14.04.2014

Als Israel aus Ägypten auszog, keimte ein Same, der seit Jahrhunderten Frucht trägt

Geschichten von Freiheit

Der Exodus ist eine Geschichte voller Freiheitsdrang. Für das Volk Israel, das ohne die Befreiung aus Ägypten nicht denkbar ist. Aber auch für die Christenheit. Die aber brauchte Jahrhunderte, um die befreiende Kraft dieser Erzählung wiederzuentdecken.

 

Menschen in El Salvador demonstrieren gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Für die Feier der Osternacht sind sieben Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. Nicht alle müssen gelesen werden. Die Lesung aus dem Buch Exodus aber ist Pflicht. Ist doch der Auszug der Israeliten aus Ägypten nach der Auferweckung Jesu die wichtigste Botschaft dieser Nacht. In den ersten drei Jahrhunderten war Ostern das einzige Jahresfest der Christen. Parallel feierten sie Pessach – Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Wie die Juden in der Nacht des Exodus auf den Vorübergang des Engels und auf den Aufbruch am frühen Morgen gewartet haben, warteten die Christen in der Osterfeier auf Christus.

Wie genau die ersten Christen Ostern gefeiert haben, ist nicht bekannt. Nur eines ist sicher: „Die Schrift vom Exodus der Hebräer ist vorgelesen worden“, beginnt Bischof Melito von Sardes Ende des 2. Jahrhunderts seine Osterpredigt. Wie er deuteten viele Prediger Ostern vom Durchzug durchs Rote Meer her: als Übergang von der irdischen Gefangenschaft in die Freiheit eines Lebens ganz bei Gott. Dank Christus, dem wahren Pessachlamm, das endgültige Befreiung bringt.

„Wenn dich morgen dein Sohn fragt: Warum achtet ihr auf die Satzungen, die Gesetze und Rechtsvorschriften, auf die der Herr, unser Gott, euch verpflichtet hat?“, so heißt es im Buch Deuteronomium, „dann sollst du deinem Sohn antworten: Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten und der Herr hat uns mit starker Hand aus Ägypten geführt.“ Über 200-mal wird Israel in der Bibel daran erinnert, dass der Herr sein Volk „aus Ägypten geführt“ hat.

Dieses Vermächtnis bewahren die ersten Christen. Wenn sie in ihren Gebeten an Gottes Geschichte mit den Menschen erinnern, nennen sie auch die Befreiung aus Ägypten: „Gott, der Israel aus Ägypten geführt hat und der Jesus von den Toten auferweckt hat“, wird fast zur  Standardformulierung. Frühe Glaubensbekenntnisse, gesprochen bei der Taufe, erinnern an den Exodus. Wurde der Täufling doch losgekauft von der Sklaverei des alten, gottfernen Lebens, gereinigt durch Wasser, an dessen anderem Ende man in das  freie Leben als Kind Gottes eintritt.

 

Treibsatz der Freiheit zündete erst spät

Lange jedoch wurde die Freiheit der Kinder Gottes fast nur geistlich verstanden. Obwohl Gott dem Mose doch Konkretes versprochen hatte: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen … Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und … hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land“ (Exodus 3,7–8). Dieses Versprechen zündete erst spät als Treibsatz für Freiheitsliebende, die sich nicht auf ein Jenseits vertrösten lassen wollten.

 

