01.06.2016

Der Kirchenvater Ephräm der Syrer über die Gefahren für den inneren Frieden

Lass den Zorn nicht übernachten!

Die Wut nimmt zu: auf der Straße versammeln sich die Wutbürger, in Hinterhöfen hetzen Hassprediger, Shitstorms im Netz, Auskotzen an den digitalen Stammtischen. Die Todsünde „Zorn“ hat sich in unseren Häusern breit gemacht. Wie werden wir sie wieder los? Dazu schrieb der Kirchenvater Ephräm der Syrer vor 1700 Jahren: 

Reg dich wieder ab! Denn die Wut ist ein schlimmer Gast, wussten schon die alten Kirchenväter.
Foto: Jessica Flavin/wikipedia

Wenn der Zorn in einer Seele wohnt, so vernichtet er das Leben. Lass ihn nicht auf den nächsten Tag übergehen, damit er nicht dein ganzes Leben vernichte! „Es genügt dem Tag sein Böses“, wie unser Heiland gesagt hat; es genügt also, wenn der Zorn das Leben auch nur eines einzigen Tages vernichtet. Der Zorn übernachte nicht in deiner Seele, und die Sonne gehe nicht unter, ohne dass er sich entfernt hätte! Ein schlimmer Gast herbergt in dir. Vertreibe, verjage ihn! Gestatte ihm keinen Aufenthalt! Mit dem schwindenden Tage verschwinde der Zorn und verweile nicht in deiner Seele! Und wie die Stunde nicht zögert, so zögere auch der Zorn nicht, sich zu entfernen!

Nicht schlafe der Zorn in deiner Seele; wenn er einmal darin schläft, dann lässt er sich nur schwer daraus entfernen. Nicht bringe er die Nacht bei dir zu, nicht gäre er, nicht bleibe er, nicht ruhe er dort; denn wenn der Zorn in der Seele gärt, dann verdirbt, verwirrt, verpestet und besudelt er sie, so dass sie nur mehr zum Schlechten taugt. Ein schlechter Sauerteig verpestet, wenn er in den Teig hineingerät, die ganze Masse, und der Zorn lässt, wenn er in der Seele Wohnung genommen hat, seinen schlechten Geschmack in ihr zurück. 

Giftig sind Viper und Natter, aber der Zorn ist noch viel schlimmer als sie. Er richtet die Seele zugrunde und tötet sie, indem er sie von Gott entfernt. Wenn du eine Schlange in deinem Hause erblickst, so machst du Jagd auf sie und tötest sie; aber der Zorn, der dich tötet, wohnt in deiner Seele und du vertreibst ihn nicht. Wenn du eine Schlange liegen siehst, so hast du Angst vor ihr, sie möchte dich beißen; aber der Zorn, der tödliches Gift in sich trägt, darf ruhig in deinem Sinne hausen. 

Wegen eines unbedachten, vom Teufel zugeflüsterten Wortes öffnest du dem Zorne die Türe angelweit, damit er in deine Seele einziehe und dort wohne. 

Weil dein Nebenmensch mit dir um elende Vorteile streitet, rufst du den Hass herbei, dass er in deinen Busen einziehe und dort lagere. Wenn der Zorn bei dir bellt und wie ein Hund geifert, so wirf die Friedfertigkeit wie einen Stein auf den Zorn und wehre ihm so das Bellen! Beschwichtige ihn durch Heiterkeit und zeige Lachen und nicht Ärger! So wird dann der Zorn verhindert, zwei Seelen zugleich zu vernichten.

O Gott, der du durch das Blut, das aus deiner Seite floss, den Höhen und den untersten Tiefen den Frieden gabst, sende deinen Frieden unter die Zürnenden! Der du zwischen den beiden Parteien, den oberen und den unteren, Frieden gestiftet hast, versöhne die Entzweiten durch Liebe und säe deinen Frieden unter sie! O Herr, der du unser Friede bist, wie dein Jünger schrieb, dein Friede sei der Hüter der Seelen, die zu dir flehen!

„Meinen Frieden gebe ich euch; meinen Frieden hinterlasse ich euch“, sprach der Herr zu seinen Aposteln. Wenn er in großer Herrlichkeit wiederkommt, alle Gräber sich öffnen, dann komme deine Versöhnung, o Herr, uns entgegen, und dein Friede begegne uns!

Aus: Rede über den Text: „Alles ist Eitelkeit und Geistesplage!“ (Pred 1,14.)

Text: Andreas Hüser