. 

Tatsächlich findet dieser Wortgottesdienst nicht irgendwo, sondern mittendrin statt, nämlich in der Kirche Zu den heiligen Engeln in Glinde. Hier feiern seit dem Frühjahr Christen aus Syrien, dem Irak, der Türkei und dem Libanon jeden zweiten Sonntag (jeweils 14 Uhr) einen Wortgottesdienst in arabischer Sprache. 

Die Initiative dazu ging von einer irakischen Familie aus, die schon seit langem der Gemeinde Zu den Heiligen Engeln angehört. Die Gemeinde zeigte sich offen und stimmte das Vorhaben mit dem Bistum ab. „Wir hatten beim ersten Mal mit 25 Menschen gerechnet, aber dann kamen 125“, erinnert sich Matthias Gillner vom Ortspastoralrat. Inzwischen gibt es eine eigene Gemeinde, die den Namen Weinstock trägt – auch weil sie so gut wächst und gedeiht.

Subdiakon Ayoub Allyousseph zelebriert
Subdiakon Ayoub Allyousseph.  Foto: Marco Heinen

Der Geistliche heißt Ayoub Al­yousseph und ist ein Subdiakon aus Syrien, der als Flüchtling nach Deutschland kam. In der melkitisch griechisch-katholischen Kirche seiner Heimat gibt es diesen ersten Weihegrad der Diakone noch, der in der römisch-katholischen Kirche 1972 abgeschafft wurde, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Sakrament der Ehe oder der Taufe darf Alyousseph noch nicht spenden, doch Wortgottesdienste feiern und geweihte Hostien austeilen, das darf er. 

Womit wir wieder beim Wortgottesdienst wären. Das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser folgen einer ganz ähnlichen Sprachmelodie­ wie in einer heiligen Messe im Dom. Und die Lesung und das Evangelium werden sogar auf Deutsch vorgetragen. Etwas ungewohnt ist vielleicht noch, dass die Feier zwar pünktlich beginnt, sich aber erst nach und nach der Kirchenraum füllt. Rund 75 Gläubige sind es letztlich an diesem Adventssonntag. Sie kommen aus Hamburg, Lübeck, Bad Oldesloe, Norderstedt und Glinde. Unter ihnen sind chaldäische, aramäische und melkitische Christen. 

„Wenn man mit den Syrern und Irakern spricht, dann merkt man, dass sie genug von dieser Vielkonfessionalität haben. Sie sehen darin die Ursache dafür, dass der Islam in ihrer Heimat so stark geworden ist“, erläutert Matthias Gillner, der Lehrbeauftragter am Institut für katholische Theologie an der Universität Hamburg ist. Ihm zufolge ist die Zahl der Katholiken im Nahen Osten in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Im Irak belaufe sie sich nur noch auf rund ein Prozent der Bevölkerung.

Der Iraker Nashwan Salim, der bereits 1996 als Flüchtling nach Deutschland kam und Geschäftsführer eines Transportunternehmens ist, bestätigt Gillners Analyse: „Wenn man sich hier als Mensch arabischer Herkunft präsentiert, gehen die meisten Menschen davon aus, dass man ein Moslem ist.“ Deswegen betone man statt der Nationalität lieber die eigene Konfession. „Wir halten hier alle zusammen und beten alle zusammen“, sagt Salim.

Die neue Gemeinde hat schon ihre Spuren in der Kirche hinterlassen. Zusätzlich zu den Apostelkreuzen im Kirchenschiff gibt es in der kleinen Kapelle unterm Glockenturm ein den Apostelkreuzen nachempfundenes Kreuz, auf dem in Deutsch und Arabisch das Wort Hoffnung steht. „Wir hoffen immer darauf, dass der Krieg in unserem Land zu Ende geht. Dass wir auferstehen. Wir hoffen, dass unsere syrisch-irakische Gemeinde noch größer wird. Ich hoffe, dass ich mich in meinem Beruf entfalten kann und besser werde“, sagt Eihab Alfahel. Der 26-jährige Bauingenieur, der sehr gut Deutsch spricht, fühlt sich nicht nur der Weinstock-Gemeinde zugehörig, sondern ist gleichzeitig Küster der deutschen Gemeinde.

Nach dem Gottesdienst geht es übrigens im Gemeindehaus weiter, mit Tee und deutschen und arabischen Spezialitäten. Und mit viel guter Laune und Leichtigkeit. www.kath-kirche-reinbek.de/glinde

 Text u. Fotos: Marco Heinen