22.03.2016

Hoffnung auf Auferstehung

Voller Farbe und Licht

Die Auferstehung kann man malen, sagt Heribert Huneke. Den Himmel auch. Farbe und Licht genügen. Und er ist gespannt darauf, ob seine Bilder vom Himmel mit der Wirklichkeit des Himmels übereinstimmen werden.

Der Künstler Heribert Huneke scheut sich nicht, seine Vorstellungen von Himmel und Auferstehung zu malen. Foto: Susanne Haverkamp

Malen kann Heribert Huneke nicht mehr. Das Rheuma hat längst seine Hände versteift. Zum Atmen braucht er Unterstützung durch ein Sauerstoffgerät. Im Jahr 2008 konnte er zumindest noch einen Bleistift halten. Einen kleinen Engel hat er damals als allerletztes Werk gezeichnet – für seine Frau. „Sie ist damals zum zweiten Mal krank geworden. Als sie ins Krankenhaus musste, hat sie ihn auf ihren Nachttisch gestellt.“ 2009 starb sie. „Sie hat gesagt: ‚Ich hole dich bald nach“‘, erzählt Huneke. „Aber wer weiß, was im Himmel ‚bald‘ bedeutet“, schiebt er lächelnd nach. Und: „Eigentlich warte ich drauf!“

Heute steht das kleine Bild des Engels auf dem Schrank gegenüber dem Sessel, in dem der Maler den größten Teil des Tages verbringt, denn viel bewegen kann er sich nicht mehr. „Es ist mir wichtig, von meiner Kunst umgeben zu sein“, sagt er. „Als ich nicht mehr malen konnte, fühlte ich mich wie amputiert.“

Dabei sprach in seiner Herkunft nichts für eine künstlerische Karriere. 1932 wurde Huneke in Essen geboren. „Ich habe Schreiner gelernt, aber trotzdem habe ich immer irgendwie in der Luft gehangen.“ Malkurse hat er in der Volkshochschule belegt. „Irgendwann sagte der Dozent: ‚Ich kann dir nichts mehr beibringen; wenn du mehr wissen willst, musst du studieren.‘“ Aber Huneke traute sich nicht. „Mein Vater war ganz und gar dagegen.“ Doch die Freundin, die später seine Frau werden sollte, drängte ihn. „Da habe ich mich an der Werkkunstschule in Düsseldorf beworben.“ Er wurde angenommen und sagt heute: „Das Studium hat mich gerettet, endlich habe ich Boden unter die Füße bekommen.“

 

„Ich kann mir Religion ohne Farbe nicht vorstellen“

Von Anfang an waren es die Farben, die ihn faszinierten. „Farben sind eine ganze Welt“, sagt er. Und ein Glaube. „Ich kann mir Religion ohne Farbe nicht vorstellen.“ Wo andere sich ein gegenständliches Bild machen, sieht Huneke Licht und Farbe. „In meiner Heimatkirche in Essen, wo ich zur Erstkommunion gekommen bin und Messdiener war, da war die Kuppel mit einem Gnadenstuhl ausgemalt“, erzählt er: ein großer Thron mit einem mächtigen Richter darauf. „Als Kind hat mir dieses Bild immer Angst gemacht. Als nach dem Krieg die Kuppel zerbombt war, war das eine echte Erlösung.“

Biblische Bilder hat Huneke schon früh gemalt. „Das war vielleicht so eine Vorliebe von mir“, schmunzelt er. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Bildern von der Passion. „Die Karwoche ist jedes Jahr etwas Besonderes für mich“, sagt er. „Das kann man sich vielleicht nicht vorstellen, aber ich leide wirklich mit. Jedesmal denke ich: ‚Hoffentlich überstehe ich das!‘ – und dann ist die Osterfreude umso größer.“

Wenn Huneke von seinem Leben erzählt, dann erwähnt er insgesamt mehr leidvolle als schöne Ereignisse. Zum Beispiel die Szene im „KLV-Lager“, der „Kinderlandverschickung“ während des Zweiten  Weltkriegs, die er nahe dem Brenner in Österreich verbrachte. „Ein Schulfreund spielte mit einer Handgranate herum. Sie explodierte – und ich kam mit meinem kleinen Sanitätskoffer und stand neben dem, was von ihm übrig war ...“

