09.11.2015

Brauchtum rund um den Heiligen Martin

Lieder - Lichter - Lecker

"Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir": Landauf, landab ziehen in diesen Tagen kleinere und größere Menschen mit bunten Laternen hinter einem als römischem Soldaten verkleideten Reiter und seinem Pferd her. Die Umzüge erinnern an eine der wohl populärsten Figuren der katholischen Kirche: den heiligen Martin. 

Das Licht spielt zum Martinstag eine wichtige Rolle: Viele Laternenumzüge sind am 11. November. Foto: kna-bild

Geboren wurde Martin 316/317 im heute ungarischen Szombathely. Als Jugendlicher trat der Sohn eines Offiziers der römischen Armee bei. Er wurde Christ und errichtete im heutigen Frankreich eines der ersten Klöster des Abendlandes. Später wählte ihn das Volk zum Bischof von Tours.

Schon zu Lebzeiten wurden Martin, der am 11. November 397 starb, viele Wunder bis hin zur Wiedererweckung von Toten nachgesagt. Eine Szene, die am Stadttor von Amiens stattgefunden haben soll, ist bis heute besonders präsent: Martin sah am Straßenrand einen frierenden Armen, teilte mit einem Schwert seinen Mantel und schenkte dem Mann die Hälfte.

"Dort oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir": Licht spielt bei vielen Festen in der dunklen Jahreszeit eine wichtige Rolle. Oft enden Martinszüge an einem großen Feuer, wo nicht selten auch die Begegnung mit dem Bettler nachgespielt wird. 

 

11. November: Früher Zinstermin und Gesindewechsel

Dass sich gerade um den Martinstag so viele Bräuche und Rituale ranken, hat laut Angaben von Katrin Bauer allerdings auch ganz weltliche Gründe. "Der 11. November war früher ein Zinstermin, an dem beispielsweise auch der Gesindewechsel stattgefunden hat", sagt die Volkskundlerin vom Institut für Landeskunde des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Knechte und Mägde wurden dann von den Höfen verabschiedet - gern mit einer Extraration Lebensmitteln, beispielsweise in Gestalt einer Gans. 

Gans? Genau, da war doch was! Das Tier spielt nämlich auch in einer der zahlreichen Martinslegenden eine Rolle. Weil dieser nicht zum Bischof gewählt werden wollte, versteckte er sich angeblich in einem Gänsestall. Dort führte das Federvieh durch sein Geschnatter die Suchenden auf die richtige Spur. "Sie haben Sankt Martin verraten, drum müssen sie jetzt braten", heißt es mit schwarzem Humor über den weißen Vogel.

Im Rheinland und vor allem in der Gegend um Speyer greift die verbreitete Tradition des Martinssingens die Idee des Teilens auf, die sich in der Erzählung von Martins Mantelhälfte manifestiert. Dabei gehen Kinder singend von Haus zu Haus, um im Gegenzug Süßigkeiten zu erhalten. Solche "Heischebräuche" sind seit dem Spätmittelalter belegt und kommen auch im Zusammenhang mit anderen kirchlichen Festen wie Weihnachten und Ostern vor, sagt Expertin Bauer.

 

Beginn der vorweihnachtlichen Fastenzeit

"Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus": Daheim in der guten Stube wartete traditionell Fettgebackenes und Kalorienhaltiges. Denn: "Am 11. November begann die vorweihnachtliche Fastenzeit", weiß Volkskundlerin Bauer. Da plünderten die Vorfahren ihre verderblichen Vorräte, die sie in den kommenden Wochen nicht mehr anrühren durften. Und ersannen allerlei Leckereien wie Martinsküchlein mit Rosinen, "Gebildebrote" wie den Weckmann oder deftige Spezialitäten namens "Döppekooche", "Kesselsknall", "Knüles" oder "Dibbelabbes". 

Die Topfkuchen wurden früher meist in ärmeren Gegenden wie dem Hunsrück, der Eifel, dem Westerwald oder der Pfalz als Gans-Ersatz gereicht. Heute gelten sie dem Liebhaber deftiger Hausmannskost als Delikatesse. Die Waage sollte nach derartig kalorienreichen Genüssen allerdings besser nicht angesteuert werden. Wen das schlechte Gewissen plagt, schlage lieber einen weiten Bogen darum, frei nach der Devise: Denn wir müssen weitergeh'n. "Rabimmel, rabammel, rabumm!"

kna