04.07.2017

Anfrage

Wer war Lilith?

Während einer Führung im Naumburger Dom wurden wir auf die Figur der Lilith aufmerksam gemacht, angeblich der ersten Frau Adams. Laut Domführer wird sie im Alten Testament (Jesaja 34,14) als weiblicher Dämon erwähnt. Man findet allerdings keine weiteren Hinweise in der Bibel. Was ist Ihnen über Lilith bekannt? W. H., 52134 Herzogenrath


Gängig sind heute vor allem drei Deutungen der altorientalischen Figur Lilith. Da ist zunächst die jüdisch-christliche, feministische Deutung von Lilith als erster Frau Adams, Gegenbild zu Eva, die sich der Vormachtstellung des Mannes nicht beugen wollte. In der esoterischen Szene wird Lilith als Schöpferin der Welt betrachtet, da sich diese Figur von der sumerischen Göttin Inanna herleitet und so die ursprünglich weibliche Schöpfungsmacht darstellt. Schließlich wird sie von modernen Computerspielen und Fernsehserien wie „Supernatural“ oder „Chroniken der Unterwelt“ als Fürstin der Dämonen oder oberster weiblicher Vampir betrachtet.

Alle diese Deutungen haben ihren Grund in einer langen Traditionsgeschichte, die nur am Rande die Bibel streift, was auch die eher geringe christliche Wirkungsgeschichte bis heute erklärt.

Lilith ist in den ältesten sumerischen Traditionen ein Windgeist. Ihr Name bedeutet wohl „Dienerin des Windes“. Schon im sumerischen Gilgamesch-Epos aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. wohnt sie in einem Baum; auf einem ebenfalls sumerischen Relief wird sie als nackte junge Frau mit Vogelkrallen statt Füßen dargestellt, die eine vierfache Hörnerkrone trägt, was sie als Göttin ausweist.

In späteren Zeiten wird sie im Alten Orient als Beherrscherin der Winde angesehen, die Männer verführt und tötet. Ebenso wird sie aber auch für den Tod Neugeborener verantwortlich gemacht. Als Windgeist wohnt sie abseits der Zivilisation zum Beispiel in Ruinen, was sich auch in der einzigen biblischen Erwähnung der Lilith findet.

In Jesaja 34,14 wird im Rahmen einer prophetischen Rede beschrieben, wie das Land Edom zerstört werden wird und welche unheimlichen und gefährlichen Wesen die Ruinen dann bevölkern werden. Neben Raubvögeln, Schakalen, Schlangen und Dämonen wird auch Lilith namentlich erwähnt. Sie ist sowohl Teil als auch Symbol dieser menschenfeindlichen Gegengesellschaft. Da sie in der Bibel sonst jedoch keine weitere Erwähnung findet, scheint dies nur eine Erinnerung an diese altorientalische Figur zu sein.

In jüdischen Legenden und in mystischen Schriften des Mittelalters wird Lilith aber zur ersten Frau Adams, die sich ihm nicht unterordnen will, bis hin zur bösen Gegenspielerin der Herrlichkeit Gottes, die mit dem Teufel im Bund ist. Diese Tradition zog sich sogar bis in die Grimmschen Märchen und den Wahn der Hexenverfolgung hinein, wo Lilith die Erzmutter der Hexerei und die Großmutter des Teufels ist, ja, sogar über Umwege in der Figur der Frau Holle noch vorkommt.

Von Christoph Buysch