05.07.2017

Auf dem Johannisweg von Keitum nach List

Wandeln in dunkler Nacht

Mitten in der Nacht auf einer Insel der Sonne entgegen zu pilgern, das wäre ja mal was. Dachte unsere Autorin und hat es auf Sylt ausprobiert. So viel sei verraten, ein Spaziergang für Traumtänzer ist das nicht.

Ortsschild von List auf Sylt
Wie sie sehen, sehen sie fast nichts im Dunkeln auf Sylt.  
Foto: Jaschke

Es sollte ein ganz besonderes Erlebnis werden, ein Geburtstagsgeschenk, eine Nacht, die man nicht vergisst. Zufällig gefunden bei der Internetrecherche: Pilgerwanderung auf dem Sylter Johannisweg. 

Freitag, 23. Juni. Mein Mann und ich machen uns auf den Weg nach Sylt, um an einer nächtlichen Pilgerwanderung von Keitum nach List teilzunehmen. Immer der aufgehenden Sonne entgegen, wie wir hoffen. Zum zwölften Mal veranstaltet die evangelische Gemeinde St. Severin in Keitum diese ökumenische Pilgerwanderung zur Erinnerung an die Geschichte Johannes des Täufers, dessen Namenstag zur Sommersonnenwende, genau ein halbes Jahr vor der Geburt Christi, zur Wintersonnenwende, gefeiert wird. 

Treffpunkt ist die mittelalterliche evangelische Dorfkirche von Keitum. Pastorin Susanne Zingel spricht im Auftaktgottesdienst über die Bedeutung Johannes des Täufers als Wegbereiter: „Vorläufer sein, fremd und allein, Zeichen am Weg, aber nicht das Ziel, Kommendes sehn, Wüsten begehen, Läufer, nicht König im großen Spiel: dazu rief der Herr der Welten dich, Johannes, in seinen Dienst, und du ließest sein Wort gelten, als du mahnend am Fluss erschienst.“

Nach dem Pilgersegen mit wohlriechendem Johanniskrautöl machen sich 38 Menschen auf den Weg: Einheimische, Zugereiste und Touristen folgen der Laterne, die für die nächsten sechs Stunden und für die folgenden 22 Kilometer den Wanderern Orientierung geben soll. Bis eben hat es geregnet, der Himmel ist wolkenverhangen. Doch noch besteht Hoffnung auf die aufgehende Sonne. 

Der Partner bietet Sicherheit – auch eine gute Erkenntnis.

Den ersten Impuls gibt es am Strand: Wer bin ich? Welchen Namen trage ich? Wo komme ich her? Für die nächste Teilstrecke steht die Erinnerung an nahe Menschen aus früher Kindheit auf dem Plan. Das ist schwierig, denn alle sind mit dem Ertasten des Weges bei dunkelster Dunkelheit beschäftigt. Wer einen Partner hat, nimmt diesen bei der Hand, das vermittelte Sicherheit auf dem Wege. Was ja auch eine gute Erkenntnis ist.

Die Laterne und der vordere Teil der Gruppe machen Tempo. Es erscheint nicht ratsam, den Anschluss zu verlieren. Denn die Schlusslaterne ist längst hinter uns in der Nacht verschwunden. Leichter Nieselregen setzt ein, während wir am Strand weiter laufen. Wenigstens würde man hier weich fallen.

Bei der nächsten Pause freuen wir uns über eine Stärkung, die uns der Fahrer des Begleitfahrzeuges bringt. Es gibt Schwarzbrot, Honig und Tee. So gestärkt, wandern wir munter weiter. Es regnet auch nicht mehr. Wir haben uns langsam an die Dunkelheit gewöhnt, aber so eine Nacht kann lang sein. „Haben wir schon die Hälfte?“, ist die beliebteste Frage. Die Antwort ist weniger beliebt, denn sie lautet: „Nein.“

Bis wir an Kampen vorbeiwandern. Jetzt ist klar, die Hälfte ist geschafft und den Rest schaffen wir auch noch. Irgendwann sehen wir einen Lichtschein am Strand, ein Lagerfeuer. Wir helfen uns gegenseitig eine Böschung hinunter und stellen fest, dass der Fahrer des Begleitfahrzeuges wieder da ist. Er ist ein sehr beliebter Mann. Er hat Wärme, Tee, die Reste von Brot und Honig und Schokolade für uns. Wir stehen um das Feuer herum und wärmen uns. Ein junges Mädchen sitzt auf einem Stein und reibt sich ihr Bein. Langsam wird es hell. Die Sonne selbst lässt sich aber nicht blicken. 

List ruft, die letzte Etappe. Ein Vortrupp aus rüstigen einheimischen Rentnern macht sich selbstständig. Jeder bewältigt die letzten Kilometer in seinem eigenen Tempo. Gegen 5 Uhr, eine Stunde eher als erwartet, ist es vollbracht, und wir erreichen die Kirche St. Raphael in List. 

Styler Missionarinnen, die einen Konvent in List haben, bereiten uns ein Frühstück vor. Der evangelische Pastor Ingo Pohl sperrt die Kirche auf, wo wir eine Andacht halten und unseren Pilgerstempel und einen Segen bekommen. Dann endlich Frühstück. Müde und zufrieden geht es nach Westerland zurück. Einen Sonnenaufgang können wir uns auch mal zu Hause anschauen. Vom Schlafzimmerfenster aus.

Text u. Foto: Brigitte Jaschke