Als eine erste solche Bewegung gelten die Bauernkriege Anfang des 16. Jahrhunderts, die sehr religiös geprägt waren. Das liegt auch an den Thesen eines Augustinermönches aus Wittenberg. Luther, Zwingli und andere Reformatoren haben an den traditionellen Autoritäten, die die Bauern unterdrückten, gerüttelt. Und sie lenken den Blick auf das, was eigentlich drinsteht in der Bibel – etwa über Gottes Gerechtigkeit. Mit der argumentieren die „Zwölf Artikel der Bauernschaft“, formuliert im März 1525 im süddeutschen Memmingen. Das Manifest, innerhalb kürzester Zeit in 25 000 Exemplaren im Land verteilt, gilt als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Im Vorwort berufen sich die Bauern – auf den Exodus: „Hat er die kinder Israhel, zuo jm schreyendt, erhoeret vnd auß der hand pharaonis erlediget? Mag er nit noch heut die seynen erretten? Ja, er wirts erretten!“ So fordern die Bauern im dritten Artikel die Befreiung von der Leibeigenschaft, weil Christus durch sein Blut alle „erloeßt vnnd erkaufft hat, hyrtten gleych alls wol alls den hoechsten“.

Das zog Kreise. Allein im Frühjahr 1525 melden sich vielerorten Bauernhaufen, wie sie genannt werden, ja, einzelne Familien, und verlangen von Äbten, Bischöfen und Fürsten, ein Ende der Leibeigenschaft. Den überraschten und sonst aufmüpfigen reformatorischen Theologen war das zu viel. Martin Luther, der in seiner populären Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ die Freiheit der Leibeigenen mit keinem Wort erwähnt, polemisiert dagegen, dass „alle Menschen gleich“ und aus dem „geistlichen Reich Christi ein weltliches“ gemacht werden soll. Sein Mitstreiter Melanchthon meint, die Freiheit des Christen sei Freiheit von der Sünde. Und der schwäbische Reformator Johannes Brenz, Berater mancher Bauernvereinigung, ist auch der Meinung: Gottes Wort ändert keine weltliche Ordnung; es sage vielmehr, wie man Herr oder Knecht sein solle.
Allein der „Linksextremist“ unter den Reformatoren, Thomas Müntzer, bleibt dabei: „Das volck wirdt frey werden und Got will allayn der herr daruber sein.“ Zwar endet der Freiheitskampf der Bauern in Gemetzel und Unterdrückung: Doch der Geist der Freiheit war aus der Flasche. Das nächste Mal zeigt er sich 120 Jahre später in England.

Während des Bürgerkriegs auf der Insel (1642–1649) sprechen protestantische Prediger im Londoner Parlament von einem „neuen Exodus“. Oliver Cromwell, Anführer der Antimonarchisten, wird als neuer Mose gefeiert und ist überzeugt: „Unter Gottes Taten ist der Exodus die einzige Parallele, die ich in unserer Zeit erkennen kann.“ Derweil fliehen verfolgte Puritaner übers Meer in ein neues gelobtes Land. Dort schlagen um 1770 Thomas Jefferson und Benjamin Franklin vor, das neue Siegel der USA solle Israels Durchzug durchs Rote Meer zeigen. An Nordamerikas Ostküste, in „God‘s own Country“, entsteht ein Staat mit Sendungsbewusstsein und hohen Idealen. Nur lebt er sie nicht konsequent – und unterdrückt stattdessen selber Sklaven. Die nun greifen das Motiv des Exodus in vollen Zügen auf.

Schriften, Reden und Lieder der Sklavereigegner zitieren die Freiheitsforderungen der Bibel zuhauf; aus Exodus: „Ich habe den Schrei meines Volkes gehört“, „Lass mein Volk ziehen!“, aus Levitikus: „Ruft Freiheit aus für alle Bewohner des Landes!“, aus Jesaja: „Zerbrecht jedes Joch!“ und aus dem Lukasevangelium: „Verkündet den Gefangenen Freiheit“. Ihre „Negro Spirituals“ sind Kirchen-, Arbeits- und Freiheitslieder zugleich. „Als Israel in Ägypten war – lass mein Volk jetzt zieh’n / unterdrückt brutal und unerträglich – lass mein Volk jetzt zieh’n / Geh’ jetzt, Mose, geh’ nach Ägypten hin / sag dem Pharao: Lass mein Volk jetzt zieh’n!“ Das Lied „Didn’t old Pharaoh get los’ in the Red Sea“ schildert genau die Exodus-Lesung in der Osternacht.

