26.04.2017

Eine Pilgerreise hat junge Erwachsene aus dem Erzbistum Hamburg zum Grab des heiligen Jakobus geführt

Niemand ist ganz allein unterwegs

Studenten, Freiwilligendienstleistende und Berufstätige – eine Pilgerreise hat junge Erwachsene zum Grab des heiligen Jakobus geführt. In Porto sind sie aufgebrochen. In elf Tagen haben sie 250 Kilometer auf dem Portugiesischen Jakobsweg durch den Norden Portugals und durch Galizien zurückgelegt. 

Jugendliche Reisegruppe am Ziel der Pilgerwanderung in Santiago de Compostella.
Die Gruppe am Ziel der Pilgerwanderung in Santiago de Compostella.   Foto: Jochen Proske

Die warme Frühlingssonne ergießt sich über den Platz vor der Kathedrale in Santiago de Compostela, die Musik eines Dudelsackspielers weht herüber, ein Minizug mit Touristen rattert an der Kirche vorbei. Wenige Menschen verlieren sich auf dem riesigen Platz an diesem Freitagnachmittag, nur in der Mitte liegt eine Gruppe von jungen Menschen auf dem Steinpflaster, die Köpfe auf bunte Rucksäcke gebettet, ein glückliches und erschöpftes Lächeln auf den Lippen. Wanderschuhe und Socken liegen herum. 

Elf Tage vorher hat sich die Gruppe junger Erwachsener aus dem Erzbistum Hamburg in Porto auf den Weg gemacht: voller Erwartungen und Hoffnungen, voller Spannung und auch voller Ängste. Lisa (23), erinnert sich daran: „Als wir am ersten Tag um halb acht starteten, hatte ich viele Fragen. Wie werde ich den heutigen Weg von mehr als zwanzig Kilometern überhaupt schaffen? Wer wird mit mir unterwegs sein? Finde ich den Weg überhaupt?“

Die Ungewissheit aber war schon am ersten Tag wie verflogen: „Nach dem Morgenimpuls vor der Kathedrale von Porto ging ich einfach los und alles wurde gut. Im Morgenimpuls hatte Manuela aus dem Buch Momo vorgelesen. Der Straßenkehrer Beppo sieht beim Kehren immer nur die nächste Gehwegplatte und nicht die ganze lange, beinahe unendliche Straße. Zwischenziele setzen – das war die Aufgabe für mich und meine Gruppe an diesem Tag. Für mich persönlich war ein Zwischenziel, über ein Thema, das mich schon lange bewegt, ausführlich nachzudenken. Und auch in der Gruppe setzten wir uns immer wieder Zwischenziele: der nächste Strandabschnitt und dann eine Pause.“ 

Die ersten eineinhalb Tage gehen die Pilger am Atlantik entlang Richtung Norden, dann zeigen die gelben Pfeile, die den Weg für die Pilger markieren, ins Landesinnere. Andrea (25) wählt einen anderen Weg. „Der ausgeschilderte Camino führte kurz vor Vila do Conde vom Strand weg, doch ich entschied mich, bis zur Mündung des Flusses weiter dem Strand zu folgen und meinen ganz persönlichen Weg zu gehen.“

Den eigenen Weg gehen, auch das ist möglich

„Ich hörte das Rauschen des Meeres und das Brechen der Wellen und freute mich, dass ich Zeit hatte – Zeit für mich. Ich habe mich getraut, den vorgegebenen Weg zu verlassen und bin meinen eigenen Interessen gefolgt. Streckenweise war es sehr mühsam, durch den Sand zu laufen. Aber irgendwann entdeckte ich – zu meinem Erstaunen – die schon bekannten Holzstege am Strand. Dabei dachte ich daran, dass es im Alltag genau das ist, was man zu selten macht: die vorgegebenen Wege verlassen.“ 

Kleine Dörfer, Feldwege, mitunter auch ein Stück an der Hauptstraße – mit jedem Schritt nähern sich die jungen Pilger Santiago de Compostela. Und mit den Schritten und den Tagen kommen die Müdigkeit und die Schmerzen. „Viele Kilometer liegen hinter uns und die Schmerzen beim Gehen werden stärker“, sagt Susanne (31) am Abend nach der siebten Etappe im galizischen Redondela. „Trotzdem laufe ich weiter und nehme zu meiner Überraschung – dank der ungewollten Entschleunigung mit vielen Pausen und einem langsameren Tempo – viel mehr von dem wahr, was um mich herum ist. Und ich frage mich, ob das im Leben nicht genauso ist: trotz Schmerzen und Schicksalsschlägen einfach weiterlaufen und die Augen für das Schöne, das Gute und das Positive offen haben.“ 

Zeit für sich, für andere, für Gott

Zeit zu zweit, Zeit in der Gruppe, Zeit mit einem der wenigen anderen Pilger, die so zeitig im Jahr schon unterwegs sind. „Was mich bewegt und berührt ist die Fürsorge untereinander, egal ob jemand ein Pflaster oder irgendetwas anderes braucht. Einfach das Gefühl zu haben, dass immer jemand da ist, der mich nicht alleine lässt. In dem Moment merke ich, dass Gott mit mir unterwegs ist und mir im anderen begegnet,“ beschreibt Miriam (30) das besondere Gefühl, auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein. Und Klemens (31) erinnert sich: „Irgendwann merkte ich, dass mir der Antrieb fehlte und ich gedankenverloren einen Schritt nach dem nächsten machte, den Blick auf den Weg vor mir gerichtet, da es mal wieder steiler bergauf über Felsen und Steine ging. Plötzlich bemerkte ich tiefe Spuren in den Felsen und Steinen, hervorgerufen durch die zahlreichen Fuhrwerke und Karren der Pilger, die vor mir die Mühsal auf sich genommen hatten, diesen Weg zu gehen. Da ergriff mich eine ungeahnte Kraft, als würden sie alle meinen Rucksack etwas anheben und mir den Rücken stärken und mich begleiten und mir wurde bewusst, dass man niemals alleine unterwegs ist, da jeder, an den man denkt, und all die vorausgegangen Pilger einen begleiten, genauso wie Gott.“

Und dann ist der letzte Tag des Pilgerweges gekommen, von Padron aus geht es die letzten 25 Kilometer nach Santiago de Compostela. Sofia (25) beschreibt diesen Augenblick: „Und dann konnte ich zum ersten Mal die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela in der Ferne sehen. Etwa sieben Kilometer waren es noch bis zur Kathedrale, aber nach mehr als 240 Kilometern erschien mir das fast wie ein Katzensprung. Ich war schon etwas erleichtert und habe mich gefreut, das Ziel unserer Pilgerreise nun endlich in greifbarer Nähe vor mir zu sehen.“

In der Mitte des Platzes vor der Kathedrale liegen junge Menschen am Ende dieses Jakobsweges, glücklich und erschöpft. Sie haben den Camino genutzt, für sich, für andere, für Gott. 

Text u. Foto: Jochen Proske