26.10.2016

Reformationsgedenken von Katholiken und Protestanten

Wir können auch anders

Nun also geht‘s los: 500 Jahre Reformation – ein Ereignis, das die Welt verändert hat. Jahrelang vorbereitet, auch mit der Frage: feiern und/oder gedenken? Zwischen den Kirchen war das strittig. Nun haben evangelische und katholische Kirche einen Modus gefunden: „sowohl als auch“.

Lutherdenkmal in Worms: Hier verweigerte der Reformator 1521 den Widerruf seiner Schriften. Die Spaltung nahm seinen Lauf. Foto: epd

Erstmals wird ein Reformationsjubiläum auch ökumenisch begangen und dient nicht mehr als Anlass dazu, die andere Seite herunterzuputzen. Während hierzulande auch der Staat sich im Glanz des Reformators und der Folgen seines Aufstands sonnen möchte, trifft sich gleichzeitig im schwedischen Lund Papst Franziskus, der 49. Nachfolger des von Luther so betitelten „Antichristen“ Leo X., mit der Spitze des Lutherischen Weltbundes zum Gedenken an die Reformation.

Wäre das „Mönchlein am Rande der Zivilisation“, wie Martin Luther katholischerseits damals wahrgenommen und unterschätzt wurde, ein paar Jahrzehnte früher oder später oder in einem anderen Land geboren worden – Historiker bezweifeln, ob er und seine Kritik an der Kirche und ihrer Frömmigkeit damals solche Folgen gehabt hätten. Die innertheologische Debatte um den Ablass, so der Historiker Heinz Schilling, verband sich mit sozialen Konflikten und politischen Machtfragen im Reich. Durch den kurz zuvor erfundenen Buchdruck erzielten die Thesen eine immense Verbreitung.

 

Unselige Verbandelung mit politischen Interessen

500 Jahre Reformation sind Anlass, zu feiern und zu bereuen. Denn im Gefolge von Luthers Kirchenkritik und katholischer Exkommunikation haben führende Christen sich derart mit der Politik und ihren Herrschaftsinteressen verbandelt und von ihr einspannen lassen, dass schon 100 Jahre nach Luther halb Europa durch einen Konfessionskrieg zerstört war.

Andererseits haben Katholiken und Protestanten sich durch ihre gegenseitige Konkurrenz weiterentwickelt. Aufklärung und Moderne wurzeln in der lutherischen, der calvinistischen und der darauf reagierenden katholischen Reformation. „Die katholische Kirche … hat ihr Profil auch im Widerstreit gegen die Reformation geschärft“, so der katholische Ökumenebischof Gerhard Feige. Aber: „Dadurch sind wir auch etwas enger geworden.“ Umgekehrt haben erst in den vergangenen 70 Jahren Impulse aus der evangelischen Christenheit die katholische positiv mitgeprägt – und umgekehrt. Mit Blick auf das „Dauerthema“ Eucharistiegemeinschaft merkt Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Einheitsrates an, die Lutheraner hätten „mit Recht Erwartungen an die Katholiken“, die Katholiken aber ebenso an die Lutheraner. „Was daraus entstehen kann, müssen wir gemeinsam suchen.“

Getrennt erreicht haben sie wohl eine Menge: Sozialwissenschaftler weisen darauf hin, dass der moderne Sozialstaat auch vorbereitet wurde durch die soziale und diakonische Konkurrenz der Kirchen. Dass im Übrigen Protestanten und Katholiken sich heute so gut verstehen, liegt auch an Verfolgung und Säkularisierung. Ihre gewaltsamen wie ideologischen Gegner machten und machen keine konfessionellen Unterschiede. Gemeinsam ist den beiden Kirchen auch die Herausforderung, die Botschaft Jesu zu verbreiten. So könnte das Gedenk- und Jubeljahr 500 Jahre nach Martin Luthers Thesen auch einem gemeinsamen Glaubenszeugnis dienen.

Von Roland Juchem