14.09.2016

Interreligiöses Friedenstreffen in Assisi

Leise, aber starke Botschaften

Erneut treffen sich führende Köpfe der Weltreligionen in Assisi, um über Frieden zu sprechen und darum zu beten. Papst Franziskus ist erstmals dabei, vier Mal hatten seine Vorgänger dazu eingeladen. „Sicher gut“, denkt die Welt. Aber was bringt‘s?

Johannes Paul II. und Sant'Egidio begannen 1986 die Friedensgespräche. Foto: kna-bild

Friedensnachrichten prägen derzeit kaum die Schlagzeilen. Die Schlachtfelder dieser Welt sind bekannt. Zuletzt hieß es, US-Präsident Obama – immerhin Friedensnobelpreisträger – erkläre wohl doch nicht den grundsätzlichen Verzicht seines Landes auf atomare Erstschläge. Wichtige Berater hätten ihm davon abgeraten. Und ob der jüngste Waffenstillstand in Syrien hält?

Trotz aller Skepsis: Der Hamburger Theologe und Friedensforscher Professor Heinz-Gerhard Justenhoven ist „ein echter Fan“ jener Treffen, die Johannes Paul II.
und die Gemeinschaft Sant’ Egidio 1986 ins Leben gerufen haben. Zehn Jahre bevor der US-Philosoph Samuel Huntington vom „Kampf der Kulturen“ sprach, hatte der Papst aus Polen klar gemacht: Religionen müssen sich für den Frieden einsetzen. Er gab damit einen Anstoß für andere.

Justenhoven ist überzeugt: „So war es möglich, dass nach dem 11. September katholische und islamische Geistliche gemeinsam Terror verurteilt haben.“ Sie haben so mit verhindert, dass Terroranschläge noch schlimmere Früchte tragen. Zudem habe Johannes Paul II. aus der Initiative heraus verstanden, dass jede Gemeinschaft erst vor
der eigenen Türe kehren muss. Seine Konsequenz: die Schuldbekenntnisse im Heiligen Jahr 2000.

Friedensgebete könnten aber nur echt sein, wenn die Beteiligten ehrlich über ihre Differenzen gesprochen haben. Gleichwohl wer-
de die im Gebet geäußerte Hoffnung nicht automatisch erfüllt. „Das müssen wir schon Gott überlassen“, sagt Justenhoven.

 

Wer aus dem Gebet lebt, missbraucht Religion nicht

Er räumt ein, dass vielerorts Religion gewaltsam instrumentalisiert werde, meist für politische und wirtschaftliche Zwecke. „Wer aus dem Gebet lebt, tut das aber nicht“, meint er. Fast überall stellten sich religiöse Autoritäten gegen Gewalt. Sant’ Egidio organisiert seit 1986 jährliche Friedenstreffen in wechselnden Städten. Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus und andere Gläubige tauschen sich aus, verpflichten sich zu Frieden und Gerechtigkeit, beten darum. 2017 findet das Treffen in den Friedensstädten Osnabrück und Münster statt, wie Münsters Bischof Felix Genn vor dem Diözesanrat sagte.

Am Dienstag trifft sich Papst Franziskus mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I., Anglikaner-Primas Justin Welby und dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Efrem II. in Assisi zum Gebet. Die nichtchristlichen Delegationen beten an anderen Orten. Anschließend treffen sich alle vor der Kirche, um eine Friedensbotschaft zu verlesen und der Opfer von Krieg und Terror weltweit zu gedenken. Damit, das ist unstrittig, verstärken sie erneut das Bewusstsein: Religionen und jeder ihrer Gläubigen müssen sich für den Frieden einsetzen.

Von Roland Juchem