04.01.2017

Geschenke „auf Pump“ sind selten Ursache für Überschuldung. Aber wer knapp bei Kasse ist, muss sich vor Extraausgaben hüten

Wenn die Winterjacke ein Loch ins Konto reißt

Das Jahr ohne Schulden überstehen – für viele Menschen ist das Neujahrswunsch und -Vorsatz zugleich. Zumal auch die Weihnachtsgeschenke Löcher ins Konto gerissen haben. Nicolas Mantseris, Schuldnerberater der Caritas in Neubrandenburg, kennt den täglichen Kampf ums Geld. 

Nicolas Matseris ist Schuldnerberater der
Caritas in Neubrandenburg.   Foto: Privat

In jedem Jahr werden wir gewarnt, uns nicht durch Weihnachtsgeschenke zu überschulden. Kommen in diesen Tagen viele Leute zu Ihnen, die sich mit Weihnachten übernommen haben?

Nein. Es gibt gar keine Anhaltspunkte dafür, dass zu Jahresbeginn etwas anders ist. Ich erlebe das nicht in der Beratung. Und die Kreditstatistik der Deutschen Bank lässt keinen Anstieg zum Jahresbeginn erkennen. Natürlich nimmt vor Weihnachten die Konsumwerbung zu, und viele Menschen fühlen sich unter dem Druck, viele Geschenke kaufen zu müssen. Das dieser Konsumdruck zu mehr Krediten führt, lässt sich jedoch nicht belegen. In der Regel wirtschaften die Menschen offensichtlich vernünftig. 

Aber wir kaufen heute anders ein als früher. Viele Dinge werden im Internet bestellt. Man sieht nicht, wie das Geld im Portemonnaie weniger wird. 

Das stimmt. Der Versandhandel und Telefonanbieter sind die häufigsten Gläubiger, wenn es um Verschuldung geht. Das Problem taucht besonders oft bei kleinen Anbietern auf, die nicht durch eine Schufa-Auskunft die Zahlungsfähigkeit der Kunden kontrollieren. 

Die Alten haben meistens gelernt, auf das Geld zu achten. Wie steht es mit den Jugendlichen? Geraten sie häufiger in die Schuldenfalle? 

Es gibt Jugendliche, die besonders gefährdet sind. Diejenigen nämlich, die schon bei den Grundfähigkeiten des Alltagslebens Schwierigkeiten haben. Einen Kontoauszug zu verstehen oder Risiken richtig abschätzen, das fällt vielen schwer. Es gibt Menschen, die können einfach nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen. 

Ist das eine Bildungsfrage? 

In den Diskussionen über die Pisastudie fehlt der Blick für die schlechtesten 20 Prozent der Schüler. Wir stoßen in der sozialen Beratung immer häufiger auf fehlende Grundbildung und Alltagskompetenz. Dieses Phänomen ist eine spannende Frage, sie wird uns in Zukunft in allen sozialen Diensten beschäftigen. Denn wir erfahren, dass die Hilfe durch Beratung an Grenzen stößt: Viele Klienten wagen sich nicht an so etwas wie eine Haushaltsplanung – weil sie sich damit überfordert fühlen. 

Wie lernt man am besten, richtig zu wirtschaften? Mit dem guten alten Haushaltsbuch? 

Ja, unbedingt. Ich selber führe kein Haushaltsbuch mehr, behalte aber mein Konto im Blick. Aber wenn man für einige Zeit Haushaltsbuch führt, bekommt man ein Gespür dafür, wie sich die eigenen Ausgaben und Einnahmen zusammensetzen. In der Tendenz müssen die Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen sein, besser es bleibt stets ein Plus auf dem Konto. Haushaltsbuch und eine strikte Planung werden dann wichtig, wenn die Finanzen über längere Zeit knapp sind. Und wem es schwer fällt, die Übersicht zu behalten, sollte prüfen, vor allem feste Ausgaben zu reduzieren. Damit bleibt der Haushalt flexibler und kann auf Unvorhergesehenes besser reagieren.

Alle Geldbewegungen im Griff haben, schafft man das überhaupt? 

Jeder sollte sich bemühen, den Überblick zu behalten. Entscheidend ist aber, wie fehlertolerant das Haushalten ist. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit habe ich ein Bußgeld wegen Falschparken aus dem Ausland in Höhe von 20 Euro nicht gezahlt. In Deutschland fühlte ich mich sicher. Nach etwa einem halben Jahr musste ich schließlich im Rahmen eines europäischen Eintreibungsverfahrens 150 Euro zahlen. Das war ärgerlich, ich konnte es aber bezahlen. 

Für jemanden, der von Arbeitslosengeld II leben muss, sind solche unnötigen Kosten schon richtig schmerzhaft. Ebenso kann die Kühlschrankreparatur oder eine neue Winterjacke ein erhebliches Loch in die Kasse reißen. 

Raten sie zum Sparen, auch wenn es dafür kaum noch Zinsen gibt? 

Die gute alte Rücklage ist unbedingt hilfreich. Aber auch sie muss erarbeitet werden. Und das ist bei schmalem Geldbeutel schwierig.

Interview: Andreas Hüser