15.11.2017

Martinszug im Jugendgefängnis Neustrelitz

Sankt Martin hinter Gittern

„Wir machen einen Martinszug!“ Das war eine ungewöhnliche Idee, wenn der Zug durch ein Gefängnis laufen soll – komplett mit Pferd und einem Häftling als St. Martin. Aber es hat geklappt: in der Jugendanstalt Neustrelitz. 

Gesatteltes Pferd aus dem Zoo der Jugendanstalt in Neustrelitz
Ein Pferd, das im Gefängnis wohnt. Zum ersten Mal wurde es jetzt als Reittier des heiligen Martin eingesetzt.  Foto: Steffen Bischof

„Ein ungewöhnlicher Ort für unseren Gottesdienst hier im Knast und eine ungewöhnliche Zeit…“, so begann Franziskanerbruder Gabriel den Martinsgottesdienst im Jugendgefängnis Neustrelitz am vergangenen Sonnabend um 14 Uhr auf dem Gelände der Tierzucht. Sonst finden die Gottesdienste in der Kapelle der Jugendanstalt statt und am Sonntagvormittag. 

„Sollen wir nicht einen Martinsumzug machen, richtig mit Pferd und Mantelteilen?“, so hatte Ingo Brassen, der Bedienstete des kleinen Gefängniszoos vor Wochen den katholischen Gefängnisseelsorger gefragt. Die gute Zusammenarbeit beider Seiten hat sich seit längerem bewährt. Im vergangenen Jahr gab es eine Tiersegnung, zu Weihnachten steuerte die Abteilung zwei große Heuballen und einen Holz-Stall für die Krippe in der Kapelle bei. Der Erzbischof besuchte bei seiner Visitation das Gelände in der Jugendanstalt und bekam einen richtigen Hirtenstab in die Hand.

Die Idee ist gut, die Umsetzung ist dann eine andere Sache. Das Pferd war dabei noch das kleinste Problem. In der Jugendanstalt leben nicht nur Ziegen, Schweine und Schafe, sondern auch zwei Pferde: Max und Moritz. Aber alles, was außerhalb der Mauern leicht zu organisieren ist, war beim Martinszug im Knast nicht ganz so einfach. Es hieß, Genehmigungen einzuholen, Aufsichtspersonal zu besorgen, geeignete Gefangene zu suchen, die den Soldaten Martinus zu Pferd und den Bettler spielen; den evangelischen Kollegen mit ins Boot holen… 

Pferde finden sich im Gefängniszoo

Alles war schon gut organisiert. Kurz vor Beginn der Feier stellte sich aber heraus, dass ein Fußballturnier zur selben Zeit organisiert war. Die Zahl der Gefangenen reduzierte sich von 15 auf 8. Machte aber nichts. Und selbst der angekündigte Starkregen konnte den Zug nicht stoppen – zum Glück fiel der Regen nur sporadisch.

Punkt 14 Uhr war das Pferd gesattelt, der heilige Martin obendrauf, der Bettler im T-Shirt am Tor und die Gitarre gestimmt. Antonia, die Seelsorgepraktikantin, las die Geschichte vom heiligen Martin vor. Nachdem der Mantel geteilt, das Schwert (natürlich nur aus Holz) wieder eingesteckt und das Martinslied gesungen war, begann die Prozession über das Gefängnisgelände. Vor der Kapelle wurde Halt gemacht. Die kleine Gemeinde betete das Vaterunser, bekam den Segen, dann trennte sich der Zug. Die Pferde mussten zurück in den Stall (die beiden sind unzertrennlich). Ein paar kurze Worte rundeten den Martinsgottesdienst in der Kapelle ab. Am Ende gab es Kaffee und Kuchen wie üblich. „Aber ordentlich teilen!“ Denn das Beispiel des Soldaten, der seinen Mantel teilte, soll ja Schule machen: auch hinter den Gefängnismauern der Jugendanstalt.

Text: Br. Gabriel Zörnig