24.08.2016

Das Online-Beratungsportal „[U25]“ braucht dringend Unterstützung für die weitere Arbeit

Lebensretter per Internet

Helena, Patrick, Jenny und Sannah sind in gewisser Weise Lebensretter. Als ehrenamtliche Krisenberater wollen sie jungen Menschen helfen, die nicht mehr leben wollen. Sie retten mit Worten: Sie schreiben Mails über das Online-Beratungsportal „[U25]“. 

„Mitgefühl ist gut, Mitleid nicht“: Projektleiterin Nina von Ohlen (zweite v.r.) mit den Peer-Beratern Helena, Patrick, Jenny und Sannah (v.l.).  Foto: Sendker

„Ich bin immer nur traurig. Ich muss nur noch weinen. Keiner versteht mich …“ Die Mails, die über den Online-Beratungsservice „[U25]“ eingehen, sind anonyme Hilferufe junger Menschen. Antwort geben Krisenberater. Das Besondere: Auch die Berater sind junge Menschen. Peer-Berater nennen sich die 16- bis 25-Jährigen: „Peer“ kommt aus dem Englischen und bedeutet ebenbürtig, gleichaltrig. „Peer-Berater sind auf Augenhöhe mit dem Hilfesuchenden, den sie beraten“, erklärt Nina von Ohlen (42), Projektleiterin und Mitarbeiterin des katholischen Fachverbandes „In Via“, den Begriff.

Entwickelt wurde [U25] als Online-Beratungssystem für Jugendliche und junge Erwachsene vom „Arbeitskreis Leben“ in Freiburg. Weitere Standorte gibt es inzwischen in sechs weiteren deutschen Städten. In Hamburg wurde [U25] 2013 vom katholischen Caritas-Fachverband „In Via“ gestartet: 3 000 Mails haben die Hamburger Peer-Berater, mittlerweile 38 an der Zahl, seither geschrieben; bis zu 100 Jugendliche können pro Jahr beraten werden.

„Wir sind keine Therapeuten und ersetzen sie auch nicht“

„Das ist ein Präventivangebot zu günstigen Bedingungen“, findet Projektleiterin Nina von Ohlen „Wir sind keine Therapeuten und ersetzen sie auch nicht“, betont sie. „Wir hören zu, wir können den Hilfesuchenden die Gelegenheit geben, über andere Wege nachzudenken als über den Suizid, aber wir haben nur Worte.“ 

Die Projektleiterin begleitet den Kontakt zwischen den Hilfesuchenden und den Beratern. Sie liest die Mails, gibt Ratschläge oder Kommentare. Alle zwei Wochen gibt es ein Teamtreffen mit den Peer-Beratern. Die meisten kommen aus Hamburg, manche aus dem Umland, von weiter her, aus Lübeck zum Beispiel.

„Suizid ist so ein großes Thema, das immer noch tabu ist“, sagt Nina von Ohlen. Über [U25] wird jeder Hilferuf ernst genommen. Mails mit aktuellen Problemen erhalten innerhalb von 48 Stunden eine erste Rückmeldung und einen Berater. Vielleicht Jenny (18) oder Helena (19). Die beiden haben Anfang des Jahres mit der Ausbildung zum Krisenberater begonnen. Seit April sind sie in der Beratung tätig.

„Ich hatte viel Zeit und wollte mich engagieren“, erzählt Jenny, die wie die anderen Peer-Berater lieber nur ihren Beraternamen nennen möchte. Über das Freiwilligennetzwerk Harburg wurde sie auf das In-Via-Projekt aufmerksam. Sie habe sich diese Arbeit zugetraut, sagt sie. „Ich habe eine starke Psyche, ich habe viel Kraft in mir für mehrere Menschen.“ Es falle ihr außerdem leicht, Gedanken zu strukturieren, was wichtig sei für die Kommunikation. Derzeit schreibt sie sich mit fünf Hilfe-suchenden. „Das sind total tolle Klienten. Ein junger Mann ist Informatiker, er schreibt lange Mails, in denen er über Gott, die Welt und das Universum nachdenkt. Ich bin dankbar für diesen Austausch und die Denkanstöße. Es ist toll zu sehen, was alles in einem Menschen steckt, welche tiefen Gedanken ein Mensch in sich haben kann.“

