24.10.2013

Schulen, Kindergärten, Pensionen: Was das Erzbistum Hamburg mit seinen Rücklagen tut

Sparen, um auszugeben

Wieder einmal sind die kirchlichen Finanzen in den Schlagzeilen. Wie hoch ist das Vermögen eines Bistums? Was ist ein „Bischöflicher Stuhl“? Was sind „Rücklagen“? Finanzdirektor Michael Focke gibt Einblick in eine Rechnung, bei der Laien schnell durcheinander kommen können.

Viele Medien haben in diesen Tagen über das „Vermögen der Bischöfe“ berichtet. Laut Bildzeitung besitzt der Bischöfliche Stuhl Hamburg zehnmal so viel wie sein Pendant in Münster oder Essen. Wie aussagekräftig sind solche Aufstellungen?

Es ist kaum möglich, die Diözesen in diesem Punkt zu vergleichen. Alle 27 deutschen Bistümer haben unterschiedliche Vermögensstrukturen. Einige Bistümer bezahlen zum Beispiel die Pensionen der Priester aus dem „Bischöflichen Stuhl“, andere nicht. Einige besitzen Stiftungen oder Immobilien in dieser Körperschaft, andere nicht. Wenn man einfach die Zahlen nebeneinander stellt, ergeben sich falsche Bezüge. Das schafft mehr Verwirrung als Transparenz.

Die frei verfügbaren Rücklagen des Erzbischöflichen Stuhls Hamburg umfassen 35 Mio. Euro. Was ist das eigentlich, der „Erzbischöfliche Stuhl“?

Der Erzbischöfliche Stuhl ist neben den Körperschaften Erzbistum, Erzbischöfliches Amt Schwerin und dem Metropolitankapitel einer von vier Vermögensträgern im Bistum. Die eigentliche Finanzkraft liegt beim Erzbistum, da es die Kirchensteuerhoheit hat. Das Domkapitel verfügt über Rücklagen von 600 000 Euro, ein Teil davon – 200 000 Euro – ist eine Instandhaltungsrücklage für den Erhalt des Doms. Der Erzbischöfliche Stuhl umfasst verschiedene Vermögenswerte: Er ist zum Beispiel Träger zweier Kinderheime, des Hamburger Wohnstifts St. Vinzenz und des Hauses St. Michael in Kiel. Der größte Teil seines Vermögens, 21 Mio. Euro, besteht aus Beteiligungen an den katholischen Krankenhäusern in Hamburg und Lübeck. Diese Anteile bringen aber keine Rendite, es ist kein Geld, das wir ausgeben könnten.

Kann der Erzbischof über den Etat des Erzbischöflichen Stuhls verfügen?

Nein. Unser Herr Erzbischof hat die Verwaltung der Körperschaft in die Verantwortung seines Alter Ego, dem Generalvikar gegeben. Er selbst hat noch nicht einmal Unterschriftsvollmachten für die Konten des Stuhls. Der Erzbischof hat lediglich über den Wirtschaftsplan des Erzbistums einen Verfügungsfonds von 20 000 Euro im Jahr, die Weihbischöfe über je 10 000 Euro im Jahr.

Was wird damit bezahlt?

Die Bischöfe verwenden diese Mittel nur für pastorale oder caritative Zwecke, etwa indem sie Hilfsbedürftige unterstützen. Sie müssen über jede Ausgabe Rechenschaft ablegen, wie andere Einrichtungen des Bistums auch.

Wenn das Bistum ein Haus baut, woher kommt dann das Geld?

Zuerst wird ein Baubedarf angemeldet. Dann erstellen wir in der Verwaltung ein Finanzierungskonzept. Darüber entscheiden dann die zuständigen Gremien, wie zum Beispiel der Kirchensteuerrat. Bei größeren Bauvorhaben werden die Kosten über mehrere Jahre in den Wirtschaftsplan eingestellt. So verfahren wir zurzeit mit der Erneuerung der Katholischen Akademie – deren Eigentümerin der Erzbischöfliche Stuhl ist.

Wie verhindern sie, dass diese Kosten aus dem Ruder laufen?

