21.05.2014

In 26 anregenden Texten führt Pfarrer Wolfgang Kroker durch den Skulpturenpark von Schloss Gottorf

Von Schöpfungen und Schöpfern

„Kunst anders sehen“, das ist der Titel einer Sammlung von 26 Bildbetrachtungen von Pfarrer Wolfgang Kroker, die jetzt als Buch erschienen ist.  

Leser dieser Zeitung, die dieses Buch aufschlagen, werden sich an einige Bilder und Texte erinnern können. 24 davon sind in der Rubrik „In meinen Augen“ erschienen. Außer dem Autor ist ihnen eines gemeinsam: Jeder Folge liegt ein Kunstwerk zugrunde, das im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf zu sehen ist. 

Die erste Folge entstand fast „im Vorübergehen“. Wolfgang Kroker geht in Schloss Gottorf seit langem ein und aus. Aber nicht, um Kunstwerke zu genießen. Der katholische Pfarrer ist Mitglied des Stiftungsrates. Auch seine private Sammlung von Dokumenten Schleswig-Holsteinischer Polizeigeschichte gehört zum Bestand des Museums. Aber einmal fiel sein Blick doch auf ein Werk der Mittelaltersammlung. Es handelte sich um einen kunstvoll geschnitzten Altarschrein aus dem 16. Jahrhundert. Das Relief stellt die Kreuzigung dar. Man sieht zwei Kreuze, an denen die „Schächer“ hängen. Das mittlere Kreuz fehlt. An seiner Stelle zeigt ein heller  Fleck, dass hier noch ein drittes Kreuz war. „Ein Schild informiert die Betrachter über diesen Umstand. Niemand weiß, wann die Figur verschwunden und wo sie geblieben ist. Vielleicht zur Res-taurierung abgenommen und später als Einzelstück behandelt worden? „Aber über dieses Bild ‚Christus ist verloren gegangen‘ ließ sich ja nachdenken“, dachte sich der Geistliche. Und beides, Bild und Betrachtung, passte zur gerade neu eingeführten Rubrik in der Neuen KirchenZeitung: „In meinen Augen“. 

Es blieb nicht bei der einen Betrachtung. Denn Pfarrer Kroker fand in der Mittelaltersammlung des Museums noch andere Stücke, die etwas Außergewöhnliches hatten: Leere Evangelisten-Symbole an einem Kruzifix …

Die Skulptur „Viereck und Viereck“ vor Schloss Gottorf war für Wolfgang Kroker ein Auslöser, 
über neue Kunstwerke im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum zu schreiben. 

 Nach 13 Folgen Mittelalter wechselte der Autor den Blick. Er stellte sich einer schweren Aufgabe: Neue Kunstwerke betrachten und interpretieren. Auch dafür gab es eine auslösende Geschichte. „Ich ging zufällig neben einer Familie mit zwei Kindern vom Kartenverkaufs-Häuschen zum Schloss, direkt an der Großskulptur Viereck und Viereck von H.D. vorbei. Ein Junge fing sofort an zu lästern. Was soll denn dieser Schrott hier? Der Vater war der gleichen Meinung. Das soll wohl Kunst sein. Das zweite Kind: Hat vielleicht nicht mehr ins Schloss reingepasst!“ Das ging Wolfgang Kroker gegen den Strich. „So geht’s nicht. Wenn ihr es für Schrott haltet, dann bringt auch Argumente dafür. Bleibt wenigstens einen Moment stehen und fragt euch, was der Künstler vielleicht gewollt hat. 

Die Frage „was wollte der Künstler?“ ist aber nur eine von mehreren möglichen Zugängen zur Kunst. „Was sieht der Betrachter?“ Das kann manchmal viel interessanter sein. Trotzdem hat Kroker wenn möglich den Kontakt mit den (lebenden) Schöpfern der Gottorfer Skulpturen aufgenommen. Mit Jan Koblasa, dem wohl bekanntesten in dieser Reihe, pflegte er einen umfangreichen Briefwechsel. Und manchmal ergaben sich komische Situationen. In der Skulptur der Wagenlenkerin von Hans Wimmer fand der Autor eine Schrift am Wagenrad: „Lady Hecuba“. So heißt doch kein Pferd, dachte Kroker. Eher noch die Wagenführerin. Hekuba ist eine griechische Sagengestalt, Königin von Troja, deren Söhne auf grausame Weise im Kampf um Troja getötet wurden. Steckt in der Skulptur also ein chiffrierter Aufruf zum Frieden? Kroker schickte die fertige Bildbetrachtung an die Tochter des Künstlers. „Aber die hat nur herzlich gelacht.“ Denn für den Künstler hatte die Inschrift eine viel einfachere Bedeutung: Seine Pferde hießen Lady und – tatsächlich: Hecuba. 

Text: Andreas Hüser

Wolfgang Kroker: „Kunst anders sehen – in und um Schloss Gottorf“,
26 Bildbetrachtungen mit einem Vorwort von Erzbischof Werner Thissen.
Verlag: Ansgar Medien GmbH, 74 Seiten, 6 Euro 
Erhältlich im Buchhandel und im Landesmuseum Schloss Gottorf