17.06.2015

Wie künftige katholische Religionslehrer in Hamburg studieren

Theologie wie im richtigen Leben

Theologiestudium, wie geht das heute? Seit Herbst 2014 können angehende katholische Religionslehrer in Hamburg studieren. Die Neue KirchenZeitung hat ein Seminar besucht  – und festgestellt: Mit trockenem Pauken hat das Ganze nichts zu tun. 

Heute ist kein Tag zum Studieren. Fast 30 Grad im Schatten, die Reifen der Fahrräder braten vor der Treppe des Uni-Hauptgebäudes am Dammtor. Auf der Treppe sonnen sich Grüppchen von Studenten. Dort findet man auch die Teilnehmer des Seminars „An Gott glauben – an Gott zweifeln: eine Einführung in die Fundamentaltheologie“. Die Pause darf etwas länger dauern. „Wann wir genau anfangen, bestimmen die Studierenden selbst“, sagt Dozent Gerrit Pischke. So etwas würde in anderen Fächern, wo sich Massen von Studenten in riesigen Hörsälen drängen, nicht funktionieren. Aber das Fundamentaltheologie-Seminar hat sechs Teilnehmer: Luxus. „Mein zweites Fach ist Geschichte, da sind wir dreißig in einem Seminar“, sagt Benjamin Müller. „In dieser kleinen Gruppe fühle ich mich total wohl. Wir treffen uns auch mal außerhalb des Seminars, gehen etwa ins Kino.“ Auch so etwas ist an der Uni von heute nicht selbstverständlich. 

Wie kann Gott das Leid zulassen?

Der Seminarraum ist geräumig und angenehm kühl. Gerrit Pischke gibt eine Einführung in die Sitzung, resümiert den bisher behandelten Stoff und erläutert die Arbeitsmethode: Problem Based Learning (Problembasiertes Lernen). „Das wird ihnen in der Pädagogik ständig begegnen“. Allerdings stehen die sechs Seminarteilnehmer heute vor einem der schwierigsten Probleme der christlichen Theologie und des Glaubens. Es geht um die „Theodizee-Frage“: Warum verhindert Gott nicht das Böse und das Leiden Unschuldiger? 

Große Geister wie Augustinus, Leibniz oder Kant haben sich schon die gelehrten Köpfe über diese Frage zerbrochen. Man könnte lesen, welche Antworten sie gefunden haben. Aber das Seminar geht anders vor. Dozent Pischke hat auf einem Papierbogen Fragen geschrieben, die in den Kern des Problems zielen. „Macht es einen Unterschied, ob Kinder oder Erwachsene leiden?“ „Gibt es Menschen, die Leid verdient haben?“ 

Ein Riesenproblem auf dem Papierbogen 

20 Minuten lang umkreisen die Studenten wortlos den Tisch. Sie notieren mit Filzstift Antworten und Kommentare zu den Fragen. Gerrit Pischke schreibt Gegenfragen dazu. Auf dem Papier entwickeln sich Diskussionen. Dann ist Ende der Stille. Die Beiträge werden zusammengefasst, von allen diskutiert. Hat Augustinus recht, dass kein Mensch nach dem Sündenfall unschuldig ist? Schnell liegen neben den Fragen der Gegenwart die Antworten der „klassischen“ Theologie auf dem Tisch. 

Die Themen des Studiums sind für keinen im Kreis nur „Lehrstoff“. „Bei solchen Fragen wird mein eigener Glaube auf die Probe gestellt“, sagt Richard Melz , der aus Berlin zum Studium nach Hamburg gekommen ist. „Ich merke, dass ich mich durch das Studium weiter entwickle.“ Ganz ähnlich blickt Annika Vosskuhl aus Papenburg auf ihre ersten zwei Semester Theologie. „Ich habe mich noch nie so intensiv mit dem Glauben auseinandergesetzt“, sagt sie. Warum sie nach Hamburg gegangen ist? Diesen Studienort hatte ursprünglich keiner aus dem Kreis auf dem Plan. „Aber Hamburg, das fand ich cool.“ Die Stadt zieht an, aber auch die Art und Weise, wie hier Theologie gelehrt wird. Nadia Castrilla-Janzen: „Die Themen sind unglaublich breit gefächert. Alle Dozenten haben nicht nur ihr Gebiet im Blick, sondern stellen die Dinge themenübergreifend dar. Man kann das alles gut zusammenbringen.“ Dasselbe wird auch von den künftigen Religionslehrern gefragt. Sie werden von ihren Schülern ähnliche Fragen hören, wie sie heute im Seminar diskutiert werden. 

Das Exotenfach macht andere neugierig

Prof. Dr. Christine Büchner, Leiterin des Instituts, zieht ein positives Resümee des ersten Jahres. Nicht nur die Studienbedingungen in kleinen Gruppen sind ideal, sondern auch die Kontakte zu anderen Fakultäten. Das „Exotenfach“, das die katholische Theologie in Hamburg ist, macht andere neugierig und ist offen für Nicht-Theologen. „Es kommen auch Studierende anderer Fachrichtungen und Kontaktstudierende, die es reizt, sich mit dem Thema Religion aus katholischer Perspektive wissenschaftlich auseinanderzusetzen“, sagt die Professorin. „Es ist zwar nicht einfach, den unterschiedlichen Vorkenntnissen und Erwartungen immer gerecht zu werden, doch gerade Menschen, die nicht „vom Fach“ sind, geben mit ihren Fragen Anlass zu fruchtbarem Austausch.“

Diesen Austausch will Prof. Büchner weiter fördern. Die Ringvorlesung mit auswärtigen Theologen, mit dem das neue Institut seine Tätigkeit vor einem Jahr eingeläutet hat, soll im Herbst fortgesetzt werden. „Wir haben  uns vorgenommen, Begriffe, die im allgemeinen Diskurs wie selbstverständlich benutzt, aber kaum einmal in ihrer Komplexität beleuchtet werden, verständlich zu erklären. Begriffe wie Person, Sünde, Gnade, Freiheit, Opfer, Welt, Offenbarung. Der vorläufige Titel lautet: „Auf den Punkt gebracht: Grundbegriffe der Theologie“.

Text u. Foto: Andreas Hüser

Bewerben für das Wintersemester

Im Wintersemester 2015/2016 nimmt das Institut für katholische Theologie an der Uni Hamburg wieder Erstsemester für den Studiengang „Lehramt für Primarstufe und Sekundarstufe I“ auf. Neu ist die Möglichkeit, katholische Theologie als Nebenfach eines Bachelor-Studiums zu belegen. Weitere Angebote für „Außenstehende“ sind Kontaktstudium, Ergänzungsstudium für Lehrer oder Juniorstudium. Informationen bei Prof. Dr. Christine Büchner, Tel. 040/428 38-9154 
E-Mail: christine.buechner@uni-hamburg.de
Internet: www.gwiss.uni-hamburg.de/kath-theologie.html