Wir haben dafür ein so genanntes Bauherrenteam zusammengestellt. Das Team besteht aus Fachleuten: dazu gehören ein Architekt, ein Bausachverständiger für technische Gebäudeausstattung, der Justitiar des Bistums und ich als Finanzdirektor. Wir überprüfen nach Baufortschritt, dass der beschlossene Finanzrahmen eingehalten wird. Dadurch stellen wir sicher: Einen „Fall Elbphilharmonie“ wird es bei uns nicht geben.

Auch außer dem Vermögen des Erzbischöflichen Stuhls besitzt das Bistum Rücklagen. Wozu werden sie verwendet?

Die meisten dieser Rücklagen sind zweckgebunden. Ein großer Posten ist mit 80 Mio. Euro der Priesterpensionsfonds. Wir haben diesen Fonds in den vergangenen Jahren aufgebaut und werden 2014 erstmals von seinen Erträgen Pensionen bezahlen. Damit sind wir unabhängig von den schwankenden Kirchensteuereinnahmen. Weitere zweckgebundene Rücklagen sind für den Neubau und Erhalt von Schulen bestimmt, für den strukturellen Aufbau der Pastoralen Räume und für Kindertagesstätten. Aus den  Rücklagen für die Schulen etwa ist geplant, in den kommenden Jahren 60 Millionen Euro zu investieren. Und wenn man so will: Ist dieses Geld ausgegeben, sind wir um 60 Millionen ärmer.

Lassen sich die Werte an kirchlichen Gebäuden und Grundstücken beziffern?

Dazu müssten wir eine Bewertung über Sachwertgutachten vornehmen. Wir haben das bisher nicht getan. Ein solches Gutachten wäre sehr teuer und würde nichts bringen. Was nützt es mir zu wissen, was der Dom wert ist? Wenn wir ihn verkaufen würden, hätten wir keinen Dom mehr.

Gilt das für alle Immobilien des Bistums?
Das Bistum besitzt auch noch etwa 100 Wohnungen, fast ausschließlich Sozialwohnungen, die vor der Gründung des Erzbistums Hamburg gebaut wurden. Diese Immobilien sind zurzeit aber eher eine finanzielle Last. Die Mieten sind sozial gebunden und wir haben Mühe, aus den Erträgen die Instandhaltung zu finanzieren.

Beim Thema Kirchenfinanzen werden oft die Leistungen des Staates aufgezählt, etwa bei der Besoldung von Bischöfen…

Im Erzbistum Hamburg werden keine Bischofsgehälter vom Staat gezahlt. Die Gehälter bezahlt das Bistum nach der im Amtsblatt veröffentlichten Priesterbesoldungsordnung. Ebenfalls sind in der Dienstwohnungsordnung die Rahmenbedingungen für die Dienstwohnungen unserer Geistlichen, einschließlich unseres Herrn Erzbischofs, geregelt.

Wie steht es mit den Staatsleistungen, den so genannten Dotationen?

Das Bistum erhält von den Ländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Aufwandsentschädigungen von jährlich insgesamt 500 000 Euro. Das sind aber keine klassischen Staatsleistungen, sondern Entschädigungen für Leistungen der Kirche wie Polizeiseelsorge und Gefängnisseelsorge. Diese Leistungen wurden in den jeweiligen Staatsverträgen mit dem Heiligen Stuhl geregelt.

In den vergangenen Jahren gab es gute Steuereinnahmen. Wie werden sich die Finanzen des Erzbistums entwickeln?

Ich hoffe, dass wir noch ein paar gute Jahre haben werden. Aber irgendwann greift der „demografische Faktor“. Das heißt, die Zahl der Kirchensteuerzahler wird sinken. Sie sinkt ja auch heute schon. Nur 28 Prozent der Katholiken zahlen Kirchensteuern. Im Moment sind wir gut aufgestellt und haben etwas Spielraum für Investitionen. Aufgrund sinkender Einnahmen werden wir nicht darum herumkommen, zukünftig Prioritäten und Posterioritäten der kirchlichen Arbeit zu diskutieren und festzulegen.

Ausgaben und Einnahmen des Erzbistums finden sich im Geschäftsbericht (www.erzbistum-hamburg.de). Im November wird eine Aufstellung über Vermögen und Rücklagen des Bistums erscheinen und in der Neuen KirchenZeitung veröffentlicht.

Andreas Hüser

Foto: Andreas Hüser