21.04.2017

„Was ist Wahrheit?“ war das Thema des ökumenischen Kreuzwegs am Karfreitag in Lübeck

Von der Wahrheit im Leben

Erzbischof Stefan Heße und Bischöfin Kirsten Fehrs widmeten sich am Karfreitag beim Lübecker Kreuzweg, an dem 700 katholische und evangelische Christen teilnahmen, der Frage: „Was ist Wahrheit?“

Bischöfin Kirsten Fehrs und Erzbischof Stefan Heße beim Lübecker Kreuzweg

 In ökumenischer Eintracht gingen Bischöfin Kirsten Fehrs und Erzbischof Stefan Heße hinter den Kreuzträgern her.  Foto: Marco Heinen / kna

Von ein bisschen Wind und ein paar dunklen Wolken ließen sich die rund 700 Christen nicht abhalten, die am Karfreitag den ökumenischen Kreuzweg in Lübeck gingen. „Was ist Wahrheit?“, so lautete in diesem Jahr die Überschrift. 

Erzbischof Stefan Heße erinnerte an der Jakobikirche, wo auch eines der beiden Jahrhunderte alten Kreuzwegreliefs hängt, an die Verurteilung Jesu Christi durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus. Dieser habe sich nicht positioniert und auf die Frage nach der Wahrheit keine Antwort gehabt. Stattdessen habe sich Pilatus dem Urteil der Massen unterworfen. „Auch in unserer Zeit gibt es genügend Beispiele dafür, wie die Wahrheit verstellt oder entstellt wird – durch vermeintliche Wahrheit, durch falsche Wahrheit, durch ‚gefakte‘ Positionen“, sagte Heße. Er appellierte an die Gläubigen, zu ergründen, aus welcher Wahrheit heraus sie ihr Leben, ihre Kirche und die Gesellschaft gestalten wollen.

Der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm verwies an der Kreuzwegstation am Burgtor auf das Schicksal der Lübecker Märtyrer, die dort eingesessen hatten. „Wir erleben heute erneut, wie die Tatsachen verdreht werden, wie Lügen als Wahrheit verkauft werden. Wie Menschenverachtung und Intoleranz Hass verursachen und das Klima in unserer Gesellschaft vergiften“, so Engholm. Unter Anspielung auf die „alternativen Fakten“ eines Donald Trump mahnte er: „Wir sollten uns nicht durch Verführer verführen lassen, nicht zulassen, dass unsere Gemeinschaft durch sie aus dem Lot gerät.“ Wer die Würde aller achte und Barmherzigkeit zeige, stärke die Gemeinschaft und ehre das Andenken und Vorbild der­ Märtyrer, sagte Engholm.

Bischöfin Fehrs: Luther hat Klartext geredet 

Friederike C. Kühn, Präses der Lübecker Industrie- und Handelskammer (IHK), formulierte an der dritten Station ihre Gedanken zur Wahrheit aus unternehmerischer Sicht: „Immer wieder müssen sich Unternehmer anhören, sie würden alle nur in ihre eigene Tasche wirtschaften, ohne Rücksicht auf ihre Mitarbeiter, auf Umwelt oder auf die Zukunft.“ Doch diese Sicht sei nicht fair. Viele Kaufleute teilten ihren Reichtum und engagierten sich für das Gemeinwohl, meinte sie.

An der letzten Station auf dem Jerusalemsberg vor den Toren der Stadt verwies Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck, auf „furchtbare Wahrheiten“, etwa die Kinder, die in Syrien Opfer von Giftgas wurden und Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertranken. „Es ist furchtbar wahr, dass in Kairo, in Stockholm, in Petersburg, in Dortmund mörderische Anschläge verübt werden und damit auch unsere Demokratie und Freiheit attackiert werden“, sagte Fehrs. Zugleich werde immer mehr mit Lügen gearbeitet. „Das Gefährliche ist ja nicht die Lüge an sich, sondern das Verschwimmen dessen, was Wahrheit ist.“ 

Martin Luther sei zwar kein unschuldiger Mensch gewesen, doch habe er dazu gestanden, Klartext zu reden. Es müsse zwischen Tatsachen und Meinungen unterschieden werden. „Wer den Unterschied verwischt und hier Unklarheit zulässt, ist der Lüge schon fast auf den Leim gegangen“, sagte sie. 

Weitere Redner waren Propst Christoph Giering und Pröpstin Petra Kallies, Jakobi-Pastor Lutz Jedeck sowie Arno Probst, Vizepräses der IHK. In diesem Jahr war der Kreuzweg eine von vier Veranstaltungen im Norden, die zum ökumenischen Reformationsgedenken „2017 gemeinsam unterwegs – Gottesdienst feiern“ gehören.

Text: Marco Heinen