30.11.2016

Die Visionen des Jesaja

Vom Feind zum Freund

Jesaja hat verrückte Vorstellungen: Wolf und Lamm wohnen zusammen, Kuh und Bärin freunden sich an, aus „natürlichen Feinden“ werden Freunde. Total unrealistisch?

Pastor James Wuye (links) und Imam Mohammad Ashafa: zwei Friedenstifter aus Nigeria, die früher erbitterte Feinde waren. Foto: imago

Als Muhammad Ashafa und James Wuye sich zum ersten Mal treffen, in Kaduna, einer Millionenstadt in Nigeria, wo der christliche Süden und der muslimische Norden aufeinandertreffen, da wissen sie genug übereinander. Vor allem, dass sie Feinde waren. Todfeinde.

Wuye, der Christ, wollte nie etwas anderes sein als Soldat. Mit dem Hass gegen Muslime ist er aufgewachsen, sagt er. „Erschlagt sie wie Hunde. Zündet ihre Häuser an. Wir sind Gottes Werkzeug.“ Als junger Mann befehligt er brutale christliche Milizen. Auch einen alten Mann bringen sie um, einen Sufi-Weisen. Sie zerren ihn aus seinem Haus, werfen ihn in einen Brunnen und steinigen ihn, bis er tot ist. Weil er der spirituelle Lehrer von Muhammad Ashafa ist. 

Ashafa befehligt die muslimischen Kampftruppen. In Brutalität stehen sie nicht nach. Als sie James Wuya erwischen, hacken sie ihm eine Hand ab, sein bester Freund stirbt. Als James und Ashafa sich zum ersten Mal leibhaftig in die Augen sahen, wissen sie: Der ist schuld!

Heute leiten sie das „Interfaith Mediation Centre“, ein interreligiöses Versöhnungszentrum. Unermüdlich sind sie unterwegs, im eigenen Land und anderswo, um Feinde an einen Tisch zu bringen. Der deutsche Journalist Michael Gleich hat die beiden einige Wochen begleitet. Er sagt: „Das war keine glatte Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte.“ Auch als sie schon als gefeierte Friedensstifter durch die Welt zogen, hatten sie gelegentlich heftige Racheattacken. Aber sie konnten sie eindämmen – durch ihren Glauben. 

Für Ashafa war es die Sure 41 des Koran, die er plötzlich neu las: „Die gute Tat ist der schlechten nicht gleichzustellen. Erwidere die schlechte, die dir geschieht, mit einer guten. So wird derjenige, mit dem eine Feinschaft bestand, zu einem engen Freund.“ Für James war es ein Geistlicher, der ihm sagte: „Du bist vergiftet von Hass. Aber wenn du Muslime für den christlichen Glauben gewinnen willst, dann musst du deine Liebe für sie entdecken.“

Heute sind Wuye und Ashafa nicht nur Friedensstifter, sondern auch Pastor und Imam. Und sie stellen andere Pastor-Imam-Teams zusammen. „Einige von ihnen waren früher Milizionäre“, sagt Michael Gleich. „Heute streiten sie für friedliche Lösungen. Koexistenz, so predigen sie in einem Land, wo Predigten noch zählen, ist nichts anderes als Lob und Preis Gottes.“

 

Szenenwechsel: Israel/Palästina

Ein jahrzehntealter Konflikt: Kriege, Intifada, Bomben, Selbstmordattentate. Tausende Opfer auf beiden Seiten. Eines ist Arik, Sohn des Geschäftsmanns der 1994 von der Hamas entführt und ermordet wird. Sein Vater, ein orthodoxer Jude, trauert. Und er sucht Kontakt zu Familien, die auch ein Kind im israelisch-palästinensischen Konflikt verloren haben: israelische und palästinensiche. Aus einem ersten Treffen der trauernden Eltern wird der Verein „The Parents Circle“. Heute gehören ihm über 600 Familien an, die sich für Versöhnung statt Rache einsetzen.

Pastorin Hanna Lehming vom Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche kennt die Gruppe seit vielen Jahren. „Was der Parents Circle macht“, sagt sie, „ist harte Arbeit.“ Und dazu eine, die immer härter wird. „Es gibt auf beiden Seiten viele, die sagen: ‚Mit denen kann man nicht reden‘. Für die ist der Parents Circle Kollaboration mit dem Feind.“ Projekte wie etwa Besuche in Schulen, das „Herzstück“ des Vereins, werden immer schwieriger. „Einen Palästinenser aus der Westbank nach Israel zu holen, ist ein Kraftakt, umgekehrt geht es fast überhaupt nicht mehr.“ Und doch ist es unverzichtbar. „Die jungen Israelis und Palästinenser kennen sich doch nur noch als Klischee.“

Doch die trauernden Eltern stehen fest zusammen. „Sie halten sich fest an einer Perspektive“, sagt Hanna Lehming. „Sie sind untereinander fast besser befreundet als mit Mitgliedern ihrer eigenen Gesellschaft.“ Weil sie an dasselbe glauben: „Es wird nicht aufhören, bis wir reden.“

Sind diese zwei Beispiele eine absolute Ausnahme? Nein, meint Michael Gleich. Für sein Projekt „Peace Counts“ (Frieden zählt) sind Journalisten in mehr als 50 Länder gereist: als Friedensberichterstatter. „Wir haben unfassbar mutige willenstarke und charismatische Persönlichkeiten getroffen“, sagt er. Auch über sie zu berichten, zeige „ein kompletteres Bild der Wirklichkeit“. 

Auffällig sei, so Gleich, dass die Friedensstifter, „häufig ihre Kraft aus einer tiefen gelebten Spritualität schöpfen. Aus der Orientierung auf etwas, was größer ist als der Ego-Geist. Aus Gottglauben und Gottvertrauen“. Für den Journalisten ist die Vision des Jesaja deshalb keineswegs so unrealistisch, wie sie klingt. „Was mir konkret Hoffnung gibt, ist, dass in den letzten 200 Jahren die Gewalt tatsächlich gezähmt und zivilisiert worden ist“, sagt er. Und dass es so viele Menschen gibt, die sich tagtäglich für den Frieden einsetzen, die „nicht die Dunkelheit beklagen, sondern sich daran erfreuen, Kerzen anzuzünden.“ Und das ist doch die passende Botschaft für den Advent.

Von Susanne Haverkamp