13.09.2017

Das Infomobil zur „Kolping Roadshow Integration“ macht Station in Hamburg-Hamm

Schweigen hilft gar nichts

Wie reagiert man auf Stammtisch-Parolen? Das Infomobil zur „Kolping Roadshow Integration“ machte in Herz Jesu in Hamm Station und vermittelte nicht nur viel Wissenswertes über Flüchtlinge.

Menschen am Kicker im Infomobil der „Kolping Roadshow Integration“
Harald Krüger und Ursula Winkler (Foto oben v.l.) im Gespräch mit Carolin Lanksch im Infomobil.    Foto: Isabella Sauer

Auf dem Vorplatz der Herz Jesu Kirche in Hamm steht an diesem Tag ein ungewöhnliches Fahrzeug. Es ähnelt einem Campingwagen. Als die linke Fahrzeugseite aufgeklappt wird, kommen eine orange-farbene Sitzbank, ein großer Fernseher, unzählige Informationstafeln, Fotos und Plakate, ein Kickertisch sowie herumliegende Taschen und Rucksäcke zum Vorschein. Das ist die „Kolping Roadshow Integration“, initiiert vom Anfang 2016 gegründeten Kolping Netzwerk für Geflüchtete.

Für einen Tag hat die Gemeinde Herz Jesu dieses sogenannte Infomobil gebucht. Es ist ein niederschwelliges Angebot, das die Besucher für die Belange von Geflüchteten sensibilisieren will und dafür quer durch Deutschland fährt. Dass es erstmals in Hamburg stoppt, liegt auch an Schwester Maria-Elisabeth Küpper und am Engagement in Herz Jesu. „Unsere Gemeinde interessiert sich sehr für die Flüchtlingsarbeit“, sagt die Ordensfrau. Mit der Kolping-Aktion erhofften sie sich etwas Aufmerksamkeit. „Wir wollen eine Botschaft streuen.“ Denn auch noch zwei Jahre nach der großen Flüchtlingswelle in Deutschland sei das Thema Flüchtlinge und besonders deren Integration sehr wichtig.

Mit dem Mobil ist Theresa Achilles (28) aus Köln nach Hamburg gekommen. Mit ihrer Kollegin Carolin Lanksch (22) hat sie am frühen Morgen die Straßenshow aufgebaut. Für jede Altersgruppe gibt es konkrete Angebote wie Spiel- und Mitmachaktionen, Texttafeln über Geflüchtete und Hintergrundinfos über Flucht, Migration und Integration. Die Rucksäcke sollen die Situation von Geflüchteten anschaulicher machen. Darin enthalten: ein Pullover, eine Hose, ein Notizbuch. Dazu gibt es einen Handzettel, auf dem beispielhaft die Geschichte eines Geflüchteten aus dem Irak nachzulesen ist. 

Zehn Stunden steht das Infomobil vor der Herz Jesu-Kirche. Viele Menschen laufen vorbei, werfen einen schnellen Blick darauf, manchmal bleibt jemand stehen und kommt ins Gespräch mit den Betreuerinnen. Vielen koste das Überwindung, weiß Theresa Achilles. Deswegen spreche sie gerne die Leute selbst auf der Straße an.

Im Aktionsprogramm inbegriffen ist aber auch eine Kurzschulung zum Thema „Umgang mit Vorurteilen und Stammtischparolen.“ Am Abend sitzen dafür acht Teilnehmer im Gemeindehaus, sie alle sind gekommen, um einen besseren Umgang mit Vorbehalten zu erlernen. Referentin Theresa Achilles fordert jeden von ihnen auf, frei heraus einmal alle Vorurteile des eigenen Lebens zu benennen. Es fallen Sätze wie „Türkische junge Männer haben kein Benehmen“, „Lehrer sind Besserwisser“ und „Flüchtlinge wollen sich nicht integrieren“. Teilnehmerin Angelika Rucksfort erklärt die Funktion solcher Vorurteile: „Es entlastet das Gehirn, gibt uns ein Wir-Gefühl.“ Damit verbunden ist oft auch eine Schutzfunktion, ergänzt Theresa Achilles. 

Stammtisch-Situationen im Rollenspiel üben

Auch Beispiele für Stammtischparolen können die Teilnehmer benennen: „Wer obdachlos ist, ist selbst schuld“ oder „Flüchtlinge sind kriminell“. Dann wird es mit einem Rollenspiel konkret. Gudrun Lipka-Basar sucht sich die Parole „Ich fühle mich fremd im eigenen Land“ aus, wirft Argumente zur Bekräftigung der These in den Raum. Angelika Rucksfort versucht dagegen zu halten. Eine Situation, die aus dem wahren Leben stammen könnte.

Drei Rollenspiele machen deutlich, was bei Stammtischparolen hilfreich und weniger hilfreich ist. „In solchen Diskussionen ist es wichtig, Gegenbeispiele zu nennen“, sagt Theresa Achilles. Die Menschen müssten sich gefühlsmäßig angesprochen fühlen. Wichtig sei es auch, Gemeinsamkeiten herzustellen. Weniger hilfreich sei es hingegen, sich mit dem Gegenüber persönlich anzufeinden oder in eine belehrende Rolle zu schlüpfen.

Nach zwei Stunden ist das Fazit der Schüler dann eindeutig: Gegen Vorurteile und Stammtischparolen kann jeder vorgehen. Wichtig sei vor allem eins: zu reagieren. Und nicht zu schweigen.

Text u. Foto: Isabella Sauer