19.10.2016

Wenn Jesus plötzlich wiederkäme? Vielleicht ist das schon passiert…

Wir wussten nichts davon

Christen beten um die Wiederkehr Jesu Christi. Aber rechnen wir wirklich damit? Diese Frage stellt ein Gedicht unserer Tage, das mit diesem Gedanken spielt. Jesus könnte da sein. Wer merkt etwas davon? 

Im 1988 erschienenen schmalen Bändchen mit dem Titel „Kleine Münze Zeit“ veröffentlichte Jörg Jordan auch das folgende Gedicht unter dem Titel „venezianisches abendmahl“.

Dabei verrät das Internet keinerlei biografische Informationen zur Person des Autors! Gleichwohl wird deutlich, dass er sich in der Bibel, im Neuen Testament der Christen, auskennt:

der galiläer war in die

Stadt gekommen

Hinter dieser Tür einer italienischen Trattoria
ist er vielleicht schon, so wie im Gedicht von
Jörg Jordan, das von der Rückkehr Jesu spricht. 
Foto: Miguel Virkunnen Carvalho

in der trattoria

nahe san marco

wurde das brot gebrochen    

und wein geschenkt

und nach dem essen

brachte der wirt einen grappa

und erzählte von emmaus

und nur in den vielen kirchen

der Stadt wusste man nichts

davon

 

Auf wundersame Weise verbindet Jörg Jordan das Geschehen der Bibel mit einer Alltagssituation in einer Trattoria in Venedig. Der Bibelkundige erinnert an die Begegnung des auferstandenen Jesus mit den beiden völlig frus-trierten und traurigen Jüngern auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Der Galiläer öffnet den beiden unterwegs die Augen für das Geschehen in Jerusalem – seine Hinrichtung am Kreuz, die sie so verstört hat. Fast vorwurfsvoll hält er ihnen entgegen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? (Lukas 24, 25–26).

Und am Ende ihres gemeinsamen Weges, in Emmaus, gibt er sich ihnen beim Brotbrechen zu erkennen. Lukas bemerkt: Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr (Lukas 24, 31). Sie sahen IHN nicht mehr! Haben wir IHN gesehen? In unserm Leben, im Alltag? Bei Jörg Jordan geht die Geschichte weiter!

der galiläer war in die

Stadt gekommen

in der trattoria

nahe san marco

wurde das brot gebrochen

und wein geschenkt

Die Geschichte des Galiläers findet ihre Fortsetzung! Wie auch nicht?! – Ist denn für uns Christen die Bibel nicht mehr als ein Geschichtsbuch!? Allemal mehr als ein Geschichten-Buch!?

Wenn Jesus Christus auferstanden ist – dann gilt es noch heute, auch heute! Dann ist er auferstanden für dich, für mich. Dann bricht er auch heute das Brot, damit wir IHN erkennen. IHN erfahren als den Lebendigen. Dann geht mitten Alltag, in unserm Alltag, SEINE Geschichte weiter. So wie bei Jörg Jordan:

und nach dem essen

brachte der wirt einen grappa

und erzählte von emmaus

Ach ja: indem wir – wie der Wirt – von Emmaus erzählen; von unserem Glauben, von unseren Erfahrungen in der Nachfolge Jesu. Indem wir Zeugnis ablegen – SEINE Zeugen sind! Aber tragisch ist dann bei Jörg Jordan:

nur in den vielen kirchen

der Stadt wusste man nichts

davon

Und bei uns? In unseren Kirchen? In unserer Nachbarschaft?

Text: Albert Sprock