14.06.2017

Die Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung

Herzenssache

Die Herz-Jesu-Verehrung hatte in der Geschichte der Kirche Höhen und Tiefen. Ihre großen Zeiten waren eine Wiederentdeckung des Wesentlichen im christlichen Glauben: Gott hat ein Herz für die Menschen.

Herz-Jesu-Gemälde von Latanzio Querena

 Herz-Jesu-Gemälde von Latanzio Querena.  
Foto: Didier Descouens

 

Was halten Sie von alten Herz-Jesu-Bildern? Man findet sie heute eher selten, auf Flohmärkten, in Form abgegriffener Postkarten. Jesus ist darauf als sanfter Jüngling mit langen Haaren und Bart zu sehen. Er öffnet sein Gewand und zeigt auf sein Herz: rot, strahlend, und von einer Dornenkrone umschlossen. 

Heute werden solche Bilder nicht mehr gemalt. Sie entsprechen dem Geschmack einer Zeit, die vorbei ist. Vielleicht. Genau sagen kann man das nicht. Auch im christlichen Glauben gibt es Moden und Wellen, Bewegungen und Gegenbewegungen. 

Mal werden die Kirchen ausgemalt wie das Wohnzimmer der himmlischen Scharen, dann wieder wirft man die Heiligenbilder hinaus und baut Kirchen so nüchtern wie es nur geht. Mal will die Kirche politisch sein, dann wieder kontemplativ. Mal wünschen sich die Frommen eine Feste Burg, dann wieder
offene Fenster. 

Was gestern noch begeistert hat, kann morgen schon deplatziert wirken. Auch die Herz-Jesu-Verehrung hatte ihre Höhen und Tiefen. Sie kommt aus der klösterlichen Mystik des Mittelalters. Eine zweite Welle löste eine französische Nonne im 17. Jahrhundert aus. Die dritte große Zeit der Herz-Jesu-Verehrung begann im 19. Jahrhundert und wurde zu einer großen Bewegung. Die vielen Herz-Jesu-Kirchen sind Zeichen davon. 

Wenn es in der Kirche zu kalt wird 

Jede Neuentdeckung hatte eine Vorgeschichte. Die Herz-Jesu-Mystik des Mittelalters reagierte auf ein Christusbild, das Jesus weit von allem Menschlichen entfernt als unnahbaren Weltenrichter wahrnahm. Das 17. Jahrhundert stellte den barmherzigen Jesus gegen einen übertrieben strengen Moralismus. Im 19. Jahrhundert schuf die Herz-Jesu-Bewegung ein Gegengewicht zum Rationalismus der Aufklärung, in dem das Gefühl keinen Platz mehr hatte. Immer ging es darum, Jesus wieder zu finden; ihn in die Nähe zu rücken, wenn er zu verschwinden drohte oder wenn es in der Kirche zu kalt und hart wurde. 

Christ sein heißt, eine Herzensbeziehung zu Christus zu haben. Das ist der Kern des Glaubens. Denn Gott hat ein Herz für die Menschen, und in Christus wird dieses Herz Fleisch und Blut. Die Erfahrungen mit Jesus zeigen: Er ist ein Mann mit Herz. Seine Gleichnisse sprechen zu den Herzen der Menschen. Er nimmt sich das Unglück der Menschen auf der Straße zu Herzen. Jesus weint, er hat Angst, er ist glücklich, er kann beherzt auftreten, er kann wütend werden und angreifen. – Jesus war nicht so lieb, wie die Herz-Jesu-Bildchen glauben machen. Jesus zielt nicht auf das Kalkül, er fordert keinen Gehorsam. Seine Frage an uns lautet: „Liebst du mich?“ 

Und am Ende gibt er sich ganz. Die letzte Attacke am Kreuz gilt seinem Herzen, durchbohrt von der Lanze eines römischen Soldaten. Aber das Herz Jesu hat nicht aufgehört zu schlagen. „Aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche“, heißt es in der Präfation zum Herz-Jesu-Fest. 

Dieses Bild ist heute nicht mehr jedem geläufig. Was es sagen will, ist heute besonders wichtig. Gerade wenn Herzlosigkeit zur Mode wird, brauchen wir ihn: den Gott, der so ganz anders ist als die Menschen, und doch so menschlich, wenn er uns in seinem Sohn sein Herz schenkt.

Text: Andreas Hüser