09.11.2016

Hannes, der Friese aus Lehsen, führt zum achten Mal einen Martinszug an

Nur die Ruhe!

Alle Kinder mögen das Martinsfest. Mit Laternen im Dunkeln laufen, Lieder singen, Hörnchen essen. Aber wer denkt an das Pferd? Für das Tier ist der Martinszug alles andere als Zuckerschlecken: Besuch bei einem Martinspferd. 

Hannes mit Niklas Menne, der bis vor einem Jahr in
Wittenburg den St. Martin gespielt hat. Foto: Hüser

 

Wenn die Kinder mit ihren Laternen und Martinsliedern durch Wittenburg ziehen, ist Hannes immer dabei. Ohne Hannes wäre der Martinszug nur halb so schön. Er hat schon Generationen von Kindern begeistert. In diesem Jahr geht er zum achten Mal voran. Alle Kinder der Stadt, ob Christen oder nicht, werden hinter ihm hertraben. Hannes ist nicht der heilige Martin. Hannes ist das Pferd. Und was für eines: ein Friese, groß wie ein Schrank, stark wie ein Stier, und nicht aus der Ruhe zu bringen. 

Das ist auch wichtig. Denn nicht jedes Pferd kann ein Martinspferd sein. Viele Gemeinden tun sich schwer damit, geeignete Pferde zu finden. Reiterhöfe findet man zwar an jeder Landstraße. Schätzungsweise 100 000 Pferde werden allein in Schleswig-Holstein gehalten. Aber ein Martinszug ist kein gemütlicher Trab auf der Koppel oder in der Reithalle. „So ein Martinszug verlangt vom Pferd schon einiges“, sagt Michael Menne. „Es muss von Hause her schon eine große Ausgeglichenheit mitbringen.“ 

Beim Martinszug ist es dunkel, überall wuseln singende Kinder mit brennenden Laternen, dazu die grellen Lichter der reflektierenden Jacken und ein Polizeiauto mit Blaulicht. Hannes juckt das alles nicht. Immerhin ist er eine Führungskraft im Friesenhof Menne. Dort zieht er Kutschen, wird für Vier- oder Sechsspänner eingesetzt. „Wenn wir ein Pferd zum ersten Mal anspannen, dann nur zusammen mit ihm“, sagt Michael Menne. Das heißt: Hannes geht als Erster links, dort wo die Autos den Pferden entgegen fahren.

Ein echtes katholisches Siedlerpferd

Seine Vorfahren sind Friesen, persönlich ist Hannes ein echter Mecklenburger. Michael Mennes Großeltern (Johannes und Katharina Falke, Anton und Maria Menne), gehörten zu katholischen Siedlerfamilien, die 1932 aus dem Osnabrücker Land und aus Westfalen in die Gegend von Wittenburg kamen. Noch im gleichen Jahr bauten die Siedler am Stadtrand die katholische Kirche, die heute der Start- oder Zielpunkt des Martinszuges ist. 

Ihre kleinen Betriebe mussten die Bauern nach der DDR-Land-reform zwangsweise aufgeben. Vom Bauernhof der Falken in Lehsen ist der „Friesenhof Menne“ übrig geblieben: mit einer Pension für zwei- und vierbeinige Gäste, mit acht Kaltblütern und mehreren Oldtimer-Kutschen. Hannes und seine Kollegen lassen sich in ganz Norddeutschland für Hochzeitsfahrten, Festumzüge oder Kremserfahrten einspannen. 

„Für mich und meine Eltern ist das vor allem ein Hobby“, sagt Michael Menne. Er vertritt die dritte Generation der Familie in Mecklenburg. Die vierte Generation sitzt seit Jahren am Martinstag zu Pferd. „Besonders schwer ist das nicht“, sagt Niklas Menne (15). „Ich muss ja nichts spielen, einfach nur voranreiten.“ Dazu wirft er sich ein altes Messgewand über die Schultern, eine „Kasel“, die schon der erste Wittenburger Pfarrer getragen hat. Dazu eine Bischofsmütze – Anders als in der Legende trifft der Wittenburger Martin den Bettler nicht als römischer Soldat, sondern als Bischof. Aber auch das passt: Nach seinem Ausscheiden aus der römischen Legion wurde Martinus Bischof in Tours – und blieb ein Wohltäter der Armen. 

In diesem Jahr wird Niklas Menne sein Amt an seinen jüngeren Bruder Mattes abgeben, so wie er es einst von seiner Cousine Katharina Krause übernommen hat. Mattes Menne ist zehn, im Frühjahr zur Erstkommunion gegangen und damit alt genug für die Rolle des Bischofs Martin. 

Kanonenschüsse und Stelzenläufer

Hannes wird den Wachwechsel auf seinem Rücken mit kaltblütiger Gelassenheit hinnehmen. Sein achter Martinszug ist eine Routinesache. Passiert ist noch nie etwas. Selbst die Polizei wundert sich über die Ruhe des Pferdes. „St. Martin ist auch nicht das Schwerste, was er macht“, sagt Michael Menne. Schützenfest und Karneval sind für ein Pferd ganz andere Nervenproben. „Dann sind wir mit Kutsche auf dem engen Rathausplatz“, erzählt Michael Menne. „Alles ist voller Menschen, es gibt für das Pferd keinen Fluchtweg. Die Musik ist laut. Beim Schützenfest knallen Kanonenschüsse, zu Karneval laufen Menschen auf Stelzen. Für ein Pferd, das jede Einzelheit wahrnimmt, ist das der Wahnsinn.“ 

Text u. Foto: Andreas Hüser

Kontakt: www.pension-menne.net