 

Für die Schwarzen war die Freiheit Gottes Tat
 

1963 in Birmingham/Alabama: Schwarze US-Bürger demonstrieren und beten unter Führung zweier Pfarrer für ihre Bürgerrechte. Ein Polizist stellt sich ihnen in den Weg. Foto: pa/landov

„Für das Ende der Sklaverei“, so der US-Theologe James H. Cone, „mag es viele politische und gesellschaftliche Gründe gegeben haben. Doch Schwarze selber sahen es als eine Tat Gottes, analog zum Exodus Israels aus Ägypten.“ Gleichzeitig haben die Lieder konkrete Bezüge: Der „Gospel train“ spielte an auf die „Underground Railroad“, eine Fluchthilfeorganisation, die Sklaven in die Nordstaaten bringt, über den Ohio – besungen als „River Jordan“. Hier geschah unbewusst, was 100 Jahre später lateinamerikanische Basisgemeinden als Kern ihres Glaubenslebens festlegten: die Bibel lesen – vor allem Jesu Gleichnisse, den Exodus und die Propheten – die Geschichten auf sich wirken lassen, fragen, was sie fürs eigene Leben bedeuten und entsprechend handeln.

1978 werden in Brasilien Gäste einer Versammmlung von Basisbewegungen so begrüßt: „Gott hat uns hierhergeführt, und das hat seine lange Geschichte: … Wir sind ein Volk, das auch das Leiden kennt: 400 Jahre lang waren wir wie die Sklaven in Ägypten, in einem Land, wo die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wurden. Im Namen Gottes hat Moses das Volk zur Befreiung geführt: Die Schwachen haben die Mächtigen besiegt …“.

 

Anders als die deutschen Reformatoren im 16. Jahrhundert verstehen die Befreiungstheologen Lateinamerikas Erlösung nicht mehr nur geistlich, sondern auch sozial und politisch. Die Lesung der Osternacht ist ein wichtiger Schlüssel dazu: „Der Exodus ist der lange Marsch ins gelobte Land, in dem Israel eine Gesellschaft gründen kann frei von Elend und Entfremdung“, schreibt Gustavo Gutierrez, der Vater der Befreiungstheologie. „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten“, fordert Gott im Bundesschluss mit Israel, „ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.“

Christen in Afrika und Asien haben den biblischen Freiheitsgedanken aufgegriffen und für ihre Verhältnisse ausgelegt. Indische Theologen sehen Gott auf Seiten der Dalits, der Unberührbaren, der untersten gesellschaftlichen Gruppe: „Unser Exodus vom Hinduismus zum Christentum oder besser zu Jesus Christus ist eine wertvolle Erfahrung.“ Auch feministische Theologinnen sind inspiriert vom Exodus: Am Anfang steht die Hebräerin, die ihren Sohn (Mose) im Schilf versteckt, damit er nicht erschlagen wird; am Ende singt Mirjam, die Schwester Aarons, ihr kurzes Jubellied auf die Rettung aus Ägypten: „Singt dem Herrn ein Lied, /denn er ist hoch und erhaben! / Rosse und Wagen warf er ins Meer.“

 

Passt Schadenfreude in die Osternacht?

So wurde „der Auszug aus Ägypten nicht allein eine der größten Begebenheiten in der jüdischen, sondern auch in der Menschheitsgeschichte“, schreibt zu Beginn des 20. Jahrhunderts der jüdische Gelehrte Claude J. G. Montefiore. Und doch bereitet die Geschichte auch Unbehagen. Christen im Nahen Osten etwa. Denn am Ende des Exodus steht die Landnahme; und mit der begründen radikale jüdische Siedler, dass sie Palästinensern Land wegnehmen. Aber auch die erschlagenen Söhne der Ägypter und die Soldaten des Pharao, die „tot am Strand liegen“, verursachen Unwohl. Schadenfreude passt nicht so recht zur Osterfreude: „Was denken Ägypten und der Pharao über die Barmherzigkeit Gottes?“

