19.03.2015

Olympia in Rio de Janeiro

Olympische Latrine

"Die Bucht ist eine Latrine", sagt der Biologe Mario Moscatelli - und in gut 500 Tagen starten nebenan die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro. Doch so richtig ist die brasilianische Regierung in Sachen Umweltschutz noch nicht Fahrt gekommen.

"Die Bucht ist eine Latrine" - und die brasilianische Regierung scheint das Müllproblem in den Gewässern rund um Rio de Janeiro nicht in den Griff zu bekommen. Foto: kna-bild

Müll soweit man sehen kann. "Von 2010 bis 2012 haben wir das Gebiet gesäubert, den Kanal ausgebaggert, Fangnetze installiert. Dann stellte die Regierung die Finanzierung ein - und jetzt ist wieder alles voll Müll. Die Bucht ist eine Latrine." Der Biologe Mario Moscatelli, Spezialist für die Wiederbelebung zerstörter Naturräume, schaut auf den Fundao-Kanal, einen Zulauf der Guanabara-Bucht. Vier Kilometer weiter werden im kommenden Jahr die olympischen Segler um Medaillen kämpfen. Sein Rat an die Sportler: "Lasst Euch gegen Hepatitis A impfen." 

Am Dienstag sind es noch 500 Tage bis zum Start der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro. Man liege im Zeitplan, beteuern die Organisatoren vor Ort. Alles Okay, meinten auch die IOC-Funktionäre bei ihrer letzten Kontrollvisite. "Das ist kein Wasser, sondern eine Jauchegrube", sagt hingegen Biologe Moscatelli. 2009 habe Rio den Zuschlag für Olympia 2016 auch deshalb bekommen, weil man versprach, die Guanabara-Bucht von Müll und Abwässern zu reinigen.

Vor wenigen Tagen bestätigten die Behörden nun, was ohnehin offensichtlich war: Das Ziel, die Gewässer der Bucht wie geplant zu 80 Prozent zu reinigen, sei nicht zu erreichen. Die Wartung der Müllauffangnetze werde eingestellt; die Boote, die mit Fischernetzen den Müll aus dem Wasser fischen, fahren künftig nicht mehr. Die Behörden kapitulieren. Scheinbar. "Sie hatten niemals vor, etwas zu unternehmen", glaubt Moscatelli. Alles nur Fassade, um Gelder einzustreichen.
 

Rios neueste Kläranlage läuft nur auf Sparflamme

Auf der anderen Seite des Fundao-Kanals ragt ein riesiger Betonbau in den Himmel, Rios neueste Kläranlage, der Stolz der städtischen Wasserwerke. Medien meldeten zuletzt, dass sie nur auf 20 Prozent ihrer Kapazität laufe, da die Abwässer nicht herangeführt werden könnten. Denn über eine Kanalisation verfügen viele Stadtteile überhaupt nicht. Moscatelli glaubt, dass das vermeintliche Planungschaos Teil des Systems ist. "In den letzten 20 Jahren wurden 1,8 Milliarden US-Dollar für die Reinigung der Bucht ausgegeben. Sag mir, wo das Geld ist?" 

Eine halbstündige Fahrt über eine Stadtautobahn - und schon steht Moscatelli am Ufer des Rio Arroio Fundo, einem zehn Meter breiten Graben voll stinkendem Wasser und allerlei Hausrat, Kloschüsseln, Fernseher, Plastikflaschen, Kleiderschränken, Sofas. "Der Arroio ist tot, wie alle anderen Flüsse der Baixada Jacarepagua und der Guanabara-Bucht."
 

Hochhäuser, Shopping-Malls - doch keine Kanalisation

Mario Moscatelli an einem der verschmutzten
Seen Rios.Foto: kna-bild

Die Gegend gehört zur Barra da Tijuca, Rios westlichem Vorort, in dem inmitten einer Lagunenlandschaft der Olympiapark sowie das Athletendorf entstehen. Die Region, quasi das Miami Brasiliens, boomt. Hochhäuser und Shopping-Center schießen aus dem Boden. Doch noch fehlt die Kanalisation. Genau wie auch in den umliegenden Armenvierteln, etwa dem Stadtteil Cidade de Deus, deren Bewohner den Fluss als Müllhalde benutzen, obwohl die Stadtverwaltung am Ufer Müllsammelplätze eingerichtet hat. "Die Bevölkerung handelt unverantwortlich, sie sind Selbstmörder." Moscatelli ist aufgebracht. "In Rio läuft alles noch wie im 16. Jahrhundert. Und es nützt nichts, wenn die Stadtverwaltung dann mal aktiv wird - und die Bevölkerung sich verhält wie die Schweine." 

Inmitten des Arroio Fundo stehe die "effizienteste Fluss-Kläranlage der Region", so Moscatelli. Auf der einen Seite strömt Abwasser ein, auf der anderen klares Wasser raus. Diese Anlagen seien ideal für Rios Probleme, vier davon hatte die Regierung bis Olympia geplant. Doch nur diese eine funktioniere. Zwar werden keine Wettbewerbe auf den Lagunen durchgeführt, "aber die Sportler sehen und riechen, was hier los ist. Das ist Umwelt im Endstadium."

Ein paar Kilometer weiter scheint die Welt noch in Ordnung. Die "Lagoa da Tijuca" stinkt nicht, kein Müll treibt auf ihrer Oberfläche. Das war nicht immer so. Vor acht Jahren übernahm Moscatelli die Aufgabe, die Lagune zu säubern, pflanzte Mangroven ans Ufer, baute Auffangnetze. Heute leben hier wieder Fische. Möglich war das Wunder nur, weil die Bewohner einer anliegenden Luxus-Wohnanlage die Revitalisierung finanzierten. Der öffentlichen Hand traut der Biologe derartige Wunder nicht zu. "Diese Unverantwortlichen werden das Chaos, in dem wir leben, einfach weiter verwalten."

kna