06.04.2016

Das alttestamentliche Buch Nehemia verrät ein Rezept gegen fromme Depressionen

Lasst uns ein Fest feiern!

Was tun, wenn nichts mehr geht? Wenn die großen Hoffnungen getrogen haben, wenn die Wirklichkeit zuschlägt und keiner dem anderen traut? Die Bibel weiß eine Antwort, ein geniales Konzept der Krisenbewältigung. Es steht im Buch Nehemia. 

Die Lösung: Einfach mal ein Fest feiern und sich freuen ohne Hintergedanken.  Foto: Jakob Montrasio

Das Raphaelswerk, ein katholisches Hilfswerk für Auswanderer, bietet seit Jahren eine Beratung für Berufstätige an, die für längere Zeit im Ausland gelebt haben. Wenn diese nach Jahren in die Mutterfirma zurückkehren, kann viel schief gehen. Die alten Kollegen sind fort, jüngere haben die Lücken geschlossen. Die wissen die Fähigkeiten und Verdienste des „Ausländers“ nicht zu schätzen, in der Betriebshierarchie sackt er ab. Statt des heimatlichen Schreibtischs wartet der Existenzkampf. 

So ähnlich ist es den Israeliten gegangen, als sie nach der babylonischen Gefangenschaft in die Heimat zurückkehrten. Seinerzeit war das eine gängige Methode, mit besiegten Völkern umzugehen: Man zerstörte ihre Kultstätten, tötete die Oberschicht oder verschleppte sie ins eigene Land. Nebukadnezar war so im Jahr 597 mit der Führungsriege Israels verfahren. 

58 Jahre später beendete der Perserkönig Kyros diese babylonische Gefangenschaft. Unter Jubelrufen, Dankgebeten und Psalmen wanderten die Deportierten zurück nach Juda. 

Und dann begannen die Probleme. Einige Familien hatten die Papiere verloren, die ihre Herkunft und ihre Rechte belegten. Die Alten jammerten: Früher war es hier viel schöner! Die Führungskräfte glaubten, in der alten Heimat wieder das Sagen zu haben. Die Daheimgebliebenen sahen das ganz anders. Es gab neue Volksgruppen, die an den Kultstätten opferten. Dazu kam der Streit um das Grundeigentum (die Alteigentümer wollten es zurück haben), um Nahrungsmangel und Wucher. 

Mit das Schlimmste war: Die daheimgebliebenen Judäer waren Mischehen eingegangen, mit Kanaanitern, Hethitern, Pheresitern und so weiter. Von Schande, Schuld, Greuel und Schmutz war die Rede. 

Kurz: Die Situation war so verfahren, wie sie nur sein konnte. Der Jubel war verstummt. Alles war anders gekommen als in den Rückkehr-Träumen im Exil. 

In diesem Moment hatte der Schriftgelehrte Esra eine Eingebung. Er rief das Volk zusammen. Dann ließ er die gesamte Tora vorlesen. Also die fünf Bücher des Mose, die mit der Befreiung aus Ägypten und dem Einzug ins gelobte Land enden. Als das letzte Wort gelesen war, brach das ganze Volk in Tränen aus. 

Dann sagte Esra: Jetzt feiern wir erst einmal ein Fest! Wörtlich: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Nehemia 8,10). 

Das Fest hatte nicht nur den Sinn, dass man beim Feiern auf andere Gedanken kommt. Esra wollte mit diesem Fest – wie man heute sagt – die wichtigste Ressource seines Volkes mobilisieren. „Die Freude am Herrn ist unsere Stärke“, sagte er. 

Nicht das Recht, nicht militärische Überlegenheit oder moralische Untadeligkeit, nicht Gottesfurcht sondern Gottesfreude macht das Volk Gottes stark. Wo diese Freude verloren geht, verschwindet auch die Kraft des Glaubens und es regiert die Depression. 

Acht Tage lang wurde in Juda gefeiert, picknickartig in mobilen Laubhütten; zu einem Gottesfest braucht man keine Paläste. Wenn das Gottesvolk von heute von Missmut und Pessimismus durchzogen ist, dann sind die Ursachen vielleicht dieselben wie im nach-exilischen Israel. Vielleicht fehlt es der Kirche von heute vor allem an der österlichen „Freude am Herrn“. In den Briefen des Neuen Testaments ist viel von dieser Freude die Rede und vom Bewahren der Freude in grauen Zeiten. Besonders eindringlich appelliert der Philipperbrief an diese Stärke der Christen: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Der Herr ist nahe!“

Text: Andreas Hüser