20.12.2016

Alterzbischof Werner Thissen gibt in einem neuen Buch Denkanstöße für die Weihnachtszeit

Jedes Jahr das Gleiche?

Was erwarten wir von der Ankunft des Herrn? Vom neuen Jahr? Wie steht es überhaupt mit unserer Zeit? In Bildbetrachtungen und Meditationen, bereichtert durch persönliche Erfahrungen, antwortet Alterzbischof Werner Thissen auf solche Fragen. „Für uns Mensch geworden“ heißt der Titel seines neuen Buches. 

In seinem Buch „Für uns Mensch geworden“
sammelt Alterzbischof Werner Thissen
Meditationen zum Weihnachtsfest.
Foto: Hüser 

 

Herr Erzbischof, Sie erzählen in Ihrem Buch von Polly, dem Hund. Sie wollten als Kind mit Polly die Liebe zu Beethoven teilen. Aber Polly wollte Beethoven nicht hören. Geht es uns angesichts der Menschwerdung Gottes nicht auch wie Polly? Wir hören etwas und begreifen nichts. 

Ich musste damals lernen: Der Abstand zwischen mir und Polly ist groß. Aber der Abstand zwischen Gott und mir ist unvergleichlich größer. Diese Aussage bedarf aber der Ergänzung: Mit der Menschwerdung hat Gott den Abstand überwunden. In Jesus ist uns Gott ganz nah gekommen. Um genau zu sein: Gott bleibt der ferne Gott, von dem der Prophet Jeremia sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.“ Aber er ist auch ganz nah. 

Wo erfahren Sie den ganz nahen Gott? 

Die Situationen können ganz verschieden sein. Ein Besuch neulich bei einem Sterbenden in einem Krankenhaus, als wir gemeinsam gebetet haben – Da war spürbar: Gott ist hier bei uns. Oder ich erinnere mich an einen Sonnenaufgang am See Genezareth. Auch im Alltag kann ich Gott begegnen, vor allem in der Hinwendung zu Menschen. Und immer wieder in Gebet und Gottesdienst. Oft merke ich erst im Nachhinein: Da war mir Gott ganz nah. 

Kann ich Gott auch in mir selbst finden? 

Ja, das ist eine sehr alte geistliche Erfahrung – dass ich Gott nur bis zu mir selbst entgegenkommen muss. Wenn ich ganz bei mir bin, dann bin ich auch bei Gott – bei dem Mensch gewordenen Gott. 

Ganz bei mir sein – wie kann ich das machen? 

Machen kann ich das nicht. Aber eine wichtige Voraussetzung ist die Stille. Erst wenn ich ganz still werde, merke ich, wie laut es in mir ist. Wie lange ich brauche, um wirklich still zu werden. Dann genügt es, mit einem Wort oder einem Satz Gott anzusprechen. Etwa indem ich nur sage: „Jesus Christus“. Oder: „Du lebst in mir.“

Die Stille ist wichtig. Kann man schließen: Sie sind kein Freund von Weihnachtsmärkten? 

Ganz falsch: Ich finde Weihnachtsmärkte wunderbar. Weil dort immer eine besondere Stimmung ist. Man erlebt viele Menschen, fast eine Art Gemeinschaft; der Geruch von Bratwurst und Glühwein, wenn man Glück hat Blasmusik, das sind sinnliche Botschaften, die mich in eine wohltuende Stimmung bringen. Allerdings soll’s dabei nicht bleiben. 

Was braucht man, um Weihnachten richtig zu feiern? 

Es muss in mir einen Dreiklang geben: Die Stille, um zu mir selbst zu kommen. Die Hinwendung zu Gott, der zu mir kommen will. Das Dritte ist die Zuwendung zu Menschen, vor allem zu denen, die es schwer haben. 

Viele von uns haben schon 50 oder 70 Weihnachtsfeste hinter sich. Immer mit ähnlichem Ablauf. Hätten Sie einen Tipp, was man dieses Jahr neu machen könnte? 

Der immer gleiche Ablauf ist nichts Verkehrtes. Riten helfen uns und entlasten uns, auch die Weihnachtsriten in der Familie. Feste Riten reizen zwar zur Veränderung – aber oft ist es dann so: Man probiert etwas Neues aus – und kehrt im nächsten Jahr doch wieder zum Alten und Bewährten zurück. 

Warum ist das so? 

Das hängt auch damit zusammen, dass Weihnachten so viel mit erlebter Geschichte zu tun hat. Und das ist nicht nur die Geschichte von der Krippe in Betlehem, sondern auch meine eigene Lebensgeschichte. Wenn ich Weihnachten feiere, begegne ich meiner eigenen Geschichte, meiner Herkunft. Ich bin zusammen mit meiner Familie oder mit Freunden, also mit Menschen, mit denen ich gemeinsame Erfahrungen habe. Viele Lebens-Erinnerungen verbinden sich mit Weihnachten. Ich kann mich noch gut an einzelne Feste, sogar an einige Weihnachtsgeschenke erinnern, die ich einmal bekommen habe. 

Zum Beispiel? 

(lacht): Eines steht noch heute in meiner Wohnung. Ein Kickerspiel mit Holzfiguren aus den Fünfzigerjahren. 

Singen, die Krippe, der Baum, das gehört sicherlich zum Bewährten. Gibt es auch etwas Nachahmenswertes, das neu ist? 

Mir ist aufgefallen, dass im vergangenen Jahr in vielen Krippen die Flucht nach Ägypten größer dargestellt war als sonst. Das hat mir sehr gefallen. Die Weihnachtsgeschichte ist ja mit der Geburt Jesu nicht zu Ende. Die Geburt zieht weitere Kreise. Zuerst sind nur die Hirten da, die unmittelbare Umgebung. Mit den Königen aus dem Morgenland kommt die Welt zur Krippe. Und mit der Flucht kommt die politische Lage in den Blick. Wir können Weihnachten nicht feiern, wenn wir dabei die Weltlage außen vor lassen. 

Das führt uns dann schon zum Fest der Unschuldigen Kinder. 

Aber auch dieses Fest ist Teil von Weihnachten. Vor kurzem hörte ich jemanden sagen: „Jetzt ist schon der dritte Advent, und ich habe von Weihnachten noch nichts gehabt!“ Abgesehen davon, dass diese Beschwerde zu früh kam – Weihnachten ist nicht ein einzelner Tag. Der Festkreis hat einen Spannungsbogen, eine Dramaturgie. Und in diesem Festkreis ist Weihnachten kein punktuelles Ereignis, sondern eine Entwicklung. Man kann sogar sagen: Etwas von Weihnachten zieht sich durch das ganze Jahr hindurch. Die Menschwerdung – das bleibt Thema unseres Lebens. Es geht dabei um die Menschwerdung Gottes – aber auch um die bleibende Frage an mich selbst: Wie sieht es mit meiner eigenen Menschwerdung aus? Wie kann ich selbst mehr Mensch werden? 

Foto u. Interview: Andreas Hüser

Werner Thissen: „Für uns Mensch geworden – Advents- und Weihnachtsmeditationen“,
Herder Verlag Freiburg 2016, 14,99 Euro