22.11.2017

Das göttliche Gericht

Wie wird es sein?

Martin Luther hat gezittert vor Angst, wenn er an das göttliche Gericht dachte. Heute sind die meisten Christen überzeugt: Alles wird gut. Barmherziger Vater statt strenger Richter. Aber was sagt die Bibel über das Weltgericht?


Foto: wikimedia
Früher hatte man eine sehr genaue Vorstellung davon, was beim Jüngsten Gericht geschieht: Flügelaltar von Hans Memling, gemalt 1467 bis 1471. Foto: wikimedia


1. Die Frage des Zeitpunkts

Das heutige Evangelium sagt klar, wann das Weltgericht stattfinden wird: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm.“ Wann das ist, beschreibt Matthäus ein Kapitel vorher. „Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern ... Danach wird das Zeichen des Menschensohns am Himmel erscheinen und sie werden ihn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Matthäus 24,29-31) Es ist der Weltuntergang, der hier beschrieben wird. Und damit verbunden: die Wiederkunft Christi. Dann ist das Jüngste Gericht, sagt Matthäus.

Die ersten Christen rechneten sehr bald damit. Das Ende der Welt stehe unmittelbar bevor – so hatten sie Jesus verstanden. Allein: Es blieb aus. Und damit stellte sich die Frage: Was passiert mit den Menschen zwischen ihrem Tod und dem Weltgericht?

Um das zu beantworten, griffen die Gelehrten auf die griechische Philosophie zurück: auf die Trennung von Leib und Seele, die Platon für den Tod annahm – und von der in der Bibel nirgendwo die Rede ist. Diese Trennung löst das Zeitproblem: Im Tod erfolgt das persönliche Gericht an der vom Leib getrennten Seele; am Jüngsten Tag erfolgt dann für die noch Lebenden das Weltgericht und für die schon Verstorbenen die Wiedervereinigung mit dem Leib, die Auferstehung mit Leib und Seele.

So wurde das lange gelehrt. Allerdings fragt etwa der Dogmatiker Herbert Vorgrimmler, ob die quasi unvollständige Seele in der Wartezeit nicht zu einem „Krüppelwesen“ gemacht werde. Der entscheidende Einwand aber kommt von der modernen Naturwissenschaft. Es sei physikalisch unzutreffend, unseren irdischen Zeitbegriff einfach so ins Jenseits zu übertragen. Ohne Materie keine Zeit. Und das Jenseits soll doch eine geistige Wirklichkeit sein.

Daher hat sich die moderne Theologie von Warteschleifen und Zwischenzuständen verabschiedet. Der Dogmatiker Franz-Josef Nocke schreibt: „Es gibt keine Zwischenzeit zwischen Tod und Auferstehung. Es braucht sie nicht zu geben, weil es jenseits der Todeslinie kein zeitliches Nacheinander gibt. So kann der Einzelne in seinem Tod seine eigene Auferstehung und gleichzeitig die Auferstehung aller Toten, auch der nach ihm lebenden Generationen, erleben.“ So gesehen ist auch das Warten auf ein Wiedersehen mit den Lieben nur eine irdische Wirklichkeit.

 

2. Die Frage des Ablaufs

Das Alte wie das Neue Testament lassen keinen Zweifel daran, dass es ein göttliches Gericht gibt und dass wir uns dem stellen müssen. Es ist nicht egal, wie wir gelebt haben. Es ist nicht egal, ob wir Täter oder Opfer sind. Unrecht und Gewalt werden beim Namen genannt.

Der Richter wird Jesus Christus sein, sagt das Evangelium. Von Jesus wissen wir aus seinem irdischen Leben einiges. Zum Beispiel, dass er Rettung und nicht Rache will. Aber auch, dass er die Rettung nie gegen den freien Willen durchsetzt. Dass er Umkehr verlangt. Und dass er nicht von oben herab urteilt, sondern ins Gespräch kommen will. Diese Lebensmaßstäbe wird er wohl auch als Richter ansetzen.

Dieser Richter, schreibt Hans Urs von Balthasar, „braucht nichts zu tun, nur zu sein“. Das heißt, im Angesicht Christi wird mir klar, was durch meine Lebens-
entscheidungen aus mir geworden ist: einer, der liebt, einer, der nicht lieben wollte oder einer, in dem Liebe und Verweigerung, Wahrheit und Lüge, Gut und Böse vermischt sind. Das Gericht ist gute Ernte und brennende Scham. Und es ist erlösend, denn die Wahrheit macht frei.

 

3. Die Frage des Urteils

Und wann spricht wer das Urteil? Auch hier sind zeitliche Abläufe wie Verhandlung, Beratung, Urteil wenig hilfreich. Vielmehr dürfte alles eins sein, ein einziger Moment der Klarsichtigkeit und des Schmerzes, der Strafe und der Erlösung. Franz-Josef Nocke fasst das so zusammen: „In Tod und Auferstehung werde ich Christus begegnen. Vor seinem alles wissenden Blick wird mir klarwerden, wer ich bin. Das ist das Gericht. Aber er wird mich nicht nur prüfend anschauen. Es wird ein liebender, ein erlösender Blick sein. Wie aber die Zimmerwärme in den draußen in der Kälte starr gewordenen Fingern zunächst Schmerz hervorruft, so wird der verwandelnde Blick Christi mich schmerzen – um so mehr, je mehr Kälte in mir ist – und mir doch schließlich wohltun. Das ist die Läuterung.“ Schmerzhaft: die innere Kälte zu vertreiben, die brennende Scham. Für jeden verschieden schmerzhaft, für jeden unumgänglich.

Und damit ist auch das Urteil (selbst) gesprochen: Lasse ich mich im Letzten auf die Liebe Gottes ein – das ist der Himmel – oder verweigere ich mich dieser Liebe – das ist die Hölle? Hat vielleicht die Kälte so sehr Besitz von mir ergriffen, dass auch die Liebe Gottes sie nicht auftauen kann? Denkbar ist es. „Wir sollen aber hoffen und beten“, schreibt Kardinal Gerhard Ludwig Müller, „dass der allgemeine, sich auf jeden Menschen erstreckende Heilswille Gottes bei allem zum Ziel kommt.“

Von Susanne Haverkamp