29.09.2015

Ausstellung: Sexualmoral und Rollenbilder im Wandel

Prüde oder provokant?

„Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ ist der Titel einer Ausstellung, die derzeit in Bonn gezeigt wird. Eine Mutter und ihre Tochter nahmen einen Besuch dort zum Anlass, sich über Rollenbilder und die Beziehung zwischen den Geschlechtern miteinander auszutauschen.

Vergleich: Theresia Hochstrate und ihre Tochter fanden in der Ausstellung viel zum Kommentieren. Foto: Almud Schricke

Mutter und Tochter können sich das Schmunzeln nicht verkneifen: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Was soll ich kochen?“, steht auf einem Werbeplakat von Dr. Oetker aus den 1950er Jahren. In einer Vitrine sieht man die dazugehörigen Attribute: Schürze, Kochlöffel und Nudelholz. „So kriegt man einen Mann“, titelt die „Brigitte“ und erteilt ihren Leserinnen dazu gleich 120 praktische Ratschläge. Dagegen propagiert die DDR das Ideal der fleißigen Arbeiterfrau – interessante Einsichten in das Frauenbild der Nachkriegszeit.

„In dieser Zeit bin ich groß geworden“, sagt Theresia Hochstrate. Die pensionierte Grundschullehrerin, Jahrgang 1949, besucht mit ihrer Tochter Miriam Bellingrodt, Jahrgang 1977, die Ausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ im Bonner Haus der Geschichte. Die Schau thematisiert den Wandel der Sexualmoral, aber auch der Rollenbilder und Geschlechterbeziehungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Rund 900 Objekte zeigen den Weg von den prüden 1950er Jahren über die sexuelle Revolution der 1960er Jahre bis hin zu aktuellen Diskussionen über Inhalte des Sexualkundeunterrichts in Grundschulen.

 

Als ein Hosenanzug noch als „unhygienisch“ galt

Theresia Hochstrate ist im Sauerland aufgewachsen. „Ich stamme aus einer recht handfesten Familie. Meine Mutter musste ihren Mann stehen“, sagt sie und fügt sofort hinzu: „Schon dieser Ausdruck ist bezeichnend.“ An die Proteste der Frauenbewegung in den 1960er Jahren erinnert sie sich noch gut. „Im Haushalt sind wir Asse, draußen Bürger zweiter Klasse“, steht auf einem Plakat. In einer Vitrine ist das Symbol der Frauenbewegung, eine lila Latzhose, zu sehen. Daneben der kämpferische Ausspruch: „Wir sind Frauen. Wir sind viele. Wir haben die Hose voll.“

Apropos Hose: Die Abgeordnete Lenelotte von Bothmer erregt im Jahr 1970 großes Aufsehen, als sie – was bisher noch keine Frau gewagt hatte – in einem modischen Hosenanzug im Deutschen Bundestag erscheint. Eine „extreme Bekleidung“, die zudem „unhygienisch“ sei, so urteilen Bürger in einer Straßenumfrage. Tochter Miriam kann über solche Aussagen nur den Kopf schütteln, ihre Mutter hat diese Diskussion am eigenen Leib erlebt. „Ich ging damals auf ein Mädchengymnasium. Wir durften auch keine Hosen tragen. Wenn es im Winter richtig kalt war, haben wir Trainingshosen angezogen, aber darüber einen Rock getragen.“

Zu den sanften Klängen von „Je t’aime ... moi non plus“ schlendern die beiden weiter. Ein Kondomautomat aus der DDR, Filmplakate von Oswalt Kolle, ein Stadtplan für Männer aus Frankfurt, in dem neben den Bordellen auch die Straßenstriche mit „frischer Ware“ markiert sind, Aufklärungsbücher für Grundschüler: Was in den 1950er Jahren nur verschämt hinter vorgehaltener Hand thematisiert wird, bahnt sich nach und nach den Weg in die Öffentlichkeit. Sexualität wird Thema in Zeitschriften und Filmen, in Büchern, Talkshows und auch in der Politik. 

„Damals wurde zu Hause über Sexualität überhaupt nicht gesprochen“, erinnert sich Theresia Hochstrate. „Wenn ich im Alter von acht, neun Jahren mit meiner Mutter zum Kaffeeklatsch in der Nachbarschaft ging, wurde ich aus dem Zimmer geschickt, wenn erzählt wurde, dass eine Nachbarin schwanger ist.“ „Und heutzutage erzählt man stolz überall herum, wenn man ein Baby erwartet“, wirft Miriam lachend ein.

Auch ein anderes „Problem“ hat Theresia Hochstrate noch in Erinnerung: Als junge Referendarin wohnte sie bei ihrer Mutter im Sauerland. Dann lernte sie ihren späteren Mann kennen, der an den Wochenenden zu Besuch kam und in der Wohnung – selbstverständlich in einem anderen Zimmer – übernachtete. „Meine Mutter hatte Sorge, dass die Nachbarn sie wegen Kuppelei anzeigen“, erzählt Theresia Hochstrate. 

