25.10.2017

Informationsreise des Priesterrates nach Marseille

Glauben leben in der Metropole Marseille

Auf einer Reise ins Erzbistum Marseille informierten sich Bischöfe und Priester des Erzbistums Hamburg über das pastorale Leben und die Herausforderungen im Zusammenleben der Religionen in der südfranzösischen Hafenstadt.

Erzbischof und Mitglieder der Priesterkonferenz in Marseille
Hamburger über den Dächern von Marseille, an der Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde.  Foto: Max Niehoff

Dialog, Gastfreundschaft, offene Türen, Begegnung und Geschwisterlichkeit: das sind die Wörter, die wohl am besten die Erfahrungen der Reisegruppe aus dem Erzbistum Hamburg umschreiben, die jetzt die französische Stadt Marseille besuchte. 24 Mitglieder der Dienstkonferenz der Pfarrer und des Priesterrates waren mit Erzbischof Stefan Heße, Weihbischof Horst Eberlein und Generalvikar Ansgar Thim im Erzbistum Marseille zu Gast. Mit dabei war auch Sr. Gudrun Steiß, die selbst viele Jahre in Marseille gelebt hat und sich vor Ort bestens auskennt.

Das Erzbistum Marseille umfasst die Stadt und Teile des Umlandes. Die Diözese hat 1,1 Mio. Einwohner. Wie viele davon Katholiken sind, weiß niemand so genau, denn aufgrund der strikten Trennung von Staat und Kirche gibt es keine verlässlichen Statistiken. Die strikte Trennung führe dazu, dass die Gemeinden und Gemeindemitglieder sehr viel Verantwortung für das Leben ihrer Pfarrei übernähmen, wie Erzbischof Georges Pontier bei einem Treffen positiv herausstellte. Zugleich gebe es aber auch einen großen Nachteil dieser Trennung: „Die Säkularisierung verläuft bei uns schneller“, so der Erzbischof. „Wir müssen uns darum auf unseren Glauben und unser Zeugnis konzentrieren, anstelle darauf, Macht und Einfluss zu haben“, sagte er. Wichtig sei, im Dialog mit den jungen Leuten zu stehen. „Ein wichtiger Ort, um jungen Menschen und Familien begegnen zu können, sind die katholischen Privatschulen“, so Erzbischof Pontier. 35 000 Schüler besuchen im Erzbistum Marseille katholische Schulen, 13 dieser Schulen werden zu 60 bis 100 Prozent von Muslimen besucht.

Viele der Muslime in Marseille sind Nordafrikaner und deren Nachkommen, die durch die koloniale Vergangenheit Frankreichs dorthin migriert sind und oft in den nördlichen Vierteln wohnen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort hoch. Es ist ein Umfeld, in dem auch Extremismus gedeiht. 

Die Religion spielt als Auslöser für Gewalt jedoch eine untergeordnete Rolle. „Viele Jugendliche können kaum Arabisch und kennen fast nichts vom Islam“, sagt Mustafa. Der Muslim ist Gefängnisseelsorger und gehört zum Gemeindeteam von Père Raphael Deillon, Pfarrer von Notre Dame Limite im Norden Marseilles. Père Raphael gehört dem Orden der Weißen Väter an und sein Pfarrteam kümmert sich besonders um Jugendliche und um den Dialog zwischen den Religionen. 

Er ist überzeugt, dass Schuldzuweisungen an ‘den Islam’ das Problem noch verschärfen: „Viele haben geglaubt, Interreligiöser Dialog sei nicht wichtig. Die Ereignisse der letzten Jahre zeigen das Gegenteil.“ 

Besuch der örtlichen Pfarrei Franz von Assisi

Die gesellschaftliche und pastorale Situation des Ballungsraums Marseille wurde bei vielen Begegnungen zum Thema, etwa bei einem Abendessen mit Jesuiten. Schulpastoral, die Flüchtlingsarbeit sowie theologische Fragestellungen standen im Mittelpunkt – wobei auch die Errungenschaften der französischen Küche nicht vergessen wurden. 

Eindruck hinterließ der Besuch in der Pfarrei Franz von Assisi in Vauban. Der dortige Pfarrer und sein Pfarreirat sehen als Zielgruppe der Pastoral alle 5 000 Einwohner des Viertels, das vor zwanzig Jahren hoffnungslos überaltert war. Durchschnittlich 30 Menschen besuchten damals die Gottesdienste. Doch dann begann sich das Viertel zu verjüngen und die Pfarrei ihre Pas-
toral daran auszurichten. Jeden Sonntag gibt es nun eine Familienmesse. Kamen anfangs gerade einmal drei Familien, werden jetzt zehn Kleinkinder betreut und bis zu 40 Kinder nehmen an der Kinderkatechese während der Gottesdienste teil. Für das Team steht fest: „Damit die Pfarrei sich entwickeln kann, müssen Glauben und Spiritualität im Zentrum stehen.“ Die Menschen der Pfarrei sind im Viertel gut vernetzt. Im Gemeindehaus geben Ehrenamtliche außerhalb der Schulzeit Nachhilfe und bieten Religionsunterricht an. Und statt eines Pfarrfestes wird ein Nachbarschaftsfest gefeiert. Man arbeitet mit dem Elternrat der öffentlichen Schule zusammen, mit Vereinen und Unternehmen. 

Vielleicht steht schon im kommenden Jahr ein Gegenbesuch an. 2018 wird die Städtepartnerschaft von Hamburg und Marseille 60 Jahre alt. Insofern war der Besuch aus Hamburg quasi der Auftakt zum Jubiläumsjahr, wie es der deutsche Generalkonsul Rolf Friedrich Krause bei einem Treffen ausdrückte. Und so schickte Erzbischof Heße dann auch eine Ansichtskarte aus der Partnerstadt – an Hamburgs Ers-ten Bürgermeister Olaf Scholz.

Text u. Foto: Max Niehoff