21.05.2014

In der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde Hamburgs steht „EU“ für eine karitative Herausforderung

Kirche im Ernstfall Europa

Viele Deutsche sind europamüde geworden. Andere EU-Mitglieder sehen das anders. Zum Beispiel die Bulgaren, die seit 2007 zur Union gehören. Seit Anfang 2014 dürfen sie in der EU wohnen, wo sie wollen. Zum Beispiel in Hamburg. Für die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde ist das eine soziale Herausforderung. 

 

Säulen“ der Gemeinde: Velina Weber, Georgi Velin, Krastin Apostolov (Priester der Gemeinde) und seine Frau
Milena Aleksandrova mit Baby Joan, Christo Karabadjakov, vorn Wassil Karabadjakov und Konstantin Weber.
Foto: Hüser

 

Ein bisschen erinnert die Gemeinde an die ersten Christengemeinden, sagen wir in der Hafenstadt Korinth oder Ephesus. Die meisten Mitglieder sind jung. Sie sind fremd. Sie fühlen sich wie eine Familie. Sie haben kein eigenes Gotteshaus. Aber immerhin haben sie einen Priester. Krastin Apostolov wohnt mit seiner Frau Melina und seinem vier Monate alten Sohn Joan in einer Barmbeker Wohnung: Dritter Stock, Blick auf eine Hauptverkehrstraße. Ein Teil des Gemeindelebens findet in der kleinen Wohnung des Priesters statt. Manchmal probt hier der Kirchenchor, während die Kinder daneben spielen. Sie sprechen deutsch, die Großen bulgarisch. Krastin Apostolov ist 30 Jahre alt. Auf der Straße könnte man ihn für einen Studenten halten. Aber wenn er den schwarzen Priestertalar anzieht, verwandelt er sich in einen ehrwürdigen Geistlichen.  

Direkt nach dem Theologiestudium war Apostolov von seinem geistlichen Vater in die Auslandsmission nach Hamburg gesandt und dort zum Priester geweiht worden. Tagsüber arbeitet er in einem Altenheim und noch in zwei Nebenjobs. Seine Gemeinde besteht erst seit sieben Jahren. 

Sonntags feiert sie den Gottesdienst in der Bugenhagenkirche, wenige Meter von der Wohnung des Priesters entfernt. Die ehemals evangelische Kirche wird heute als Theater genutzt. Jeden Sonntagmorgen aber baut die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde dort eine Ikonostase (Ikonenwand) auf, die im orthodoxen Gottesdienst das Allerheiligste vom Gemeindebereich abtrennt. Nach der Feier wird schnell wieder abgebaut, die nächsten Mieter kommen. „Optimal ist das nicht“, sagt Velina Weber, Mitglied des Gemeindevorstands. „Wir würden gern bis zum Nachmittag zusammenbleiben. Dann könnten wir eine Sonntagsschule anbieten.“ Zum Gottesdienst kommen 30 Personen. „Na ja“, sagt Priester Apostolov und lächelt. „Zu Beginn sind es 30, am Ende sind auch schon mal 50 da. Schließlich dauert unser Gottesdienst zwei Stunden.“ Es könnten mehr sein, findet er, denn in Hamburg leben 6 000 Bulgaren, dreimal so viel wie vor sieben Jahren. 

Der Kirchenkaffee nach dem Segen ist ein Treffpunkt, an dem man Landsleute trifft. Viele nutzen das. „Die Leute kommen, haben von jemandem gehört, der in Hamburg gejobbt hat und berichtet: Das war wunderbar. Aber dann stehen sie nachts am Busbahnhof, können kein Wort deutsch, haben keine Bleibe und keine Arbeit“, sagt Christo Karabadjakov. Er ist promovierter Politologe. Er gehört zu den zehn aktiven Gemeindegliedern, die die Hauptarbeit leis-ten. Das heißt oft: Lösungen für Notsituationen suchen, manchmal auch hilflose Landsleute in der eigenen Wohnung unterbringen. „Manchmal ist einfach schnell direkte Hilfe gefragt. Die Gemeinde ist Anlaufstation, Zimmervermittlung, Jobcenter und Dolmetscher“, berichtet Karabadjakov. Der Politologe würde diesen Einsatz gern professionell organisieren. Ein erster Schritt: ein Deutschkurs für Gemeindemitglieder, erteilt von einer ehrenamtlich tätigen Lehrerin. Es gibt aber auch Kontakte zu den Beratungsdiensten von Stadt, Diakonie und Caritas und zum bulgarischen Konsulat.

Zu diesen Aufgaben kommt ein weiteres Ziel, was sich die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde gesetzt hat. Mit Benefizveranstaltungen und Spendenaktionen sammelt sie Geld für eine eigene Kirche. Kinder haben dazu schon Bilder gemalt: Meine Kirche in Hamburg. 

Am Sonntag ist Europawahl: Für die Osteuropäer bedeutet Europa und die damit verbundene Freiheit etwas ganz anderes als für ihre europamüden Nachbarn. „Ich bin überzeugter Europäer“, bekennt Christo Karabadjakov. „Wir haben sogar eine Unterschriftensammlung gestartet, damit wir im Hamburger Konsulat die bulgarischen Kandidaten wählen können“, sagt Velina Weber. Nur für den Sonntagsgottesdienst sieht es an diesem Sonntag schlecht aus. Am Europawahltag ist die Bugenhagenkirche Wahllokal. 

Mit einem Fest auf dem Rotenhäuser Feld in Hamburg-Wilhelmsburg (Weimarer Straße/Rotenhäuser Damm) wird zum (bulgarischen) Gedenktag der Patrone Kyrill und Method am 24. Mai, 12–18.30 Uhr, gefeiert. 16.30 Uhr Podiumsdiskussion: „Sofia-Hamburg: Die soziale Arbeit der bulgarisch-orthodoxen Kirche“. 

Text: Andreas Hüser