Bilder von der Auferstehung malte er dennoch lange nicht.  „Ich war schon fast 60, als ich mich zum ersten Mal da rantrau-te.“ Dann aber waren es einige. Das Titelbild unserer Osterausgabe ist ihm dabei „besonders wichtig“, sagt er. Es geht zurück auf einen Besuch in einem Grab. „Das war im Urlaub in der Bretagne. Eine alte Grabanlage auf der kleinen Insel Gravini“, erinnert er sich. Ein dunkler Gang führte in eine Kammer. „Wir schlossen das Tor, löschten das Licht und saßen in totaler Dunkelheit.“ Doch statt Angst meldete sich in ihm „ein Gefühl unbeschreiblichen Geborgenseins.“ Dann, ohne Vorwarnung, wurde der Eingang wieder geöffnet. „Im gleichen Augenblick erfahre ich mich, geblendet von gleißenden Sonnenstrahlen, gerufen, das Grab zu verlassen.“

Bis das Bild fertig war, das jetzt auf der Titelseite und hier noch einmal klein abgedruckt ist, verging einige Zeit. Und doch ist vieles wiederzuerkennen: die dunkle Grabhöhle, das gleißende Licht. Doch der Unterschied ist auch erkennbar: Das Licht reicht im Bild bis in die Grabhöhle hinein. Es berührt den toten Körper, dringt in ihn ein. Und ganz oben, am Bildrand, ist ein Stück blau. „Ich würde Gott in diesem Blau sehen“, sagt Huneke. Malen würde er Gott aber nicht. „Da bin ich ganz biblisch: ‚Du sollst dir kein Abbild machen.‘“

 

Ein Bild mit zwei Titeln – oder mit noch mehr

Und noch eine Geschichte gibt es zu dem Bild: die des Titels. „Ich habe das Bild genannt: ‚Ich werde auferstehen‘“, erzählt der Maler. Dann bekam er Besuch von einem ihm gut bekannten Kunsthistoriker; zusammen wollten sie eine Ausstellung vorbereiten. „‚Wie heißt das neue Bild?‘, fragte er. ‚Ich werde auferstehen‘, antwortete ich.“ Der Kunsthistoriker war sichtlich unzufrieden. „Wie würden Sie es denn nennen?“, habe Huneke zurückgefragt. „Ich denke bei dem Bild an die Lazarusgeschichte. Ich würde es nennen: ‚Komm heraus!‘“ 

Die Männer einigten sich auf einen Doppeltitel. Und fügten noch Pünktchen hinzu. „Ich werde auferstehen oder: … komm heraus!“ So hat jeder, der sich dem Bild nähern möchte, die Möglichkeit, seinen eigenen Namen oder den eines lieben Verstorbenen einzusetzen“, erklärt Heribert Huneke, der dieses Bild in seinem eigenen Schlafzimmer neben dem Bett hängen hat. „Und wen setzen Sie ein?“, frage ich ihn. „Mich selbst. Das wage ich.“

Nein, Angst vor dem Tod hat der inzwischen schwerkranke Künstler nicht. „Warum sollte ich Angst haben? Ich sehe nichts Dunkles, wenn ich an den Himmel denke.“ Angst hat er nur um seine Familie, um die Kinder und Enkel. „Ich habe Angst, sie traurig zu machen“, murmelt er mit einer Stimme voller Tränen. „Ach, Opa“, sagt Enkel, der dabei sitzt. „Du musst nicht unseretwegen bleiben. Aber unseretwegen darfst du gern noch ein bisschen bleiben.“

Licht und Farben sieht Heribert A. Huneke, wenn er an das Leben nach dem Tod denkt, eben das, was er immer wieder gemalt hat. „Ich bin gespannt. Und ich nehme den Satz ernst: ‚Es wird ganz anders sein‘. Aber …“, setzt er nach einer nachdenklichen Pause hinzu, „… aber wenn es weniger Farbe ist, werde ich enttäuscht sein.“

Von Susanne Haverkamp