Traurige Namen wie Seelentod und Trauerseele

Mobbing, Gewalterfahrungen, Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten, Vergewaltigungen, Angst, die Trennung vom Freund – das Spektrum der Themen, mit denen die jugendlichen Berater konfrontiert werden, ist groß. Mehr als das Alter, das Geschlecht, das Bundesland und den Benutzernamen erfahren die Krisenberater nicht von den Gleichaltrigen, die sich nicht selten traurige Namen wählen: Seelentot zum Beispiel oder Trauerseele. „Viele Hilfesuchende haben neben den aktuellen Problemen auch Wunden aus der Vergangenheit, die noch nicht verheilt sind. Dann frage ich: Was sollen wir zuerst anpacken, die aktuellen Probleme oder die alten?“, berichtet Jenny.

„Es ist ein riesiger Schritt zu sagen: Ich brauche Hilfe!“

Helena hat derzeit zwei Kontakte, mit denen sie sich schreibt. Dass Jugendliche Gleichaltrigen Hilfe bieten, ist für sie das Besondere an diesem Projekt: „Probleme von Jugendlichen werden aus Sicht von Erwachsenen oft bagatellisiert.“ „Es ist ein riesiger Schritt zu sagen: Ich brauche Hilfe!“, findet Sannah (20). Sie kann schon auf zweieinhalb Jahre Erfahrung als Peer-Beraterin zurückblicken. Wichtig sei in dem Austausch vor allem eins: „Man muss authentisch sein.“ Und man dürfe die Konflikte nicht zu sehr an sich ranlassen, diese Erfahrung hat sie schon gemacht.

„Mitgefühl ist gut, Mitleid nicht“, sagt Patrick (24). Er kommt aus der katholischen Jugendarbeit und engagierte sich bei der Katholischen jungen Gemeinde. In der Krankenstube für Obdachlose hat er ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Dort ist er zum ersten Mal Menschen mit psychischen Krankheiten intensiver begegnet. Das Thema beschäftige ihn, sagt er. „Beratung ist starke Beziehungs-arbeit, sie ist auch sehr intim. Man erfährt viel über den anderen, dafür braucht man Vertrauen.“ Er habe durch die Arbeit viel für sich selbst gelernt. Einen geschärften Blick auf den Alltag, auf seine Mitmenschen habe er gewonnen: „Ich merke heute viel früher, wenn es jemandem nicht gut geht.“

Manchmal verabschieden sich Klienten von ihren Beratern. „Danke, ich brauche Eure Hilfe jetzt nicht mehr“, hat eine junge Frau geschrieben. Das ist für die Krisenberater das schönste Lob.

Nina von Ohlen ist stolz auf ihr ehrenamtliches Team: „Das sind so wunderbare Menschen, die Zeit investieren und einen wertvollen Austausch in der Gesellschaft schaffen.“ Von Politikern ernte sie deshalb immer viel Zuspruch für das Projekt. „Das Problem ist, dass wir deutschlandweit beraten, unsere Arbeit also nicht nur Hamburger Jugendlichen zugute kommt. Die lokale Unterstützung ist deshalb oft schwierig, obwohl das Projekt wunderbares Engagement vor Ort schafft.“ 

Auf Unterstützung ist das Projekt aber dringend angewiesen, seit die Förderung über die Caritas und die Glücksspirale im Oktober 2015 ausgelaufen ist. Nina von Ohlen sucht deshalb [U25]-Unterstützer: 40 Euro reichen monatlich für die Beratung von zwei Jugendlichen, 120 Euro sichern den Grundbedarf für drei Monate Online-Beratung.

Kontakt: 
Nina von Ohlen, In Via Hamburg, E-Mail-Kontakt: vonohlen@invia-hamburg.de,Tel. 040 / 51 44 04 65

Text u. Foto: Monika Sendker