21.05.2015

Gefahr beim Pilgern?

Vermisst auf dem Jakobsweg

Gewalt und Tod auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela? Seit April wird eine Pilgerin vermisst, eine andere Frau entkam nur knapp einer Entführung. Was ist los auf dem Jakobsweg?

Ein spanischer Camino-Experte warnt: Niemand sollte allein pilgern und stets ein Handy dabei haben. Foto: kna-bild

Die Pilgergemeinde nach Santiago ist besorgt. Seit Anfang April wird die nordamerikanische Pilgerin Denise Thiem vermisst. Das letzte Lebenszeichen der 41-Jährigen stammt aus Astorga. Die Stadt im Nordwesten Spaniens dient Jakobspilgern als Durchgangsstation in eine der schönsten und einsamsten Berglandschaften des Wallfahrtsweges, die Montes de Leon mit dem sagenumwobenen "Eisenkreuz" Cruz de Ferro. 

Das auf über 1.500 Metern gelegene Kreuz markiert das Dach des Jakobsweges; höher geht es auf dem Hauptweg zwischen den Pyrenäen und Santiago de Compostela nicht hinauf. Denise Thiem kam nachweislich nie oben an, hatte aber - wie alle Pilger - vor, den Weg dorthin einzuschlagen. Dies war auch ihrer letzten Mail an Freunde in den USA deutlich zu entnehmen. 

Bevor man die Aufstiegspassagen in die Bergwelt erreicht, führt der Jakobsweg durch einsames Busch- und Heideland und das Dorf Santa Catalina de Somoza. Ebendort entging am vergangenen Wochenende eine ortsansässige Spaziergängerin nur knapp einer Entführung. Die Frau bemerkte laut Polizeiangaben nahe einem Rastplatz für Jakobspilger ein kleines, dunkles Auto. Im Inneren befanden sich demnach zwei Männer, die sie heranzuwinken versuchten, als würden sie etwas fragen wollen.

Der 50-Jährigen kam die Situation nicht geheuer vor. Als sie nach eigenen Angaben bemerkte, dass einer der Männer halbmaskiert war und der andere das Auto verließ und auf sie zukam, rannte sie davon. Der Unbekannte habe sie eingeholt und am Arm gepackt, offenbar um sie zum Auto zu ziehen - doch es gelang ihr, sich loszureißen und zu flüchten. Dank ihrer Ortskenntnis fand sie ein Versteck in einem Gebüsch. Ihrer Aussage zufolge sprachen die Unbekannten nicht Spanisch miteinander; sie vermutete eine osteuropäische Sprache.  
 

Keine direkte Verbindung der beiden Fälle

Das "Cruz de Ferro" ist wortwörtlich der 
Höhepunkt des Jakobwegs. Höher geht
es auf dem Weg nicht hinaus. Foto: kna-bild

Laut den laufenden Ermittlungen haben die beiden Fälle des versuchten Kidnappings und der verschwundenen Pilgerin nicht "a priori" etwas miteinander zu tun. Allerdings könne eine Verbindung nicht ausgeschlossen werden. Wie die Regionalzeitungen "Diario de Leon" und "La Voz de Galicia" berichten, haben bereits mehrere Pilgerinnen, die in dieser Gegend unterwegs waren, ausgesagt, "bedrängt" und "belästigt" worden zu sein. Offizielle Anzeigen liegen nicht vor, doch Anwohner des 60-Seelen-Dorfes Santa Catalina de Somoza bestätigen solche Vorkommnisse; es entstehe ein Klima der Unsicherheit.

Was mit Denise Thiem passiert ist, stellt sie Polizei bislang vor ein Rätsel. Trotz intensiver Suchmaßnahmen mit Hilfe von Polizeieinheiten, Spürhunden, Helikoptern und Freiwilligenteams gebe es bislang nicht die geringste Spur. Das weist Parallelen zum Fall Manfred Reyle auf. Der damals 73-jährige Pfarrer aus Tübingen verschwand im August 2011 auf dem Weg hinauf zum Grenzpass von Somport, dem zweitwichtigsten Pyrenäen-Übergang der Jakobspilger. Auch damals fand eine ausgedehnte Suche statt, die völlig ergebnislos verlief. Im Berggebiet um das Cruz de Ferro hat die Polizei nunmehr die Präsenz verstärkt. 

Ob Reyle und Thiem Gewaltverbrechen zum Opfer fielen, ist bislang nicht bewiesen, aber wahrscheinlich. Bei der amerikanischen Pilgerin mit ihrem orientalischen Aussehen könnte ein sexueller Übergriff stattgefunden haben, so wird vermutet. Die Hoffnung, sie lebend zu finden, sind - auch trotz der Facebook-Seite "Help us find Denise" - wohl eher gering.

Besteht für Alleinwanderer auf dem Jakobsweg nun eine verstärkte Gefahr? Immerhin verläuft die Strecke vielerorts durch entlegene, dünn besiedelte Gegenden. Francisco Esteban Palomo, ein spanischer Camino-Experte, der seit 25 Jahren Pilgergruppen begleitet und Mitglied des Gästeführerverbands von Santiago ist, sind keine anderen Fälle bekannt. Dennoch findet der 62-Jährige die jüngsten Ereignisse "äußerst beunruhigend". Er appelliert an alle Pilger, stets ein Handy dabei zu haben und "niemals allein" zu gehen.

kna