20.01.2016

Späterer Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger schrieb schon 1946 über die vier Geistlichen

Willy Brandt und die Märtyrer

Es gibt eine bislang unbeachtete Querverbindung zwischen dem Lübecker Willy Brandt und den vier Lübecker Märtyrern: Brandt war einer der Ersten, der die Rolle der Geistlichen im Widerstand gegen die Nazis in einem Buch von 1946 erwähnte.

Willy Brandt wurde 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Er zollte den Lübecker Märtyrern
schon in einem Buch von 1946 seine Anerkennung. Dieses Foto von 1930 zeigt den späteren Bundeskanzler
und Friedensnobelpreisträger als Schüler.   Foto: picture-alliance

Das Schicksal der vier am 10. November 1943 hingerichteten Lübecker Märtyrer Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und Karl Friedrich Stellbrink wurde durch zwei Schriften des in Lübeck tätigen Jesuiten Josef Schäfer 1945 und 1946 katholischen Kreisen in ganz Deutschland schnell bekannt. Der einst im Bistum Osnabrück tätige Priester Hans Ansgar Reinhold wiederum berichtete über die Märtyrer 1946 den Interessierten in den USA in der Zeitschrift „Commonweal“, die in New York erschien.

Aber es gab einen weiteren damaligen Publizisten, der schon im Jahre 1946 der Lübecker Märtyrer gedachte und dies in einem Buch, das im selben Jahr sowohl in Norwegen wie auch in Schweden verbreitet wurde. Der 32-jährige Autor, keineswegs ein katholischer Priester, stammte aus Lübeck, war damals norwegischer Staatsbürger und hatte sich den „Kampfnamen“ Willy Brandt zugelegt. Sein Buch hieß auf norwegisch „Forbrytere og andre tyskere“, auf schwedisch „Förbrytare och andra tyskar“. Die deutsche Übersetzung erschien erst 2007, also 15 Jahre nach Willy Brandts Tod unter dem Titel „Verbrecher und andere Deutsche“. Gegner Brandts konnten also von den 1950er bis in die 1970er Jahre noch Schindluder mit dem Titel treiben. Als ein Beispiel dafür, wie Brandt angeblich Deutschland in schwerer Zeit verraten und beleidigt habe, wurde einfach der Titel auf den Kopf gestellt und behauptet, er habe in der Emigration ein Buch geschrieben mit dem Titel „Deutsche und andere Verbrecher“.

Dabei war es gerade Brandts patriotische Absicht gewesen, den Norwegern, die unter der brutalen deutschen Besatzung gelitten hatten, zu zeigen: Es gab auch viele Deutsche, die Hitler nicht folgten und auch solche, die im Kampf gegen das NS-Regime das eigene Leben opferten.

Hier war der Sozialdemokrat Brandt schon früh von erfrischender Aufgeschlossenheit. Über den Widerstand von Kirchenleuten und Bürgerlichen schreibt er ebenso anerkennend wie über denjenigen von Sozialdemokraten und anderen Linken. Über die Euthanasie-Predigten Bischof von Galens und ihren Urheber berichtete er in seinem Buch, schon Anfang 1946 bestens informiert, dass die Nationalsozialisten es vorerst nicht gewagt hätten, dem populären Galen den Prozess zu machen. Aber, so Willy Brandt: „Bei den Pfarrern war man bereits weniger vorsichtig als bei den Bischöfen. In meiner Geburtsstadt wurden zum Beispiel der protestantische Pfarrer Stellbrink und drei katholische Priester am 10. November 1943 wegen ‚Hochverrats und Landesverrats, Begünstigung des Feindes, Angriffs auf die Wehrmacht, Abhörens feindlicher Sender‘ usw. enthauptet.“

Aber die Geschichte ging weiter: 1954 gab Annedore Leber, die Witwe des noch 1945 hingerichteten Sozialdemokraten Julius Leber, die inzwischen katholisch geworden war, das Buch „Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand“ heraus und zwar „in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher“ (Bracher war damals ein noch junger Historiker, der später große Bedeutung erlangte.) Dieser Band, der zahlreiche Auflagen erlebte, enthält ein Porträt Stellbrinks, das aber auch die katholischen Kapläne ausführlich umfasst. Es ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, wer genau welche Beiträge verfasst hat. Da aber das Verhältnis zwischen Willy Brandt und Annedore Leber sehr familiär, eng und vertraut war, wie die Leber-Enkelin Julia Heinemann in einem Gespräch mit dieser Zeitung berichtet, meint sie auch, dass beide gemeinsam den Beitrag über Stellbrink und die katholischen Kapläne geschrieben haben könnten. Jedenfalls steht der Name des späteren Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers am Anfang der internationalen und deutschsprachigen Würdigung der Lübecker Märtyrer. 

Text: Martin Thoemmes