Nicht allein Christen geht es so. „Als das Heer der Ägypter, das Israel verfolgt hatte, im zurückflutenden Meer unterging, wollten die Engel ein Jubellied anstimmen. Der Herr aber sprach: Meine Geschöpfe ertrinken, und ihr – ihr wollt singen?“, kritisiert ein alter jüdischer Bibelkommentar. Gott ist eben kein Gott nur der Armen und Unterdrückten.
Das sehen auch Befreiungstheologen so und sprechen von einer „vorrangigen Option für die Armen“ und davon, dem „Gott des Lebens“ zu dienen anstatt den „Götzen des Todes“. Wem wollen wir dienen? So lautet auch eine Frage im Buch Exodus, die Gott mit einer Forderung an den Pharao beantwortet: „Lass mein Volk ziehen, damit sie mich in der Wüste verehren können.“

Aktuell scheint der Exodus für Freiheitskämpfer keine so große Rolle mehr zu spielen. In ihrem Aufruf zum Tag der Arbeit am 1. Mai dieses Jahres zitiert ihn die Weltbewegung Christlicher Arbeitnehmer noch einmal. Und Papst Franziskus lässt ohnehin nicht locker: „Jeder Christ und jede Gemeinschaft ist berufen, Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein … Es genügt, in der Heiligen Schrift zu blättern, um zu entdecken, wie der gute himmlische Vater auf den Schrei der Armen hören möchte – ‚Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie zu befreien … Und jetzt geh! Ich sende dich.‘“

Von Roland Juchem

 

 

Israel zog trockenen Fußes durchs Meer, die Ägypter setzten ihnen nach

In jenen Tagen als die Israeliten sahen, dass die Ägypter ihnen nachrückten, erschraken sie sehr und schrien zum Herrn. Da sprach der Herr zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden ins Meer hineinziehen können. Ich will das Herz der Ägypter verhärten, damit sie hinter ihnen hinein-ziehen. So will ich am Pharao und an seiner gan-zen Streitmacht … meine Herrlichkeit erweisen. …

Der Engel Gottes, der den Zug der Israeliten anführte, erhob sich und ging an das Ende des Zuges, und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat an das Ende. Sie kam zwischen das Lager der Ägypter und das Lager der Israeliten. Die Wolke war da und Finsternis, und Blitze erhellten die Nacht. So kamen sie die ganze Nacht einander nicht näher. Mose streckte seine Hand über das Meer aus, und der Herr trieb … das Meer durch einen starken Ostwind fort … Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. Die Ägypter setzten ihnen nach …

Um die Zeit der Morgenwache blickte der Herr aus der Feuer- und Wolkensäule auf das Lager der Ägypter und brachte es in Verwirrung. Er hemmte die Räder an ihren Wagen und ließ sie nur schwer vorankommen. Da sagte der Ägypter: Ich muss vor Israel fliehen; denn Jahwe kämpft auf ihrer Seite gegen Ägypten. Darauf sprach der Herr zu Mose: Streck deine Hand über das Meer, damit das Wasser zurückflutet und den Ägypter, seine Wagen und Reiter, zudeckt. Mose streckte seine Hand über das Meer, und gegen Morgen flutete das Meer an seinen alten Platz zurück, während die Ägypter auf der Flucht ihm entgegenliefen. So trieb der Herr die Ägypter mitten ins Meer. Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao, die den Israeliten ins Meer nachgezogen war …

So rettete der Herr an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter. Israel sah die Ägypter tot am Strand liegen. Als Israel sah, dass der Herr mit mächtiger Hand an den Ägyptern gehandelt hatte, fürchtete das Volk den Herrn. Sie glaubten an den Herrn und an Mose, seinen Knecht. Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer.

Lesung in der Osternacht: Ex 14,15–15,1