09.08.2017

Monsignore Wilm Sanders erhält Ehrenurkunde der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit

Im Dienste der Versöhnung

Interview mit Andreas Hüser, leitender Redakteur der Neuen KirchenZeitung Hamburg

Monsignore Wilm Sanders mit der Ehrenurkunde, die ihm verliehen wurde.  
Foto: Marco Heinen

Monsignore Sanders, nach 25 Jahren im Vorstand haben Sie nicht wieder für einen Posten kandidiert. Warum nicht? 

Ich bin jetzt mit 82 Jahren zwar noch nicht gebrechlich, aber noch eine Amtszeit von fünf Jahren, das muss nicht sein. 

Sie waren noch ganz jung, als Sie sich im jüdisch-christlichen Dialog engagiert haben. Was hat Sie dazu bewegt? 

Schon im Studium in Rom hatten wir einen Spiritual, der uns für das Thema sensibilisiert hat. Das Judentum ist die Wurzel des Christentums. Nicht wir tragen diese Wurzel, die Wurzel trägt uns. Das waren in den 50er Jahren noch ganz neue Gedanken. In Kiel, wo ich meine zweite Kaplanstelle bekam, gab es eine sehr rege Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, in die ich auch sofort eingetreten bin. Über diese Kontakte wurde ich 1971 in eine Arbeitsgruppe berufen, die die Oberammergauer Passionsspiele begutachten sollte. Dadurch wiederum kam ich in den neuen Gesprächskreis „Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken“. 

Auf den Oberammergauer Festspielen lastete lange der Vorwurf des Antisemitismus. 1970 wurde den Spielen sogar die „missio canonica“, die Lehrerlaubnis, entzogen. Worum ging es da? 

Das Stück hatte viele Probleme. Das fing schon bei den klischeehaften Kostümen an. Die „bösen“ Juden trugen orientalische Kaftane, die Jünger Jesu römische Togas. Und wenn dann Reporter kamen und fragten: „Waren die Apostel Juden?“, antworteten natürlich damals viele: „Nein.“ Dabei waren die Oberammergauer keine Antisemiten. Sie waren aber Holzschnitzer und haben die Figuren so holzschnittartig gestaltet, wie sie es gewohnt waren. 

So etwas ließ sich doch leicht ändern…

Die Passionsszenen waren nicht das große Problem, am schlimms-ten waren die Chöre, in denen von den „verstockten Gottesmördern“ gesungen wurde und davon, dass Gott sein Volk verstoßen, ja verflucht habe und die christliche Kirche jetzt das aus-
erwählte Volk sei. 

Es hat ja immer neue Versuche gegeben, die Spiele zu reformieren. Ist das Problem gelöst worden? 

Am Ende ist es wohl gelungen. Aber es hat lange gedauert. Ich habe fünf Mal Gutachten zu den Spielen geschrieben. Im Lauf der Zeit wurde alles weggelassen, was Anstoß erregt hatte. Danach war das Stück um drei Stunden kürzer. Das war nun auch nicht die Lösung: Durch Weglassen kann man nicht verkündigen. 

Zurück in den Norden: In Hamburg endete in der Nazizeit ein reiches jüdisches Leben. Gab es nachher noch Gesprächspartner für einen jüdisch-christlichen Dialog? 

Dass das jüdische Leben endete, stimmt nicht. Es entwickelte sich nach dem Krieg sehr schnell neu – allein dadurch, dass viele prominente Juden nach Hamburg zurückkehrten, zum Beispiel die Richterin Käthe Manasse. Als der emigrierte Historiker Eli Rothschild 1953 Hamburg besuchte, staunte er über die Wahlplakate. Wählt Herbert Weichmann, SPD! Wählt Gerd Bucerius, CDU! Beides Juden. Unvorstellbar! 

Das sind die Prominenten. Ist auch an der Basis, auf Gemeindeebene, eine Begegnung von Juden und Christen entstanden? 

Ja, es gibt zum Beispiel sehr aktive Gruppen in Bergedorf oder in Nienstedten. Die evangelische Jerusalemkirche in Eimsbüttel und ihre Jerusalem-Akademie sind besonders dem jüdisch-christlichen Dialog verpflichtet. Seit zehn Jahren gibt es das „Lehrhaus“ der Gesellschaft für jüdisch-christlichen Zusammenarbeit, mit einem sehr interessanten Angebot. Und man darf auch andere Orte des Dialogs nicht vergessen. Viel passiert in den Schulen, und auch die Theater haben sehr gute Veranstaltungen. 

Wohin entwickelt sich das neue  jüdische Leben in der Hansestadt? 

Nach der Wende hat sich viel verändert. Es kamen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden hat sich dadurch vervielfacht. Aber sie stehen jetzt vor ganz neuen Aufgaben – viele jüdische Aussiedler kennen kaum jüdisches Leben. Sie nehmen auch am Dialog teil; aber es ist ein Unterschied, weil sich viele von ihnen noch gar nicht als Deutsche fühlen. 

Man liest in jüngster Zeit öfter, dass sehr viele junge Israelis nach Berlin ziehen, zum Beispiel zum Studieren. Gilt das auch für Hamburg? 

Das mag sein. Viele Israelis leben in Hamburg. Aber nicht alle suchen auch den Anschluss an die jüdische Gemeinde oder interessieren sich für den jüdisch-christlichen Dialog. Immerhin gibt es jetzt auch eine liberale jüdische Gemeinde in Hamburg, dadurch wird das Spektrum des Angebots größer. 

Ist der neue Antisemitismus in der Gesellschaft ein Thema? 

Den Antisemitismus zu bekämpfen, das steht in unserer Satzung. Wir haben als Christen eine Verantwortung, uns diesem Thema zu stellen. Denn die religiöse christliche Judenfeindschaft hat ja dazu beigetragen, dass Juden verfolgt und schließlich in der NS-Zeit vernichtet wurden. Und dieser Antisemitismus ist an der Basis noch lange nicht tot. Heute überwiegen natürlich die Gefahren durch einen Antisemitismus von Muslimen, bei dem immer wieder der Palästina-Konflikt eine Rolle spielt. Dass die jüdische Gemeinde für jede ihrer Veranstaltungen Polizeischutz braucht, ist eigentlich eine Schande.

Interview: Andreas Hüser