14.12.2016

Träume und ihre Bedeutung

Gottes vergessene Sprache

Josef träumt und erkennt, dass er Maria zu sich nehmen soll, sie nicht verstoßen soll, weil sie ein Kind erwartet. So schildert es das Evangelium von diesem Sonntag. Eindeutig ein religiöser Traum. In anderen Fällen jedoch ...

Unwirklich, nebelhaft, schwankend - so und ähnlich können Träume daherkommen. Wie viel Wirklichkeit steckt in ihnen? Und welche? Diese Fragen beschäftigen Menschen seit Jahrtausenden. Foto: istock

Ein junger Mann träumt, dass er am Steuer seines Autos sitzt, aber das Auto fährt nicht in die Richtung, in die er lenkt; er gibt Gas und versucht, einen Berg hinaufzufahren, aber das Auto stockt und bleibt stehen. Ist das auch ein religiöser Traum? 

Träume beschäftigen jeden, der träumt und sich am Morgen daran erinnert: Was bedeutet der Traum in meiner Situation für mein Leben? Heute ist das auch Alltag von Psychologen und Therapeuten – oder auch in medizinischer Hinsicht von Neurologen, die sich fragen: Was passiert eigentlich in unserem Gehirn und in unserem Körper, wenn wir träumen? Die Frage, ob und was Träume bedeuten, wird dadurch aber nicht leichter beantwortet.

Für den Psychologen und wissenschaftlichen Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, Professor Michael Schredl, ist klar, dass das, was Menschen im Wachzustand erleben, auch im Traum vorkommt. Umgekehrt beeinflussen Träume auch das Wachleben. Darüber gebe es in der Wissenschaft keinen Streit. Aber, so sagt er auch: „Die biologische Maschine des Gehirns funktioniert während des Schlafes etwas anders als im Wachzustand. Damit erklären sich Wissenschaftler auch ungewöhnliche Erlebnisse.“ 

 

Die Lösung eines Problems kommt im Traum selten vor

Wenn das Gehirn über Nacht nicht von dem beeinflusst ist, was die Augen gerade sehen und die Ohren hören, arbeitet es auch an Problemen weiter, die den Menschen beschäftigen, aber lösen kann es sie natürlich nicht von alleine: „Wir wissen, dass von Problemen geträumt wird, aber direkte Lösungen kommen selten vor. Wenn ein Traum als hilfreich erlebt wird, kann ich nie sicher sein, ob die Problemlösung dadurch zustande gekommen ist, dass sie geträumt worden ist, oder dadurch, dass ich im Wachzustand über den Traum reflektiert habe“, erklärt Schredl. 

Gefragt, ob Träume etwas Göttliches sind, antwortet der Wissenschaftler, dass man sie zumindest religiös interpretieren dürfe. „Träume sind in der Bibel besondere literarische Formen. Man muss auch bedenken, dass die Menschen damals den Träumen eine andere Bedeutung zugemessen haben als heute. Wenn ein Prophet sagte: ,Ich habe dies und jenes geträumt‘, hatte es mehr Bedeutung, als wenn er gesagt hätte: ,Mir ist etwas beim Mittagessen eingefallen.‘“ 

Das Sonntagsevangelium berichtet vom Traum Josefs, der von einem Engel den Auftrag bekommt, sich nicht von Maria zu trennen, sondern sie zu sich zu nehmen und für sie und das Kind zu sorgen. Der Traum Jakobs von der Himmelsleiter, wenn Joseph die Träume des Pharao deutet oder Samuel in der Nacht Gottes Stimme hört: Die Bibel beschreibt zahlreiche Begegnungen mit Gott im Traum. Sie sind oft rätselhaft, und erst, wenn sie gedeutet werden, erkennen die Träumer, was der Traum ihnen sagt und was sie tun sollen. Nicht immer ist das so konkret wie im Traum Josefs im Evangelium.

Und so gibt es auch auf dem spirituellen Markt eine Fülle von Traum- und Deute-Büchern, bei denen man manchmal kaum unterscheiden kann, ob sie eher esoterisch oder theologisch-spirituell sind. Frauen zeigten durchschnittlich eher als Männer Interesse an Träumen und dem, was sie bedeuten könnten, hat Professor Schredl festgestellt. Auch bei Exerzitien, in der geistlichen Begleitung und im Seelsorgegespräch weist der Traum Perspektiven für den weiteren Weg.

 

Es gibt keine Mauern im Reich des Unbewussten

Der Benediktinerpater und Autor Anselm Grün ist aus vielen Seelsorgegesprächen und der Begleitung von Exerzitien überzeugt: „Gott ist immer bei uns und in uns, gerade auch in der Nacht, wenn wir daheim bei uns sind, wenn wir zurückfallen aus der Zerrissenheit des Alltags in die Einheit, wenn unser Herz sich zurücklehnt und eintaucht in das Reich des Unbewussten, in dem Gott keine Mauern zu durchbrechen braucht, um mit uns zu sprechen.“

Im Neuen Testament ist es vor allem der Evangelist Matthäus, der rund um die Geburt Jesu von Träumen berichtet; auch die Weisen aus dem Morgenland folgen den Hinweisen, die ihnen im Traum gegeben werden. Sie sind keine naiven „Träumer“, wie man abschätzig meinen könnte. Sie spüren: Gott will ihnen etwas sagen im Traum. 

Der 2013 gestorbene Theologe und Psychologe Helmut Hark nennt den Traum in einem Buch „Gottes vergessene Sprache“. Er hat viele Jahre als Psychotherapeut und Lebensberater gearbeitet und sieht seit der Psycho-analyse von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung das Schlagwort „Träume sind Schäume“ widerlegt. Wenn er mit seinen Klientinnen und Klienten über ihre Träume gesprochen hat, dann sah Hark für die Psychotherapie auch die „Chance, durch alles Verdrängte und Verschüttete hindurch sein eigenes Selbst zu entdecken und wichtige Weisungen für seine Lebensgestaltung zu finden“.

Der Autofahrer, der nicht vorankommt, obwohl er Gas gibt, und dem das Lenkrad nicht mehr gehorcht, kann sich fragen, wo er in seinem Leben wirkungslos viel Kraft einsetzt und wo etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Vielleicht ändert er nach dem Traum sein Leben. Nicht alle diese Träume sind religiös. Sie sollen auch nicht überhöht werden. Aber vielleicht sind manche Träume doch ein Ohr für Gottes Ruf.

Von Michael Kinnen