15.06.2016

Gemeindereferent Norbert Wieh ist künftig für Amrum, Föhr und Sylt zuständig

Inselseelsorger in der Karibik

Im Hafen von Wyk auf Föhr ist sonntags richtig was los. Dichtes Gedränge herrscht rund um die Buden, die Kunsthandwerk, Tinnef und Leckeres anbieten. Die Sonne scheint, die Leute sind nett. Der neue Arbeitsplatz von Gemeindereferent Norbert Wieh ist dort, wo andere Urlaub machen.

Gemeindereferent Norbert Wieh, hier an der Uferpromenade von Wyk auf Föhr.    Foto: Marco Heinen

Seit Anfang Mai ist der gebürtige Bremer Inselseelsorger für „die drei Geest-Inseln“, wie er es ausdrückt. Denn von den Friesischen Inseln haben nur Sylt, Föhr und Amrum einen sogenannten Geest-
kern, der auf glaziale Ablagerungen während der letzten Eiszeit zurückgeht. Alle anderen Friesischen Inseln sind reine Sand- oder Marschinseln, weiß  der 63-Jährige zu berichten. 

Bei Muscheln und Krabben auf dem Teller kommt man leicht mit Urlaubern ins Gespräch, mit denen man sich im Hafen eine Bierbank teilt. Die Familie gegenüber – panierter Backfisch, Fischbrötchen und Muschelteller – ist aus Ingolstadt und hört gebannt zu. Wieh erzählt ein wenig von Udo Lindenberg, den er nicht erst seit der Produktion der Benefiz-CD „Die Weihnachtsgeschichte nach Udo“ kennt. Das war die Zeit, als er noch Gemeindereferent am Kleinen Michel in Hamburg war, bevor er nach einem einjährigen Intermezzo in der neuen Pfarrei Johannes Prassek nun die neue Aufgabe als Inselseelsorger übernahm. 13 Jahre war Norbert Wieh in Hamburg tätig, nur ein Jahr weniger als in Elmshorn, seiner
ersten Station als Gemeindereferent im Kirchendienst. 

Die Faszination der Inseln noch mehr nutzen

Wenig später auf dem Weg zur Marienkirche, die mitten in einem Wyker Wohngebiet liegt: „Auf Amrum und Sylt ist das auch noch mal ganz anders“, sagt Wieh. Mit Müh und Not hat er auf der Insel eine kleine Dienstwohnung mieten können. Denn wer auf den Inseln Immobilienbesitz hat, vermietet lieber an Urlauber, weil es mehr Geld bringt. Die „friesische Karibik“, wie sie genannt wird, sie ist ein teures Pflaster geworden. 

Zwischenstopp an einer Villa mit Garten, in dem ziemlich zahme Störche brüten. Föhr als Storchen-Insel, kaum zu glauben! Aber vielleicht ist das nicht nur für Touristen ein guter Anknüpfungspunkt, um sich mit der Schöpfung zu beschäftigen. Schöpfung, Natur, Umwelt – für Norbert Wieh sind das drei Begriffe, die letztlich das Gleiche meinen, auch wenn die Akzentuierung unterschiedlich ist. Er sieht in dem Thema eine große Chance für die Inseln allgemein und für Tourismusseelsorge im Speziellen. „Schließlich ist das Wattenmeer eine der größten Unesco-Weltnaturerbestätten überhaupt“, sagt er. „Ich will hier keinen Wattführer ersetzen. Aber ich sage mal so: Mit dem Papst und seiner Enzyklika Laudato Si können wir hier am Kniepsand wirklich wuchern“, formuliert Wieh schmunzelnd. Doch seine Überlegungen gehen noch weiter. Besinnungstage, Vorträge, Exerzitien, eine ganze Reihe von Angeboten, nicht nur speziell für Gläubige wäre denkbar, um das Thema Schöpfung in den Fokus zu rücken. „Vielleicht ist es möglich, die Faszination der Inseln mehr zu nutzen“, so seine Überlegung. Und er zitiert einen Satz Joseph von Eichendorffs, der wandernde Studenten in seinem „Taugenichts“ sagen lässt: „Wir studieren unterdessen in dem großen Bilderbuch, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat.“

Neues Selbstbewusstsein und „tätige Teilnahme“ 

Nein, Norbert Wieh ist nicht als Urlauber auf die Inseln gekommen. Er will ein bisschen frischen Wind mitbringen und Denkanstöße geben. Natürlich muss er sich erst noch zurecht finden, herausfinden, wie die Menschen ticken. „Das wird auch noch eine Weile dauern“, sagt er. Und: „ Einiges ist, wie ich es mir vorgestellt habe, anderes ganz anders.“ Nie hätte er zum Beispiel gedacht, dass die Mitarbeiter des Insel-Marketings so offen für die Angebote der katholischen Kirche sein würden.

Vor allem hofft Norbert Wieh, mit den Gemeinden ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Schließlich sind die Gastpriester die Gäste und nicht die Insulaner.Die Gestaltung des Gottesdienstes könnten sie also durchaus in die eigene Hand nehmen, ist er überzeugt. Wieh setzt auf die „tätige Teilnahme am Gottesdienst“ – sowohl der Kerngemeinde aber auch der Touristen, die zur Messe kommen. „Wie schön wäre es, wenn sich eineinhalb Stunden vorher die Gläubigen, die etwas einbringen können, hier träfen, um den Gottesdienst gemeinsam vorzubereiten?“, so seine Vorstellung. Ein Geiger aus Castrop-Rauxel, eine Pianistin aus Ingolstadt und vielleicht ein paar Denkanstöße von einem Insulaner, das wäre doch was. „Wir, die wir hier sind, wir sind alle zusammen die Träger, und die Urlauber können mit ihrer Gastgebergemeinde die Gastfreundschaft Gottes genießen“, so könnte eine neue Grundhaltung praktisch aussehen. Angesichts des Umstandes, dass die Zahl der Priester und Hauptamtlichen tendenziell abnimmt, sollten sich die Gemeinden nicht zu sehr von ihnen abhängig machen, meint Wieh. So sieht er auch seine eigene Rolle: „Ich darf gar nicht so arbeiten, dass irgend etwas an mir hängt.“

Was er sonst noch so vor hat? Vielleicht den Internet-Auftritt mal genauer unter die Lupe nehmen und optimieren. Damit die Gäste schneller die Informationen finden, die sie suchen. Und natürlich jetzt im Sommer Strandgottesdienste oder Gebete zum Sonnenaufgang organisieren, vor allem auf Föhr und Amrum. Angebote, wie sie von der Steyler Missionsschwester Franciska auf Sylt schon angeboten werden. 

Es sieht so aus, als wäre Norbert Wieh nicht als Urlauber gekommen, sondern um zu bleiben. Oder, wie die Insulaner sagen: Wer den ersten Winter auf den Inseln übersteht, der bleibt.

Text u. Foto: Marco Heinen