22.06.2016

Die große Frage am Beginn des Urlaubs: Was können wir auspacken?

Wir packen die Koffer

Die Ferienzeit beginnt im Norden. Niedersachsen ist schon unterwegs, der Hohe Norden muss noch ein paar Wochen warten. Zeit, um die Koffer zu packen. Und das kann zum Problem werden. 

Der Reisekoffer unserer Großeltern. Klein, aus Leder und unverwüstlich.    Foto: Rainer Sturm/pixelio

Familie Haie fährt in den Urlaub. Drei Wochen Texel, wie jedes Jahr. Man haust immer in demselben taubenblau gestrichenen Holzhüttchen, das den Haies schon zum zweiten Zuhause geworden ist. Am ersten Tag der Sommerferien tankt Vater Haie den VW-Käfer voll, montiert den Dachgepäckträger und schnallt den braunen Lederkoffer fest. In den Koffer passt alles, was die vierköpfige Familie auf Texel braucht. So war es in den Siebziger Jahren, lange ist es her. 

Der Lederkoffer staubt schon seit zig Jahren auf dem Dachboden herum. Wegwerfen will ihn keiner. Zu viele Erinnerungen hängen an der alten Kiste. Und das Teil hat kaum gelitten – nach 50 Jahren! Der Koffer, mit dem Haies in vier Tagen nach Madeira fliegen werden, ist aus Plastik. Er hat Rollen und einen ausklappbaren Griff. Vater Haie könnte ihn nicht heben. Denn er ist mittlerweile in den Achtzigern. Die Kinder sind längst erwachsen und haben selber Kinder. Sie fliegen in diesem Jahr an die türkische Riviera. 

Das Kofferpacken ist die erste Hürde, die man vor dem Urlaub zu nehmen hat. Wie man es dreht oder wendet. Man kann einfach nicht alles einpacken, was man mitnehmen möchte. 

Und so stellt das Kofferpacken alle Reisenden vor eine Urfrage: Was braucht der Mensch? Was braucht er wirklich in den drei Wochen zwischen Abreise und Wiederkehr? Am liebsten würde er seinen gesamten Alltag mitnehmen. Nur die zulässigen Gesamtgewichte unserer Autos und die Übergepäckgebühren der Fluglinien verhindern, dass wir unseren gesamten Hausstand mitnehmen. 

Die spannende Frage beim Packen heißt nicht: Was nehmen wir mit? Sie heißt: Was packen wir wieder aus? 

Muss die Ersatzhose wirklich sein? Und die Ersatzhose für die Ersatzhose? Kann ich für drei Wochen auf das System von Sicherheiten verzichten, das ich aus Angst vor dem Unvorhersehbaren um mich herum aufgebaut habe? Brauche ich wirklich das Smartphone, um von jeder Sehenswürdigkeit Selfie-Fotos in die Heimat zu senden? Keine
Angst! Man wird dich in drei Wochen nicht vergessen. 

Brauche ich so viel Reiselektüre, um mich damit 30 Regentage lang beschäftigen zu können? Wenn Langeweile droht: Mach doch einfach mal gar nichts!  

Brauche ich Föhn, Tauchsieder, Reisebügeleisen? Ein bisschen Unbequemlichkeit wird dich nicht umbringen. 

Muss ich Nudeln, Salz, Pfeffer, Bier, Cornflakes, Knäckebrot und Dauerwürste einpacken, weil im Ausland alles teurer ist und anders schmeckt? Warum fährst du überhaupt weg? 

Wem jeder Gegenstand, der aus dem Gepäck fliegt, Qualen bereitet, sollte vielleicht zu einer Schocktherapie greifen und eine Woche lang auf einem Pilgerweg gehen. Pilger nehmen nur so viel mit, wie sie tragen können. Pilger verzichten auf fast alles, was das Leben bequem macht. Pilger sind über weite Strecken mit sich allein. Und viele haben dabei nicht nur ferne Länder und Menschen kennengelernt, sondern sich selber. Ist das nicht auch der Sinn jeder Reise?

Text: Andreas Hüser