 

Als Pater Leppich gegen den Verfall der Sitten predigte

Wurde 1951 zum Skandalfilm: "Die Sünderin"
mit Hildegard Knef. Foto: hdg/Axel Thünken

„Es war bigott“, sagt sie rückblickend. „Selbst wenn die Menschen nicht so waren – sie wurden durch die Gesetzgebung und die Moralvorstellungen der damaligen Zeit dazu gezwungen.“ Dies haben Miriam Bellingrodt und ihre beiden Schwestern ganz anders erlebt: „Obwohl unsere Eltern auch recht streng und konservativ waren, war es kein Thema, wenn unsere festen Freunde – ab einem gewissen Alter – bei uns übernachtet haben.“

Moralische Instanz und Richtschnur für das sittliche Leben in dieser Zeit ist für viele Menschen die Kirche. Pater Johannes Leppich, das „Maschinengewehr Gottes“, predigt auf der Hamburger Reeperbahn gegen den Verfall der Sitten und der Gesellschaft. „Dürfen Katholikinnen die Pille nehmen?“ Diese Frage beschäftigt den Kölner Kardinal Josef Frings, der sich 1967 mit einem Schreiben an Papst Paul VI. wendet. Ein Jahr später erscheint die Enzyklika „Humanae Vitae“, die jede künstliche Geburtenregelung ablehnt. Die Pille wurde damals nur für verheirateten Frauen verschrieben, die mindestens zwei Kinder hatten. 

„Durch die katholische Kirche wurde ein sehr starker Druck ausgeübt“, erinnert sich Theresia Hochstrate. Interessant findet sie eine Umfrage aus den 1950er Jahren, die offenbart, dass schon damals moralischer Anspruch und gelebte Wirklichkeit weit auseinanderliegen: 1953 halten zwar 89 Prozent der Befragten die Ehe für notwendig, 71 Prozent aber billigen sexuelle Beziehungen zwischen unverheirateten Personen. Deutliches Zeichen einer „verlogenen Prüderie“, findet Hochstrate. 

Die Ausstellung zeigt auch, wie in Deutschland bis in die heutige Zeit um Sexualität und moralische Normen öffentlich gerungen wird. Viele Meilensteine dieser Debatten entdecken Mutter und Tochter wieder: das Bekenntnis „Wir haben abgetrieben!“ von Frauen auf dem „Stern“-Titelbild von 1971, das die Diskussion um den Abtreibungsparagrafen 218 anheizt, ebenso wie der Memminger Prozess gegen einen Frauenarzt wegen des Verdachts von illegalen Schwangerschaftsabbrüchen. In den 1970er Jahren laufen die Kinder noch größtenteils nackt durch die Kinderläden und machen Doktorspiele – die aktuelle Debatte um Kindesmissbrauch und Pädophilie verleiht diesem Thema nachträglich eine gewisse Brisanz.

 

Als Eltern mit Bienchen und Blümchen aufklärten

Miriam Bellingrodt ist die ständige Präsenz von Sexualität im Alltag fast schon zu viel. „Sexualität mit all ihren Spielarten sollte etwas Intimes, Geheimnisvolles bleiben“, findet die 37-Jährige. „Dadurch, dass man alles bekommt und alles sehen kann, geht so viel verloren.“ Auch der Rückfall in alte Rollenklischees und der übertriebene Körperkult geben ihr zu denken: „Schon die Mädchen in der Grundschule finden sich zu dick und machen Diät.“ Hübsch und schlank wollen sie sein, wie in der Werbung, wo so viele perfekte Körper gezeigt werden. 

Als Grundschullehrerin unterrichtet sie die vierten Klassen in Sexualkunde. Als ihr Sohn Paul im Alter von vier Jahren wissen wollte, wie die Babys in den Bauch der Mutter hinein- und herauskommen, hat sie es ihm erklärt. „Er hat ganz interessiert nachgefragt und hätte mich ausgelacht, wenn ich ihm von Bienchen und Blümchen erzählt hätte“, sagt die 37-Jährige und zeigt auf ein entsprechendes Modell in der Ausstellung. „Wenn man sich unaufgeregt verhält, ist das auch für die Kinder ganz natürlich.“

Ebenso wie das Thema Sexualität. „Ich finde die Entwicklung sehr positiv, dass man Sexualität als wichtigen zum Leben gehörenden Teilaspekt ansieht und dass sie einen normalen Platz im Leben eines Menschen hat“, findet Theresia Hochstrate. „Eine gesunde Sexualität ist wichtig für die gesunde Psyche eines Menschen.“ Dazu gehöre auch, dass die persönliche Intimssphäre jedes Einzelnen respektiert werde. „Jedem muss zugestanden werden, dass er so ist und so sein darf, wie er ist, ohne jemanden seelisch und körperlich zu verletzen.“

Von Almud Schricke