12.07.2017

Zivilgesellschaft und Kirchen zeigen Haltung beim G20-Gipfel

Prediger in der Wüste

„Gott sei Dank gab es keine Toten!“ Das war die bittere Bilanz nach dem Hamburger G 20-Gipfel.  Brennende Autos, geplünderte Läden – und ein Gipfeltreffen, das nicht viel gebracht hat. Dahinter ging der kirchliche Auftritt für eine gerechte und zukunftsfähige Weltpolitik fast unter.

Bürgeschaftspräsidentin Carola Veith, Bundes-Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz, Erzbischof Heße und Bischöfin Fehrs mit Plakat bei einer Protestkundgebung zum G20-Gipfel

 Im Zentrum der Demonstration „Hamburg zeigt Haltung“. Bürgeschaftspräsidentin Carola Veith, Bundes-Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz, Erzbischof Heße und Bischöfin Fehrs  Foto: Matthias Greve

Trotz ausgebrannter Autos in unmittelbarer Nachbarschaft ist bereits eine halbe Stunde vor dem ökumenischen Gottesdienst zum G 20 fast kein Sitzplatz mehr in der evangelischen Sankt Katharinenkirche frei. Nach und nach strömen immer mehr Menschen in das Gotteshaus, was festlich geschmückt ist: Riesige orange-farbende Luftballons mit der Aufschrift „global.gerecht.gestalten.“ sind in die Luft aufgestiegen und bunte Kunst-
objekte von Petra Fiebig gibt es in den Seitenschiffen zu begutachten. 

Für einen kurzen Moment, so scheint es, vergessen die Besucher, was sich in der Nacht im Hamburger Schanzenviertel abgespielt hat. Doch wer genauer hinhört und Gesprächen lauscht, der erfährt, dass sich gerade genau deswegen viele auf den Weg zum Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen gemacht haben. Denn sie wollen ein friedliches Zeichen setzen. Manche gegen den G 20-Gipfel, viele aber für mehr demokratische Werte. So auch Christina Sandkamp (69), die einen Wohnsitz in Hamburg und einen in der Türkei hat. Sie sagt: „Ich möchte Flagge zeigen und auch demonstrieren.“ Es ist die erste Großveranstaltung, die sie während des Gipfels besucht. „Bei einem kirchlichen Event gehe ich davon aus, dass alles friedlich abläuft“, sagt sie. Dann ertönt Orgelmusik, die Gemeinde singt „Sonne der Gerechtigkeit“ und die Ehrengäste ziehen von hinten in die Kirche ein. Mit dabei: Dr. Agnes Abuom von der Anglikanischen Kirche von Kenia, Bischöfin Kirsten Fehrs, Erzbischof Dr. Stefan Heße und Charles Jason Gordon, katholischer Bischof von Barbados.

Die Stimmung ist ausgelassen, es wird laut mitgesungen und aufmerksam gelauscht – auch wenn immer wieder ein Hubschrauber oder eine Polizeisirene zu hören ist. Ein langer Akt ist die Eingangsliturgie. Drei Klagen und drei Ermutigungen werden verlesen, mit Panzern bemalte Kisten und eine Friedenstaube aus Pappe hereingetragen. Es folgt die Lesung aus dem Buch Hesekiel: Auf Englisch, Kishuaheli, Spanisch, Indonesisch, Arabisch, Koreanisch, Polnisch, Niederländisch und Deutsch.

Bischof Gordon: Fortschritt muss allen Menschen nützen

Dr. Agnes Abuom und Bischof Gordon ergreifen das Wort. Abuom sagt: „Wir werden herausgefordert, wieder einmal unsere Einstellungen, unser Verhalten, unsere Art der Beziehung untereinander und vor allem zu Gott zu reformieren, zu verändern.“ Und Gordon spricht davon, dass wir Menschen zusammenarbeiten müssen und ein lebendiges Herz haben sollten, um uns Gott zuzuwenden. Gemeinsam müsse für den technologischen Fortschritt gearbeitet werden, der allen Menschen zu Gute kommt, besonders den Bedürftigen. Worte, die den Gottesdienst-Besuchern nahe gehen. Eine Dame vergießt sogar Tränen.

Nach etwas mehr als 60 Minuten ist der Ökumenische Gottesdienst vorbei und die Besucher strömen auf den Kirchenvorplatz. Tausende Menschen ziehen bereits an der St. Katharinenkirche entlang und demonstrieren mit dem bürgerlichen Bündnis „Hamburg zeigt Haltung“ für demokratische Werte. Auch die 33-jährige Henrike Fehrs möchte mitgehen und sagt: „Der Gottesdienst war großartig, ganz beflügelnd.“ Gemeinsam mit ihrer Freundin Sarah Ahrens wolle sie jetzt friedlich demonstrieren. Das will auch Ruth Mamerow, die ein Schild mit der Aufschrift „Gott sei Dank – miteinander reden statt hetzen“ in die Höhe hält. Sie sagt: „Wir Christen müssen zeigen, dass wir auch mit dabei sind.“ Alle sollten den Frieden in die Welt hinaustragen. 

Das sieht auch Hamburgerin Angela Holtz so, die sich eine Flagge um den Körper gewickelt hat: „Eine andere Welt ist möglich und deswegen müssen wir Präsenz zeigen“, sagt sie und schließt sich dem vorbeigehenden Straßenzug an.

Text: Isabella Sauer