27.04.2016

Die traurige Seite des fröhlichen Festes Christi Himmelfahrt

Wie sollen wir ohne Jesus leben?

Sonne, Christi-Himmelfahrts-Prozessionen, Ausflüge und Frühlingsblumen am Altar können nicht ganz verbergen: Dieses Fest hat auch eine traurige Note. Christus kehrt zum Vater zurück, und auf der Erde fehlt er an allen Ecken und Enden. 

Jünger Jesu sind auf steinigen Wegen unterwegs.  Hier handelt es sich um Pilger im Heiligen Land.  Foto: kna

Zwar versichern uns die Theologen, dass das alles nicht so schlimm sei. Der Himmel ist nun auch die Heimat der Menschen, in seinem Geist bleibt Christus gegenwärtig, wir haben die Kirche und die Sakramente und glauben – irgendwie – an die Wiederkunft des Herrn. 

Trotzdem wirkt die Szene, die die Himmelfahrt Jesu beschreibt, ein bisschen unrealistisch. In der Apostelgeschichte (1,9 –14) reagieren die Jünger überhaupt nicht, im Lukasevangelium (24,50 –53) eilen sie in begeisterter Freude nach Jerusalem. Eher hätten wir etwas anderes erwartet. Etwa eine Szene wie beim Abschied des Paulus aus Ephesus. 

Dort steht die ganze Gemeinde am Hafen und weint (Apostelgeschichte 20,37). Glaube und Hoffnung überdecken nicht den Schmerz des Abschieds im Bewusstsein: In diesem Leben sehen wir uns nicht wieder. Dabei ist ein Leben ohne Paulus sicherlich noch zumutbar. Aber ein Leben ohne Jesus? 

Wieder einmal hat die Jünger Jesu eine solche Wende unvorbereitet getroffen. Zwar hat Jesus seinen Tod angekündigt, in langen Abschiedsreden sogar. Aber seine Gefangennahme und grausame Hinrichtung schlägt sie vor den Kopf, ebenso wie das leere Grab und die Erscheinungen des Auferstandenen. 

Jesus hinterlässt eine Jüngerschaft, die alles andere als gefestigt ist. Eine wankelmütige, überforderte Truppe, mit mehr Träumen als Verstand, mehr Eigensinn als Gemeinsinn, mehr Geltungssucht als Demut, mehr aufgeregter Begeisterung als Durchhaltewillen, mit mehr Zweifel als Glauben. Jesus hinterlässt – uns.

Und wir müssen gestehen: Jesus fehlt uns. Er fehlt überall. Der Mann, der Menschen heilen kann, der bei jeder Gelegenheit das Richtige sagt, der die Schwachen aufrichtet und die Starken auf den Teppich holt. Einer, auf dessen Wort und Tat man sich verlassen kann, weil der Vater aus ihm spricht und handelt. 

„Christus heute begegnen“, das ist eine fromme Formel. Aber wie begegnen wir einem Menschen, der in den Himmel aufgefahren ist? Jesus, der Anwesende, Jesus, der Abwesende. Das gehört zu den Spannungen, die das Leben als Christ mit sich bringt. Chris-tus ist uns nah, er lebt in uns, wie Paulus sagt; aber er ist auch unendlich fern. 

Manchmal spüren wir seine Hand auf unserer Schulter, manchmal aber, wenn wir es am nötigsten hätten, ist da gar nichts. Christen müssen mit diesen Spannungen leben. Der erhobene Herr ist auch der Gegenwärtige in seinem Geist. Der gewesen ist, ist auch der Kommende. 

Die Jünger, die die Himmelfahrt Jesu erlebt haben oder zumindest Augenzeugen kannten, hatten einen starken Trost. Sie waren sicher, dass Jesus ihnen nur für eine kurze Zeit genommen war, und dass sie seine Wiederkehr erleben würden. Nur ein kurzer Weg würde es sein ohne den Herrn. Und dieser Weg sollte ein gesegneter, ein heiliger Weg sein. 

So wird das Ereignis der Heimkehr des Herrn ein Aufbruch zu einem Weg. Die Himmelfahrts-Bräuche, Prozessionen und Ausflüge sprechen davon. Wir sind auf dem Weg zum Herrn, der uns vorangegangen ist. Und das Motto dieser Wanderung ist Chris-tus selbst. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Text: Andreas Hüser