08.11.2017

Mitglieder des Ordensrates beraten über ihre Aufgaben beim Erneuerungsprozess der Kirche im Bistum

Hören, was Christus sagt

Im sechsten Jahrhundert waren es die Benediktiner, später die Franziskaner, Dominikaner oder Jesuiten. Kirchliche Reformen gingen oft von den Orden aus. Ist es auch heute so? Ordensmitglieder aus dem Erzbistum Hamburg haben sich gefragt: Was ist unsere Aufgabe im Erneuerungsprozess

Schwester Gratian Grote und Schwester Gudrun Steiß bei der Ordensratstagung
Sie gehören dem diözesanen Ordensrat an: Schwester Gratiana Grote und Schwester Gudrun Steiß   Foto: Andreas Hüser

Natürlich gehört nur ein kleiner Teil der Katholiken im Erzbistum Hamburg einem Orden an. Aber man findet die Schwestern und Brüder an allen Brennpunkten der Seelsorge: Im Gefängnis, an der Uni, in der Krankenpflege, in der Sorge um Obdachlose, um Kranke und Flüchtlinge, in der Priesterausbildung, in der Gemeindeseelsorge und am Auffälligsten in den Klöstern, die heute zum großen Teil Orte der Gastfreundschaft sind. 

Die Ordenslandschaft im Norden hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Viele Niederlassungen mussten wegen Nachwuchsmangels aufgegeben werden. Neue Gemeinschaften, unter anderem aus Afrika und Indien, sind neu gekommen.

Verändert hat sich auch der Grund, weshalb Christen in einen Orden eintreten: „Bis zum 19. Jahrhundert gab es für Frauen fast nur eine Möglichkeit, berufstätig zu werden. Sie mussten Ordenschwester werden“, sagt Xavières-Schwester Gudrun Steiß, Leiterin der Pastoralen Dienststelle und des Projekts „missionarische Kirche“ im Erneuerungsprozess. Und viele soziale Leistungen – etwa in der Betreuung von Waisenkindern oder in der religiösen Erziehung – hätte es ohne Ordensleute überhaupt nicht gegeben. 

Das ist heute ganz anders. Und auch das Selbstverständnis der Orden hat sich geändert. Schwester Gratiana Grote, Thuiner Franziskanerin aus Niendorf: „Früher hat uns eher die Tätigkeit geprägt, das was wir taten. Heute steht im Vordergrund: das, was wir sind. Allein deshalb, weil wir älter werden und viele Tätigkeiten wegfallen.“

Dass Ordensleute anders sind als andere, sieht man meist schon an ihrer Kleidung. Sie werden als Vertreter des christlichen Glaubens erkannt und beansprucht. „95 Prozent der Mütter, die zu uns kommen, haben keine Glaubenserfahrungen“, sagt Schwes-ter Gratiana, tätig in der Mutter-Kind-Kurklinik Stella Maris in Niendorf/Ostsee. „Trotzdem fragen und suchen Sie nach Gott.“

Der Bedarf nach Glaubenserfahrungen steigt. Und viele Gemeinschaften – etwa die Benediktiner in Nütschau, die Franziskanerinnen in Kiel oder die Karmelitinnen in Finkenwerder – sehen darin ihre Mission in einer glaubensfremden Umwelt. 

Das wichtigste: die Beziehung zu Christus

„Wenn alte Schwestern von früher erzählen“, schildert Schwes-ter Gratiana, „dann hat man den  Eindruck: Ihr Leben bestand fast nur aus Arbeit.“ Das forderten damals die Umstände. Heute, da viele Aufgaben durch das Sozialwesen abgedeckt sind, bekommt  auch in den Orden die Spiritualität ein größeres Gewicht. So haben die Ordensleute bei ihren Treffen sich vorgenommen: „Das Wichtigste ist für uns: Wir wollen unsere persönliche Beziehung zu Christus vertiefen.“ 

Man könnte meinen, die Christusbeziehung sei für Nonnen und Mönche eine Selbstverständlichkeit. Aber das stimmt nicht. „Auch im Kloster gibt es die Gefahr, dass man nur so dahinlebt.“ Die Beziehung zu Christus ist nicht etwas, das man hat wie einen Besitz. „Und wer sagt: Ich hab’s, der hat es nicht.“ 

Christus näher zu kommen, das ist auch ein Ziel des Erneuerungsprozesses. Die Ordensleute haben ihren Mitchristen darin einen Schritt voraus. Denn zu ihren Lebensregeln (den „Evangelischen Räten“) gehört neben Armut und Keuschheit der Gehorsam. Gehorsam? „Gehorsam bedeutet ja nicht, seinen Willen aufzugeben“, erklärt Schwester Gudrun. „Es kommt vom Wort „hören“ und heißt nichts anderes, als gemeinsam auf den Heiligen Geist zu hören.“ 

Und das soll auch im diözesanen Erneuerungsprozess passieren. In den „Hörprozessen“ achten die Teilnehmer auf die Zeichen der Zeit, bedenken das Wort Gottes. Und sie vertrauen darauf, dass Christus mit uns auf dem Weg ist, sich immer wieder neu offenbart. Schwester Gudrun ist sicher: „Das gilt für uns als Gemeinschaft wie auch  für den Einzelnen – dass wir hören müssen: Wie zeigt sich Chris-tus heute? Was sagt er mir heute? Und welche Konsequenzen hat das? Papst Franziskus hat uns zu diesem Hören aufgefordert. Und ich denke, dass die ganze Kirche dieses Hören ganz neu lernen muss.“

Text u. Foto: Andreas Hüser