19.12.2016

Restaurierungsarbeiten in der Geburtskirche

Vor dem Verfall gerettet

Sie stand kurz vor dem Einsturz, ehe die Renovierungsarbeiten beginnen durften: In Kürze sind die ersten zwei Etappen in der Geburtskirche in Betlehem geschafft – und die Handwerker wurden überrascht.

 

Alte Mosaike im neuen Glanz: Bei der Restaurierung der Geburtskirche wurden auch sie repariert und geputzt. Foto: KNA

Das große Provisorium in der Geburtskirche von Betlehem dürfte bald vorüber sein. Zu Ostern sollen die Gerüste und tiefergehängten Decken verschwinden und wieder den Blick auf das Gotteshaus aus dem sechsten Jahrhundert freigeben. Vor allem werden dann die alten Mosaiken wieder in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlen. Damit sind die Arbeiten an einer der ältesten Kirchen der Christenheit, die der Tradition nach über der Geburtsstätte Christi errichtet wurde, zwar noch nicht beendet; sie sind bis 2019 angesetzt. Doch immerhin sind dann zwei wichtige Etappen abgeschlossen.

Im Moment jedoch hämmern, bohren, sägen und schleifen mehr als zwei Dutzend Arbeiter hinter den weißen Planen und Sichtblenden. Allerdings mit vielen Unterbrechungen. Denn die Gottesdienste und die täglichen Prozessionen der Mönche zu dem 14-zackigen Silberstern in der Grotte dürfen nicht gestört werden. Auch der Pilgerbetrieb geht fast normal weiter. 

 

Mahmud Abbas musste ein Machtwort sprechen

Begonnen hatte das Jahrhundertprojekt nach Hiobsbotschaften von Statikern – und einem Machtwort von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Er brachte die drei rivalisierenden Kircheneigner – Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken – dazu, endlich einer Restaurierung zuzustimmen. Denn die jahrhundertealten Dachbalken waren morsch, die Bleidecke drohte einzustürzen. Die Sicherheit der jährlich eineinhalb Millionen Besucher war ernsthaft gefährdet. Zudem machte die Kirche durch jahrhundertealten Kerzenruß und Weihrauch sowie durch Wassereinsickerungen einen vernachlässigten Eindruck.

Die italienische Firma Piacenti aus der Toskanastadt Prato erhielt den Zuschlag für die Dachsanierung. Das Holz, um die maroden Dachbalken auszubessern, stammt aus Italien, das erforderliche Blei kommt aus Deutschland, wie Giammarco Piacenti verriet. Auch regendichte Fenster wurden eingebaut, die die für Mosaiken und Träger gefährlichen UV-Strahlen filtern.

Die erfolgreiche erste Etappe ermunterte Bauherren und Kircheneigner zur Fortsetzung. Schon bei den Dacharbeiten zeigte sich der prekäre Zustand der darunter befindlichen 800 Jahre alten Mosaiken. Ursprünglich bekleideten sie 2000 Quadratmeter Fläche; heute sind nur noch 130 Quadratmeter übrig. Der größte Teil wurde in osmanischer Zeit beschädigt, abgeschlagen oder fiel bei dem schweren Erdbeben um 1830 ab.

So wurden etwa 1,6 Millionen kleine Stücke verschiedenster Mineralien, mit Gold und Silber bedeckte Steine sowie Perlmutt von der Ruß- und Fettschicht befreit und neu stabilisiert. Dabei kamen die Restauratoren auch hinter das Geheimnis des Glanzes: Die Steinchen waren leicht geneigt eingesetzt und reflektieren damit das Licht auf fast mystische Weise.

 

Ein neues Mosaik in der Geburtskirche entdeckt

In diesem Bauabschnitt gab es noch weitere Überraschungen: Im Fries zwischen den Fenstern entdeckten die Archäologen ein unter dem Putz verborgenes weiteres Engelmosaik auf goldenem Hintergrund. Wie die sechs übrigen weist er dem Besucher mit ausgebreiteten Händen den Weg zur Geburtsgrotte Christi. Dieser siebte Engel wurde bereits zu einem Wahrzeichen der erneuerten Geburtskirche. 

Pierbattista Pizzaballa, der neue Leiter des Lateinischen Patriarchats, wählte ihn für seine Einladungskarte zur Bischofsweihe. Das andere Symbolbild der Restaurierungen: die Begegnung des Auferstandenen mit dem ungläubigen Thomas, dessen Hand er in seine Seitenwunde drückt. Es gilt als erste Darstellung dieser Art in der christlichen Ikonographie.

Finanziert wird das Projekt zur Hälfte von der palästinensischen Regierung sowie vom Privatsektor, wie die frühere Tourismusministerin Khouloud Daibes betont. Die andere Hälfte muss durch Sponsoring, Spenden und Fundraising gedeckt werden, an dem sich etwa der Vatikan, Griechenland, Russland, Marokko und Deutschland beteiligen. Bislang kostete es rund zehn Millionen Euro; die gleiche Summe wird nochmals benötigt. In den nächsten Etappen sollen auch die 50 Säulen des Kirchenschiffs renoviert werden.

Die Christin Daibes, die inzwischen die Palästinenser-Vertretung in Berlin leitet, ist froh und stolz auf das bisherige Projekt. „Diese Kirche hat einen spirituellen Wert für alle Gläubigen. Jetzt aber kommt auch noch ein künstlerischer Wert hinzu.“ Während überall in der Region, vor allem aus Syrien und dem Irak, Christen fliehen müssten, sei es ein „positives Zeichen, dass hier von Christen und Muslimen gemeinsam eine Kirche restauriert wird, die eine sehr wichtige Kulturstätte der ganzen Menschheit ist“.

kna